Drei-Sterne-General Neuer Chef für Pakistans Skandal-Geheimdienst

Der Tod Osama Bin Ladens, Drohnenkrieg im Grenzgebiet, Eiszeit mit den USA: Pakistans Geheimdienst ISI steht mehr denn je als unzuverlässiger Partner im Anti-Terror-Kampf da. Nun soll ein Drei-Sterne-General als neuer Chef alles besser machen. Er wird der zweitmächtigste Mann des Landes.

Von , Islamabad

Neuer Geheimdienst-Chef Zahirul Islam: "Brauche die Gebete meiner Freunde"
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Neuer Geheimdienst-Chef Zahirul Islam: "Brauche die Gebete meiner Freunde"


Ein Neuer soll's richten: Am Freitagabend gab das Büro von Pakistans Premierminister Yousuf Raza Gilani bekannt, dass der mächtige Militärgeheimdienst Inter-Services Intelligence, kurz ISI, einen neuen Chef bekommt: Generalleutnant Zahirul Islam. Damit beendet der Regierungschef wochenlange Spekulationen, ob der bisherige Amtsinhaber Ahmed Shuja Pasha, 59, weitermachen würde.

Islam, wie Pasha ein Infanterist, übernimmt den Posten zu einem schwierigen Zeitpunkt: Der Ruf des ISI ist international und im eigenen Land schlechter denn je. Die Beziehungen Pakistans zu den USA haben 2011 einen Tiefpunkt erreicht, und der ISI hat einen nicht unerheblichen Anteil daran. "Ich brauche die Gebete und guten Wünsche meiner Freunde und Landsleute", sagte der Drei-Sterne-General der Zeitung "The News". "So Gott will, werden wir alle Schwierigkeiten überwinden."

In die Amtszeit von Pasha fällt der Schlag gegen den Qaida-Chef Osama Bin Laden, der seit 2005 in der nordpakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad, nur 60 Kilometer von der ISI-Zentrale in Islamabad entfernt, gelebt haben soll, angeblich ohne Wissen des ISI und der pakistanischen Regierung. Ein US-Sonderkommando tötete ihn in der Nacht auf den 2. Mai 2011, ohne die Pakistaner einzuweihen - eine Blamage für Islamabad und insbesondere für den Geheimdienst.

Unter normalen Umständen wäre das alleine Grund gewesen, Pasha zu entlassen.

Geheimdienst schüchterte Journalisten ein

Aber die Umstände sind nicht normal - und Pasha blieb im Amt. Im Januar 2011 begannen die Spannungen zwischen dem ISI und dem US-Geheimdienst CIA, als ein CIA-Söldner in Lahore zwei Pakistaner erschoss. Der Schlag gegen Bin Laden, ohne den ISI einzuweihen, der von der CIA geführte Drohnenkrieg im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan sowie ein Nato-Angriff Ende November auf einen pakistanischen Grenzposten, bei dem 26 Soldaten ums Leben kamen, verschlechterten das Verhältnis zwischen beiden Ländern.

Außerdem deutet vieles darauf hin, dass der ISI an der Ermordung von Menschen in der Provinz Belutschistan beteiligt ist, um Unabhängigkeitsbestrebungen zu ersticken. Der Geheimdienst schüchtert kritische Journalisten ein und steht seit langem im Verdacht, Wahlen zu manipulieren. Ein früherer ISI-Chef sagte am Freitag vor Gericht aus, dass der Dienst 1990 umgerechnet rund zwölf Millionen Euro an gefügige Politiker verteilte. Und der Dienst verschleppt eigenmächtig Terrorverdächtige und foltert sie, was den Obersten Gerichtshof vor einigen Tagen veranlasste, die ISI-Führung darauf hinzuweisen, dass die Gesetze auch für sie gälten.

Admiral Mike Mullen, ehemaliger US-Generalstabschef und ein Freund Pashas, sagte im vergangenen September, dass das Haqqani-Netzwerk, eine berüchtigte Terrortruppe, in Wahrheit Teil des ISI sei.

Pasha blieb nach dem Tod Bin Ladens, weil die Fronten verhärtet waren und weil nichts nach einem Schuldeingeständnis aussehen sollte. Dabei soll der General, den das "Time"-Magazin zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt zählt, in den vergangenen Tagen und Wochen mehrmals geäußert haben, er klebe nicht an seinem Stuhl und könne sich ein Leben nach dem ISI vorstellen.

ISI-Chef der zweitmächtigste Mann im Land

Als junger Offizier besuchte Pasha Lehrgänge in Deutschland, er spricht fließend Deutsch. Seit 2008 war er Chef des Dienstes. Kurz nach seiner Ernennung überzogen pakistanische Terroristen die indische Metropole Mumbai mit Terror. Pasha handelte klug, bot sogar an, persönlich nach Indien zu reisen, um die Wogen zu glätten. Zweimal wurde seine Amtszeit verlängert, über eine dritte Verlängerung gerätselt. Der Chef des Geheimdienstes gilt als zweitmächtigster Mann im Land, hinter dem Armeechef. Auf dessen Vorschlag wird er vom Premierminister ernannt.

Mehrere Politiker, darunter der im Exil lebende frühere Militärdiktator Pervez Musharraf, sprachen sich für eine weitere Verlängerung von Pashas Vertrag aus. Pasha sei ein "fähiger Offizier" und ein "guter Mann", sagte Musharraf noch am Donnerstag in einem Interview. Die Opposition im Parlament verlangte dagegen eine Neubesetzung. Auch in der Regierung waren manche verärgert über die Versuche Pashas, die Schuld für Verfehlungen von sich zu schieben. Der Graben zwischen militärischer und ziviler Führung hat sich in den vergangenen Monaten vertieft.

Der Neue, General Islam, war einer von dreien, die als Nachfolger im Gespräch waren. Bis 2010 war er Vize-Chef des ISI, bevor er als Corpskommandeur nach Karatschi ging. Jetzt kehrt er in die schwer geschützte Geheimdienstzentrale nach Islamabad zurück.

US-Diplomaten hoffen, dass die Beziehungen zu Washington sich unter ihm verbessern werden. "Im Laufe seiner militärischen Karriere war er mehrmals in den USA", sagt ein amerikanischer Botschaftsmitarbeiter in Islamabad. Der Militäranalyst und pensionierte General Talat Masood bezeichnet Islam als "erfahrenen Offizier" und den "richtigen Mann zur rechten Zeit". Der Fernsehjournalist Moeed Pirzada dämpft dagegen die Erwartungen: "Er ist eine unbekannte Größe. Was wissen wir über ihn, außer dass er schon einmal beim ISI war? Woran glaubt er? Was sind seine Grundsätze? Wie reagiert er unter Druck?"

Pasha wird womöglich Chef jener Einheit werden, die die Kontrolle über die Atomwaffen Pakistans hat. Seine weitere Verwendung wurde bislang noch nicht bekannt gegeben. Wenn er am 18. März seinen Posten als ISI-Chef aufgibt, wird er feiern und trauern zugleich. Es ist sein 60. Geburtstag. Und es ist der Todestag seines Sohnes, der vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam.

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