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Drohender Bürgerkrieg in Nahost: Abbas fleht internationale Gemeinschaft um Hilfe an

Schießereien und Entführungen: Auch heute ist die Lage in den Palästinensergebieten alles andere als friedlich. Trotz der vereinbarten Waffenruhe hält die Gewalt zwischen Hamas- und Fatah-Anhängern an. Angesichts eines drohenden Bürgerkrieges hat Präsident Abbas die internationale Gemeinschaft um Hilfe gebeten.

Gaza - Präsident Mahmud Abbas sieht offenbar kaum noch eine Chance, den Konflikt in den Palästinensergebieten friedlich zu beenden. Der Fatah-Vorsitzende appellierte heute an die internationale Gemeinschaft, einen neuen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern einzuleiten. Er bekräftigte seine Absicht, bald Neuwahlen durchzuführen. Allerdings bot er der radikal-islamischen Hamas auch neue Gespräche über eine gemäßigte Regierung der nationalen Einheit an.

Mahmud Abbas: Appell an die internationale Gemeinschaft
REUTERS

Mahmud Abbas: Appell an die internationale Gemeinschaft

Rückendeckung erhielt Abbas vom britischen Premierminister Tony Blair, der den Präsidenten in Ramallah besuchte. Die nächsten Wochen seien entscheidend für die Entwicklung in der Region, sagte Blair. Abbas betonte seine Bereitschaft zu einem Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert. "Wir brauchen uns gegenseitig", sagte Abbas. Am Abend erklärte sich Olmert zu einem baldigen Gipfeltreffen bereit. Er hoffe, Abbas "sehr bald" zu sehen, sagte Olmert in Jerusalem.

Die Europäische Union fordert neue Initiativen des Nahost-Quartetts aus EU, Uno, USA und Russland. "Nur im Rahmen des Quartetts können wir wirklich weiterkommen", sagte die für Außenpolitik zuständige EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner der "Berliner Zeitung". Sie unterstützt damit einen ähnlichen Vorschlag von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Auch der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, hat die Mitgliedstaaten seiner Organisation zu einer Lösung des innerpalästinensischen Konflikts aufgerufen. Mussa habe nach seinen Gesprächen mit dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak und dem saudiarabischen König Abdallah eine Dringlichkeitssitzung der Außenminister der Arabischen Liga einberufen, verlautete aus dem Umfeld der Organisation. Die Sitzung solle am Sonntag in Kairo stattfinden.

Ex-Minister entführt

Die Lage in den Palästinensergebieten ist zwar deutlich ruhiger als am Wochenende. Dennoch gab es auch heute wieder Tote und Verletzte in beiden Lagern. Mehrere Menschen wurden vom politischen Gegner verschleppt. Beide Seiten wollen mit Geiseln in der Hand ihre Position bei möglichen Verhandlungen stärken.

Am Abend wurde bekannt, dass Unbekannte ein hochrangiges Mitglied der Fatah-Bewegung entführt hatten. Es handelte sich laut einem Fatah-Sprecher um den früheren Minister für die Belange von Gefangenen, Sufian Abu Saida. Er wurde nach wenigen Stunden wieder frei gelassen. Fatah-Leute hatten ebenfalls am Abend einen Kassam-Kommandeur in ihre Gewalt gebracht.

Schon am Morgen kam es vor dem Amtssitz von Abbas zu neuen Feuergefechten. Mehrere Stunden später lieferten sich rund zwei Dutzend Maskierte und Bewaffnete eine Straßenschlacht. Ein 16-jähriger Passant wurde von einer Kugel in den Hals getroffen und schwer verletzt. Am Abend brannten Hamas-Anhänger das Haus des Bruders eines Fatah-Führers im nördlichen Gazastreifen nieder und entführten zwei Verwandte.

Später kam es zu den tödlichen Schüssen auf einen Fatah-Aktivisten. Der 22-Jährige sei ums Leben gekommen, als die Angreifer eine Wohltätigkeitseinrichtung der Fatah in Dschabalija stürmten, sagten Rettungskräfte. Fünf weitere Fatah-Anhänger seien verletzt worden.

Die Fatah setzte ihrerseits ein Büro der Hamas in Brand und entführte einen Funktionär der radikalislamischen Bewegung. Die Hamas erklärte, sie fühle sich dem Waffenstillstand verpflichtet, behalte sich aber das Recht auf Selbstverteidigung vor. Auch die gemäßigtere Fatah rief ihre Kämpfer auf, nur zu schießen, wenn ihr Leben in Gefahr sei.

Die rivalisierenden Palästinenserorganisationen hatten sich am Sonntagabend auf eine Waffenruhe verständigt, nachdem es am Wochenende bei heftigen Kämpfen Tote und Verletzte gegeben hatte.

ler/AFP/AP/Reuters

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