Drohnen-Piloten im Einsatz: Krieg per Knopfdruck

Von , New York

Drohnen-Piloten sitzen in klimatisierten Räumen weit weg von den Anti-Terror-Kriegen in Afghanistan und Irak. Sie steuern ihr Waffensystem per Joystick und Monitor. Die Fernkrieger arbeiten mit großer Präzision - und zu einem Bruchteil der Kosten, die ein Kampfjet verursacht.

Drohnen im Einsatz: Krieg per Mausklick Fotos
USAF

"Zielperson hat Gebäude betreten", meldet die Stimme. "Verstanden", antwortet die Frau. "Von Sensoren bestätigt." Sie sitzt vor einer Computertastatur mit fünf Monitoren, ihre Hände umfassen zwei Joysticks. Neben ihr sitzt ein Mann vor einer ähnlichen Anordnung. "Acht Raketen und zwei Bomben auf zwei Predators", sagt er. "Waffen bereit."

Der Hauptmonitor zeigt das Luftbild einer Straße, live und aus einiger Höhe. Zwei Personen sind erkennbar, sie kommen aus einem Haus, setzen sich in einen Truck und fahren los, verfolgt vom Fadenkreuz auf dem Schirm. "Drei, zwei, eins", zählt der Mann und drückt einen roten Knopf. "Einschlag." Der Wagen verschwindet. Eine Explosionswolke steigt auf. "Exzellente Arbeit", sagt der Mann.

Die Mission dauert zwei Minuten - ein "enemy target kill" des US-Militärs gegen einen gesichtslosen Feind, vollzogen mit einer ferngesteuerten Drohne - im Fachjargon "unmanned aerial vehicle" (UAV) oder "Remote Piloted Aircraft" (RPA) genannt. Das Demo-Video (siehe unten) zeigt die Sicht der Bodenstation in den USA, am anderen Ende der Welt, wo der Pilot und der "Sensor-Bediener" sitzen, in diesem Fall eine Frau. Das Ganze sieht aus wie ein Computerspiel, nur ohne Geräuscheffekte.

Doch natürlich ist es kein Spiel. Der Einsatz von Drohnen im Kampf gegen al-Qaida und Taliban ist ein virtueller Krieg, bei dem sich die Krieger die Finger nicht schmutzig machen müssen - der aber an der Front kaum minder tödliche Folgen hat. "Dies ist viel mehr als eine Evolution", sagt der Kriegsexperte Peter Singer im SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Es ist eine Revolution."

Zwischen Pilot und Drohne liegen 11.000 Kilometer

"Wir stehen erst am Anfang", sagt auch Linden Prause Blue, der zuständige Abteilungschef des Rüstungs- und Technologiekonzerns General Atomics, der die Top-Drohnen-Modelle Predator und Reaper baut, zu SPIEGEL ONLINE. "Im nächsten Jahrzehnt wird die Öffentlichkeit noch enorme Entwicklungen sehen."

Das US-Drohnen-Programm hat zwei Komponenten und zwei Kommandozentralen. Die CIA-Drohnen-Flieger sitzen an der Ostküste, in den Katakomben der CIA-Zentrale in Langley, einem Vorort Washingtons - 11.000 Kilometer von Kabul entfernt. Die Drohnen-Flieger des US-Militärs sind auf dem Luftwaffenstützpunkt Creech in der Wüste Nevadas stationiert, eine knappe Autostunde nordwestlich von Las Vegas.

In beiden Fällen sehen die Kontrollzentren ähnlich aus - sterile, abgeschottete Computerräume. Die Mitglieder des 42nd Attack Squadron der Air Force, die die Afghanistan-Drohnen steuern und überwiegend in Las Vegas wohnen, nennen sich selbst "Gefechtspendler": Nach dem verrichteten Kriegsdienst fahren sie heim.

"Morgens fährst du mit der Fahrgemeinschaft oder dem Bus in die Arbeit, du fliegst eine Acht-Stunden-Schicht, und dann fährst du wieder nach Hause", sagt Luftwaffen-Major Bryan Callahan SPIEGEL-ONLINE-Interview. Callahan, der vier Jahre lang von Nevada aus Drohnen steuerte und jetzt in Langley für alle Drohnen-Einsätze der Air Force weltweit mitverantwortlich zeichnet, ist sich dieser etwas bizarren Situation durchaus bewusst. "Ich lese morgens meine E-Mails, hetze zum Flugzeug. Dann bin ich fertig, gehe in den Laden, hole mir einen Hamburger, lese noch ein paar E-Mails und fahre heim."

Beim Drohnen-Flug gelten dieselben Regeln wie im Kampfjet

Die Fernkrieger, die seit 2006 in Nevada stationiert sind, arbeiten stets in Zweiergruppen. Links an der Computerstation sitzt der Pilot. Er steuert die Drohne und schießt die Waffen ab. Rechts sitzt der "Sensor-Bediener". Er kontrolliert die visuelle Überwachung, kann mit den Kameras zoomen und Infrarot- und andere Strahlen sichtbar machen.

Das Duo steht in ständigem Funkkontakt mit dem Combined Air Operations Center (CAOC) des US-Zentralkommandos in Katar, über das die Bodentruppen den Drohneneinsatz anfordern, und dem US-Stützpunkt Kandahar im Süden Afghanistans, wo viele der UAVs starten und landen. Die Einsätze verlaufen nach denselben Verhaltensregeln wie alle Kämpfe auf dem Schlachtfeld, mit dem Ziel, zivile Opfer zu vermeiden - zumindest auf dem Papier.

Trotz ihrer Distanz fühlen sich Drohnen-Piloten, als seien sie mit an der Front. "Das geht dir alles näher, als du denkst, auch wenn du in Nevada bist", sagt Callahan. "Es ist kein Videospiel."

Die neue Technologie, schreibt Singer, sei zwar "verführerisch", da sie die Illusion erwecke, der Krieg sei sauber. Doch sie reiße dennoch psychologische Wunden, warnte die frühere CIA-Anwältin Vicki Divoll im "New Yorker": "Mechanisiertes Töten ist trotzdem Töten."

Der Großteil der militärischen US-Drohnen-Flüge dient - im Gegensatz zu den CIA-Drohnen - nach Darstellung des Pentagons der reinen Überwachung, Logistikunterstützung und Datensammlung. "Die wahre Stärke dahinter ist der Video-Link und die enorme Fähigkeit, Daten ins System einzuspeisen", sagte Generalmajor Stephen Mueller, der Lufteinsatzchef der Air Force in Kabul, der "New York Times". Demnach produzieren die beiden gängigsten Drohnen-Modelle Predator und Reaper inzwischen täglich mehr als 400 Stunden Video.

2010 wollen die USA 3,5 Milliarden Dollar in Drohnen investieren

Ein einziges Drohnen-System besteht aus vier Fluggeräten, einer Bodenstation, einem Satellitenlink und Wartungscrews am Abschussort, um die Drohnen rund um die Uhr betriebsbereit zu halten. Trotzdem ist es billiger als ein Kampfjet - ein Predator-System kostet 20 Millionen Dollar, ein Reaper-System 53 Millionen Dollar.

Vom Drohnen-Boom profitiert auch die Rüstungsindustrie. Im US-Verteidigungshaushalt für 2010 sind allein rund 3,5 Milliarden Dollar für UAVs eingeplant. Dieses Geld teilt sich eine kleine Gruppe hochspezialisierter Firmen. Darunter: die Boeing-Tochter Insitu und General Atomics aus San Diego, das gerade an einem brandneuen Drohnen-Prototyp arbeitet. Die Branche, sagte Insitu-Chef Steven Sliwa dem "Wall Street Journal" kürzlich, befinde sich in einer ähnlich beneidenswerten Position "wie die Luftfahrtindustrie im Zweiten Weltkrieg".

Zurück zu Obamas Killerdrohnen: Schattenkrieg des Friedensfürsten

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Killerdrohnen - legitimes Mittel oder Mord?
insgesamt 596 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Zwietracht, 09.03.2010
Leute, Leute - "Killerdrohnen", lasst ihr jetzt alle Nachwuchskräfte bei Springer ausbilden? Drohnen sind militärische Waffen. Die Legitimität ihres Einsatzes ist nach internationalem Recht geregelt. "Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?" Und, nicht oder.
2.
BeckerC1972, 09.03.2010
Zitat von sysopFast täglich töten CIA-Drohnen in Pakistan Terroristen - und Zivilisten. Die unbemannten Flugzeuge avancieren zur Waffe Nummer eins im Kampf gegen al-Qaida und Co. Doch die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar. Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?
Ist das Erschießen von Gegner ein Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord? Ist es nicht völlig egal, ob nun Drohnen oder Scharfschützen schießen?
3.
derweltbuerger 09.03.2010
Danke für die Artikel zum Thema! Manchmal zeigt der Spiegel, dass er doch noch was drauf hat. Absolut erschreckend was dort vor sich geht und wieder einmal zeigt sich wo die wahren Terroristen sitzen. Die Machteliten sind dem ihrer Ansicht nach perfekten Krieg sehr nahe. Perfekt deshalb, weil die eigenen Soldaten kaum mehr zu Schaden kommen, das Töten im Hintergrund geschieht, das Ganze extrem preisgünstig ist und die Opfer sich nicht wehren können. Nun spielen also ein paar Soldaten irgendwo in den USA jeden Tag ein paar Stunden "Computerspiel". Virtuelles und reales Töten verschmelzen. Dafür hat man ja massenhaft Kinder mit den entsprechenden Spielen schon vor Jahren zur Genüge ausgebildet. Auch ich fand solche Computerspiele mal toll, nun sehe ich, an was für Situationen man damit schon früh gewöhnt wurde. Die USA sind die größte Bedrohung für den Frieden in dieser Welt. Es ist an der Zeit aufzubegehren! Vergessen wir die Propagandamärchen!
4. Passt doch ... ins Bild!
anathema 09.03.2010
Zitat von sysopFast täglich töten CIA-Drohnen in Pakistan Terroristen - und Zivilisten. Die unbemannten Flugzeuge avancieren zur Waffe Nummer eins im Kampf gegen al-Qaida und Co. Doch die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar. Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?
Genau und objektiv betrachtet sind dies weniger „Waffen“ als raffiniert konstruierte, undifferenziert wirkende „Menschenvernichtungsmaschinen“ und rangieren Ihrer Frage gemäß eher als feiger „staatlicher Mord“. „ ... die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar.“ (sysop) All dies macht aber bei einer angeblichen „rechtsstaatlichen Demokratie“, die Angriffskriege, Menschenentführungen, Foltergefängnisse, subversive Regierungsumstürze planende und durchführende CIA-Aktionen etc. auf der alltäglichen Agenda hat, keinen allzu großen Unterschied mehr, sondern passt meiner Meinung nach haargenau in das bekannte Bild!
5.
Stefanie Bach, 09.03.2010
Zitat von sysopFast täglich töten CIA-Drohnen in Pakistan Terroristen - und Zivilisten. Die unbemannten Flugzeuge avancieren zur Waffe Nummer eins im Kampf gegen al-Qaida und Co. Doch die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar. Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?
Die USA betrachten ihr Vorgehen gegen Terroristen als Akte der Kriegsführung, "the war on terror" ist wörtlich zu verstehen, der Einsatz von Drohnen wird folglich als gebotenes und legitimes Mittel betrachtet. In der deutschen Öffentlichkeit ist der Charakter des Einsatzes gegen Terroristen bis heute ungeklärt geblieben. Selbst Kriegseinsätze wie in Afghanistan wurden und werden sprachlich vertuscht. Vor dem Hintergrund dieser Unwahrheiten kann ein demokratischer Konsens über das berechtigte und gebotene Vorgehen nicht entstehen. Der Zusammenhang von Sprache, Bildung und Erziehung (http://www.plantor.de/2009/der-zusammenhang-von-sprache-bildung-und-erziehung/)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema CIA
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -20-

Fotostrecke
Drohnenkrieg der CIA: Prominente Opfer
Fotostrecke
Grafiken: US-Drohnen

Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS