Vorgehen gegen Drohnenangriffe: Taliban wollen Jagd auf US-Spione verstärken

Von , Islamabad

Pakistanischer Taliban-Kämpfer: "Kollaborateure des Teufels" Zur Großansicht
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Pakistanischer Taliban-Kämpfer: "Kollaborateure des Teufels"

Die Taliban und al-Qaida in Pakistan sind machtlos gegen den Drohnenkrieg der USA. Doch zunehmend nutzen sie einen Schwachpunkt: Die CIA ist auf lokale Helfer angewiesen. Die Extremisten wollen nun mit neuer Härte gegen Spione vorgehen und auch Verdächtige töten.

Künftig dürften in den pakistanischen Stammesgebieten öfter Leichen am Straßenrand liegen, mit durchgeschnittener Kehle oder einem Einschussloch im Kopf und einem Zettel auf der Brust, auf dem steht: "Ich war ein Spion der USA. Mein Schicksal ist das Schicksal aller, die den Ungläubigen dienen." Oft liegen sie am Fuße eines Berges außerhalb der Stadt Miranshah in Nordwaziristan, die Menschen nennen ihn "böser Hügel".

Mehrere Taliban-Kommandeure sagen, sie wollen ab sofort jeden töten, der in den Verdacht gerät, den Amerikanern bei ihrem Drohnenkrieg zu helfen. "Die USA sind offensichtlich nicht davon abzubringen, ihren Luftkrieg gegen die Menschen in den Stammesgebieten fortzusetzen. Es ist an der Zeit, dass wir uns wehren", sagt ein junger Kommandeur aus Nordwaziristan am Telefon. "Wir sagen ganz deutlich: Wer den Amerikanern hilft, muss mit seinem Leben dafür bezahlen."

Ein anderer Taliban-Krieger aus Südwaziristan erklärt ebenfalls, man werde "ab sofort mit aller Härte gegen Kollaborateure des Teufels" vorgehen. "Die USA denken, sie könnten Menschen mit ihrem Geld kaufen. Leider scheinen sie recht zu haben, denn leider lassen sich einige unserer Brüder verführen. Sie glauben, sie könnten ihre eigenen Landsleute für ein paar Dollar verraten. Wir werden ihnen eine angemessene Lektion erteilen." Auch andere Kommandeure aus den mittleren Rängen fordern, man müsse schärfer gegen "Spione" vorgehen.

"Die meisten sind unschuldig"

Die CIA, die aus vielen tausend Kilometer entfernten Bunkern in Amerika Drohnen über das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan steuert, ist auf örtliche Helfer angewiesen. Sie braucht Informationen darüber, wo sich Extremisten gerade aufhalten, und sie braucht Leute, die daumengroße elektronische GPS-Sender an den Zielen - Häuser und Autos - befestigen, auf die per Drohne eine Rakete geschossen werden soll. Diese Männer bekommen zwischen 150 und 450 Dollar pro Drohnenangriff, manche auch mehrere tausend Dollar für die Lieferung von wichtigen Informationen.

In den vergangenen Monaten sind immer wieder Videos aufgetaucht, in denen ängstliche Männer beichten, für die Amerikaner gearbeitet zu haben. Oft sind Folterspuren zu erkennen, die Bilder hinterlassen den Eindruck, dass sie zur Aussage vor laufender Kamera gezwungen wurden. "Ich bin ein Spion und war daran beteiligt Muslime zu töten", sagt einer. "Ich bereue meine Tat und sage euch: Bleibt den Amerikanern fern", rät ein anderer. Es sind todgeweihte Männer: Die Videos enden immer mit Bildern von ihrer Hinrichtung durch die Taliban. Sie werden erschossen, geköpft, gehängt, mit Sprengstoffgürteln in die Luft gesprengt.

"Die meisten sind aber unschuldig", sagt der Journalist Ihsanullah Tipu Mehsud. Er hat im den vergangenen Monaten Männer ausfindig gemacht, denen die Taliban vorwerfen, Helfer der USA zu sein. Männer, denen es gelungen ist zu entkommen. "In ihre Heimat können sie nie wieder zurück", sagt Mehsud, der selbst aus Südwaziristan stammt. Gerade hat er ein Papier für den norwegischen Think-Tank Sisa zu diesem Thema verfasst. "Diese Leute flüchten nach Karatschi oder gleich nach Dubai."

Fotos und Videos für die CIA

Einer davon ist Sher Khan, mit dem Mehsud sich traf. Khan, ein junger Kerl, sagt, er habe tatsächlich für die Amerikaner gearbeitet. Seine Aufgabe war es, Fotos und Videos nach den Drohnenangriffen zu machen. Die CIA nutzte das Material, um die Einsätze auszuwerten. Doch die Taliban wurden auf Sher Khan aufmerksam. Sie warfen ihm vor, Koordinaten von möglichen Zielen weitergegeben und bei dem Angriff auf einen hochrangigen Taliban-Kommandeur in Südwaziristan geholfen zu haben. Als sie Khan an einer Straßensperre aufgreifen wollten, gelang ihm die Flucht. Seither versteckt er sich im Ausland.

Sechs weitere Männer, die den Taliban nach wochenlanger Folter entkamen, beschwören dagegen, sie hätten nicht für die USA spioniert. Sie seien jetzt zwar in Sicherheit vor den Extremisten, würden sich aber um ihre in den Stammesgebieten zurückgebliebenen Familien sorgen. Mehsud sagt, es sei für die Beschuldigten schwierig, in solchen Fällen ihre Unschuld zu beweisen. Aber solange das nicht geschehe, bleibe der Verdacht bestehen.

Jener Verdacht, der nach dem Willen mehrerer Taliban-Kommandeure für ein Todesurteil ausreichen soll.

Die Taliban haben gemeinsam mit al-Qaida eine Einheit gegründet, die Spione ausfindig machen und ihnen Geständnisse entlocken soll. Schwarz gekleidete Männer mit maskierten Gesichtern fahren in Pick-ups durch die Gegend und führen Razzien durch. Zeitweise war die Einheit aufgelöst, weil Stammesälteste sich über die Brutalität ihrer Mitglieder beschwert hatten, doch kurze Zeit später nahm sie ihre Arbeit unter neuem Namen wieder auf.

Angst vor Drohnen, Angst vor Taliban

Die Bewohner in den Stammesgebieten beschreiben ein schweres Leben in einer kargen, bergigen Region. Zwei Ängste würden sie ständig begleiten: die Furcht, Opfer eines Drohnenangriffs zu werden, weshalb sie keine Besucher mehr empfingen und Feste feierten, weil das als Versammlung von Extremisten gedeutet werden könnte. Und die Angst, von den Taliban der Spionage bezichtigt und getötet zu werden. Dabei hätten die meisten Menschen nichts mit den USA und ihrem Drohnenkrieg zu tun, sagt Journalist Mehsud. Stammesälteste hätten das auch in Gesprächen mit dem pakistanischen Taliban-Chef Hakimullah Mehsud zur Sprache gebracht, der die Hinrichtung von Spionageverdächtigen angeblich kritisch sehe.

Die Drohnenangriffe sind umstritten: Die pakistanische Regierung kritisiert sie öffentlich als Missachtung der staatlichen Souveränität, duldet sie aber insgeheim. Auch die Uno verurteilt die Luftangriffe als Verletzung der Eigenständigkeit Pakistans.

Am liebsten wäre es Islamabad, selbst über die entsprechende Technologie zu verfügen und gegen Extremisten in den Stammesgebieten vorzugehen, aber die USA wollen Pakistan keine Drohnen überlassen.

In Amerika wird die Debatte vor allem darüber geführt, inwieweit der Drohnenkrieg legal ist und ob der US-Präsident das Töten von Menschen ohne gerichtlichen Prozess anordnen darf. Darüber hinaus beklagen Menschenrechtsorganisationen den Tod vieler Zivilisten.

Belastbare Zahlen gibt es nicht. Die Lage vor Ort lässt sich nicht unabhängig überprüfen, die Stammesgebiete sind selbst für Pakistaner aus anderen Teilen des Landes schwer zugänglich, da die Region von Extremisten und Stammesältesten kontrolliert wird. Journalisten dürfen nur in Begleitung des Militärs dorthin reisen, das ihnen dann die vermeintlichen Erfolge im Kampf gegen Terroristen zeigt.

Die Androhung der Taliban, dass künftig schon der Verdacht der Spionage ausreiche, um jemanden zu töten, macht das Reisen in die Region kaum leichter.

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insgesamt 198 Beiträge
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1.
ElHombreQuiereMas 06.05.2013
Zitat von sysopDie Taliban und al-Qaida in Pakistan sind machtlos gegen den Drohnenkrieg der USA. Doch zunehmend nutzen sie einen Schwachpunkt: Die CIA ist auf lokale Helfer angewiesen. Die Extremisten wollen nun mit neuer Härte gegen Spione vorgehen und auch Verdächtige töten. Drohnenkrieg: Taliban drohen Spionen mit dem Tod - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/drohnenkrieg-taliban-drohen-spionen-mit-dem-tod-a-898184.html)
Nun, wer würde denn nichts gegen Spione unternehmen?
2. nakh00
nakh 06.05.2013
Ist doch in Ordnung wenn man Mörder ermorden will vielleicht sterben dann weniger Familien von drohnen Piloten die neben bei Chips und Cola fressen
3.
dancar 06.05.2013
[QUOTE=sysop;12665985]Die Taliban und al-Qaida in Pakistan sind machtlos gegen den Drohnenkrieg der USA. Doch zunehmend nutzen sie einen Schwachpunkt: Die CIA ist auf lokale Helfer angewiesen. Die Extremisten wollen nun mit neuer Härte gegen Spione vorgehen und auch Verdächtige töten. einfach nur schlimm und schrecklich; wahrscheinlich werden die gefoltert und getötet die schlicht und einfach keine begeisterten Mitläufer sind oder "Brille" tragen; wie damals bei Pol Pot.... somit auch junge Erwachsene und tolerante Familienväter; die Wut kocht in mir einzig die Gedanken hinsichtlich Taliban sind frei.
4. Zumindest wissen diese Menschen ...
kabian 06.05.2013
... das sie verfolgt werden. Bei missglückten Drohnen wußten die Menschen gar nicht, das sie im Visier der Schreibtischtäter waren. sie konnten nicht weglaufen!!!
5.
paxamericana 06.05.2013
Vollkommen richtig dass die USA die Kontrolle über die Drohnen behalten. Pakistan will die Taliban selbst bekämpfen? Das ist ja so als wolle der deutsche Verfassungsschutz Neonazis bekämpfen ...
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Drohnen im Einsatz: Krieg per Mausklick

Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS