Studie von US-Juristen Obamas Drohnenkrieg schürt Terrorgefahr

Niemand setzt im Kampf gegen Terroristen so stark auf Drohnen wie US-Präsident Obama - mit fatalen Folgen, wie Juristen aus Stanford und New York jetzt kritisieren. Das Ergebnis ihrer Studie: Die unbemannten Flugzeuge töten viele Zivilisten und steigern die terroristische Gefahr für Amerika.

USAF

Von , Islamabad


Wenn Mitarbeiter der US-Regierung über den Einsatz von Drohnen gegen Terroristen in verschiedenen Teilen der Welt reden, benutzen sie oft den Begriff "chirurgische Präzision". Die von den Drohnen abgefeuerten Raketen würden "gezielt Militante" töten, es gebe keine zivilen Opfer oder, wenn überhaupt, nur eine verschwindend kleine Zahl.

Barack Obama ist überzeugt, dass der vom US-Geheimdienst CIA geführte Drohnenkrieg die Sicherheit der USA verstärkt. Über kritische Stimmen hat er sich, ermutigt durch mehrere erfolgreiche Schläge gegen hochrangige Terroristen, bislang hinweggesetzt. Am Montag kamen bei einem Drohnenangriff in Nord-Waziristan erneut mindestens acht Menschen ums Leben. Obama wird in die Geschichte eingehen als der US-Präsident, der den Einsatz dieser relativ neuartigen Waffe massiv ausgeweitet hat.

Jetzt kommen Juristen von der Stanford University und der New York University zu einem vernichtenden Urteil: Die Einschätzung der US-Regierung, was die Genauigkeit der Drohnen anbelangt und das Argument, der Einsatz reduziere die terroristische Bedrohung, seien schlichtweg "falsch", heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Studie.

Neun Monate lang forschten die Wissenschaftler - Juradozenten und ihre Studenten - in den USA und in Pakistan, führten Interviews mit Opfern der Drohnenangriffe, mit Augenzeugen, Experten und Journalisten, werteten Tausende von Dokumenten und Artikeln aus. Dabei ging es nicht nur um die rechtliche Beurteilung der Einsätze in Teilen der pakistanischen Stammesgebiete, sondern auch um ihre Wirksamkeit, darum, was sie vor Ort verursachen und ob sie tatsächlich die terroristische Gefahr für die USA reduzieren.

Gespräche mit Opfern und Augenzeugen

Einig sind sich die Forscher darin, dass aus der Region eine "reale Bedrohung" für die Sicherheit der USA ausgeht. "Es ist wichtig, dass die USA in der Lage sind, sich vor terroristischen Gefahren zu schützen." Doch genau dazu seien die Drohnenangriffe nicht geeignet. "Diese Studie präsentiert Belege für die schädlichen und kontraproduktiven Auswirkungen der gegenwärtigen US-Politik der Drohnenschläge", heißt es in der Untersuchung.

Die Belege sind mehr als hundert Gespräche, in denen Opfer der Drohnenschläge von ihren Erfahrungen berichten. Ein Teenager berichtet den Juristen von seinem "glücklichen Leben", bevor die Drohnen anfingen, über seinem Dorf in Nord-Waziristan zu kreisen. Bei einem Angriff verlor er beide Beine und ein Auge. "Ich habe oft Kopfschmerzen, und wenn ich zu viel auf meinen Prothesen laufe, tut es weh", berichtet er.

Ein 22-Jähriger erzählt, wie er sein Politikstudium abbrechen musste, weil sein Vater durch eine von einer Drohne abgefeuerten Rakete ums Leben kam. Andere berichten, wie sie ihre Häuser in Trümmern sahen, wie auf Autos gezielt wurde und wie ganze Familien ausgelöscht wurden.

Die Wissenschaftler untersuchten mehrere Quellen über Zahlen von Opfern. Sie kommen zu dem Schluss, dass das Bureau of Investigative Journalism in London über die zuverlässigsten Daten verfügt. Demnach wurden seit Juni 2004 bis heute zwischen 2562 und 3325 Menschen in Pakistan durch Drohnenangriffe getötet, darunter 474 bis 881 Zivilisten - einschließlich 176 Kinder. Die Zahlen schwanken extrem, weil eine unabhängige Überprüfung nicht möglich ist. Die betroffene Region Waziristan ist vom pakistanischen Militär abgeriegelt, und die US-Regierung stuft alles, was mit den Drohnenangriffen zu tun hat, als geheim ein. Fest stehe aber, dass die Geschichte von den kaum vorhandenen zivilen Opfern nicht stimme.

Mehr freiwillige Kämpfer seit Beginn des Drohnenkriegs

Grund für die hohe Zahl an zivilen Opfern ist der Studie zufolge die unpräzise Steuerung der Geräte. Zwischen der Aufnahme von potentiellen Zielen am Boden und der Übertragung des Videos in die Steuerungszentrale der CIA an der US-Ostküste liege eine zeitliche Verzögerung, die ein genaues Schießen unmöglich mache. Dies hätten selbst Firmen eingeräumt, die an der Entwicklung der Drohnen beteiligt waren.

Jede Familie, in der jemand unschuldig Opfer eines Drohnenangriffs wird, bedeutet den Forschern zufolge neue Herausforderungen. Denn theoretisch entstehe dadurch "neues Rachebedürfnis", zitieren sie einen früheren US-Militärberater. Die Zahl der freiwilligen Kämpfer gegen die USA sei seit Beginn der Drohneneinsätze "exponentiell gestiegen".

Aus Sicht der Forscher wiegt aber auch schwer, dass alle Befragten über Einschränkungen in ihrem täglichen Leben berichten. Ein Mann beschreibt ihnen den täglichen Terror durch die Drohnen, die immer am Himmel zu hören und tagsüber auch zu sehen seien. "Nur Gott weiß, ob sie uns wieder angreifen werden oder nicht. Aber sie beobachten uns ständig, sie sind ständig über uns, und man weiß nie, wann sie uns attackieren." Psychologen bestätigten den Autoren der Studie, dass psychische Krankheiten in der Region, insbesondere Angstzustände, weit verbreitet seien.

Seltene Erfolge gegen hochrangige Terroristen

Auch das Argument, Drohnenangriffe erhöhten die Sicherheit der USA vor Terroranschlägen, lassen die Forscher nicht gelten. "Diese Behauptung ist bestenfalls unklar", heißt es in der Studie. Die Verfasser streiten nicht ab, dass bei den Angriffen auch hochrangige Militante wie der pakistanische Taliban-Chef Baitullah Mehsud oder die Nummer zwei von al-Qaida, Abu Jahja al-Libi, getroffen wurden. Doch der Anteil der hochrangigen und mithin gefährlichen Extremisten liege Schätzungen zufolge bei nur zwei Prozent aller Opfer. Damit sei auch eine rechtliche Legitimation der Drohnenangriffe nicht zu halten, weder nach US-Recht noch nach internationalem.

Dass das Vorgehen von Anfang an zweifelhaft war, begründen die Wissenschaftler mit mehreren Beispielen. So wurden beim ersten tödlichen Drohneneinsatz der USA überhaupt, im Februar 2002, drei Männer getötet, von denen es sich bei einem angeblich um Osama Bin Laden handelte. Später stellte sich das als falsch heraus, über die Identität der Opfer gibt es bis heute unterschiedliche Angaben. Dennoch setzten die USA sechs Monate später die erste Drohne im Jemen ein.

US-Präsident George W. Bush startete den regelmäßigen Drohneneinsatz im Jahr 2004. Bis zu seinem Amtsende im Januar 2009 befahl er insgesamt 52 Drohneneinsätze. Seiher hat Obama bald 300 Drohneneinsätze angeordnet, die ersten zwei gleich drei Tage nach Amtsübernahme. Anfangs hieß es, dabei seien "zehn Militante" getötet wurden. Namen wurden, wie meistens, nicht genannt. Später berichteten Augenzeugen, dass unter den Toten drei Kinder waren.

Dem Autor auf Facebook folgen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 240 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-10000283853 25.09.2012
1.
Zitat von sysopUSAFNiemand setzt im Kampf gegen Terroristen so stark auf Drohnen wie US-Präsident Obama - mit fatalen Folgen, wie Juristen aus Stanford und New York jetzt kritisieren. Das Ergebnis ihrer Studie: Die unbemannten Flugzeuge töten vor allem Zivilisten und steigern die terroristische Gefahr für Amerika. http://www.spiegel.de/politik/ausland/drohnenkrieg-us-spitzenjuristen-kritisieren-obama-a-857702.html
Wer auf so ein Ergebnis kommt ist ein frecher Lügner. Denn gesunder Menschenverstand reicht, um zu wissen, dass eine Drohne die 24h über einem Objekt mit hochauflösendem Video schweben kann und bis auf Meter genau zielen kann, immer weniger unschuldige Opfer trifft als jede andere Art des Beschuss in einem Krieg.
ehf 25.09.2012
2.
Zitat von sysopUSAFNiemand setzt im Kampf gegen Terroristen so stark auf Drohnen wie US-Präsident Obama - mit fatalen Folgen, wie Juristen aus Stanford und New York jetzt kritisieren. Das Ergebnis ihrer Studie: Die unbemannten Flugzeuge töten vor allem Zivilisten und steigern die terroristische Gefahr für Amerika. http://www.spiegel.de/politik/ausland/drohnenkrieg-us-spitzenjuristen-kritisieren-obama-a-857702.html
Also, zunächst sagt der Begriff Zivilist in den Gegenden wenig aus, wird aber gerne vorgeschoben. Dann könnte man den Herren Juristen empfehlen, doch selber mit den Terroristen zu versuchen zu verhandeln. Vielleicht geht es ja sogar glimpflich aus? Das Argument mit der Erhöhung der terroristischen Gefahr ist auch albern, reichen dazu doch schon ein paar Karikaturen oder ein Video aus.
innajjanni 25.09.2012
3. optional
Spätestens wenn die ersten "Aufklärungsdrohnen" vor unseren heimischen Fenstern schweben, werden wir bemerken, das "wir" einen Großteil zur Radikalisierung dieser Bevölkerungsteile in gerade Pakistan und Jemen beitragen. Aber wie man in Wald hineinruft, so schallt es eben auch heraus!
cdrenk 25.09.2012
4. Präzision
Dieser Krieg begann nicht erst 9/11, wo ein paar tausend Opfer anfielen. Ein "10"/11 zu verhindern kann weniger Opfer vertragen und rechtfertigen.
chatter 25.09.2012
5.
Zitat von sysopUSAFNiemand setzt im Kampf gegen Terroristen so stark auf Drohnen wie US-Präsident Obama - mit fatalen Folgen, wie Juristen aus Stanford und New York jetzt kritisieren. Das Ergebnis ihrer Studie: Die unbemannten Flugzeuge töten vor allem Zivilisten und steigern die terroristische Gefahr für Amerika. http://www.spiegel.de/politik/ausland/drohnenkrieg-us-spitzenjuristen-kritisieren-obama-a-857702.html
Hier beginnt schon die gezielte Falschmeldung. C
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.