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US-Militär: Whistleblower enthüllt Ausmaß des Drohnenkriegs

Immer wieder sterben Unschuldige - doch das amerikanische Militär setzt weiter auf den Tod per Knopfdruck: Ein Whistleblower gibt nun Einblick hinter die Kulissen des Drohnenkrieges und veröffentlicht geheime Dokumente.

Predator-Drohne: "Find, fix, finish" Zur Großansicht
AFP/ DOD

Predator-Drohne: "Find, fix, finish"

Wegen ihrer ferngesteuerten Jagd auf Terroristen stehen die USA international in der Kritik. Der SPIEGEL hatte über das fragwürdige Drohnenprogramm des Landes auf Basis von Dokumenten des Internetportals "The Intercept" bereits ausführlich berichtet. Nun hat ein anonymer Whistleblower mit neuen Geheimdokumenten auf dem Portal das ganze Ausmaß enthüllt.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Veröffentlichung:

  • "Blinde" Angriffe

Die oft als effizient gelobten Angriffe erweisen sich nicht selten als fehlerhaft, weshalb außer mutmaßlichen Terroristen immer wieder Zivilisten sterben. Wegen der schwachen US-Präsenz im Jemen und in Somalia verlässt sich das Militär dort auf Signale von Handys und Computern, doch selbst eine Vollzeit-Überwachung aus der Luft ist wegen der großen Strecke zum US-Stützpunkt in Dschibuti unmöglich. Daher verlässt sich das Militär häufig auf Angaben anderer Länder. Mangels Bodenpersonal können Handys, Computer oder Dokumente von Getöteten nach einem Angriff nicht ausgewertet werden.

  • Die Befehlskette

Unter den veröffentlichen Dokumenten befindet sich eine Seite, die beschreibt, wie die Befehlskette bei Drohnenangriffen im Jemen und Somalia aufgebaut ist. Im Fall eines konkreten Beispiels im Jemen Anfang 2012 begann der Prozess mit der Zielauswahl durch die militärische Kommandoeinrichtung JSOC. Über verschiedene Generäle und den damaligen Verteidigungsminister Leon Panetta kam der Vorschlag zu einem beratenden Ausschuss - damit auch zur damaligen Außenministerin Hillary Clinton. Die letzte Entscheidung lag bei Präsident Obama. Für einen Entschluss benötigte er den Enthüllungen zufolge im Schnitt 58 Tage. Bei seiner Zustimmung hatte JSOC dann 60 Tage Zeit, um die Operation durchzuführen.

  • Die Sprache der Kriegsführung
Informationen über die Ziele werden von den Militärs auf "Baseball-Karten" dargestellt. Ähnlich wie bei den Sportsammelkarten werden dabei persönliche Informationen zu den Zielen zusammengetragen - Verhaltensmuster, Geheimdienstwert, geografische Daten. Außer dem Geheimdienst CIA führt auch JSOC Drohnenangriffe aus. Insgesamt folgen die Geheimdienste der Devise "find, fix, finish" - das Ziel finden, fixieren und eliminieren. Der Entscheidungsprozess durchläuft eine "Kill Chain", eine Kette von Entscheidungsträgern, die vom Einsatzleiter vor Ort bis zum Präsidenten reicht.

  • Töten nach Todeslisten

Die genauen Kriterien, nach denen jemand auf die Liste möglicher Drohnenziele kommt, sind bis heute nicht öffentlich definiert. Für die Obama-Regierung musste anfangs ein Ziel neben der Zugehörigkeit zu al-Qaida oder anderen Terrorgruppen auch eine signifikante Bedrohung für die USA darstellen. Später konkretisierte Obama die Auswahl dann auf Personen, die eine "anhaltende, zeitnahe Bedrohung für das amerikanische Volk" bedeuten und die nicht gefangen werden könnten.

  • Unklare Zuständigkeiten

Wegen der parallelen Attacken von CIA und Militär tobt zwischen dem Geheimdienst und dem Pentagon ein Revierkampf hinter den Kulissen. Weil die CIA mit Angriffen in Afghanistan und Pakistan beauftragt wurde, drängte das Pentagon nach Informationen von "The Intercept" aggressiv darauf, im Jemen und in Somalia die führende Rolle zu spielen, unter anderem mit einer Sondereinheit namens TF 48-4. Daraufhin begann die CIA, den Jemen von einem neu geschaffenen Drohnen-Stützpunkt in Saudi-Arabien ins Visier zu nehmen. Das führte zu parallelen, konkurrierenden Ziellisten und Schuldzuweisungen von Vertretern beider Lager im Kongress.

apr/dpa

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Drohnen im Einsatz: Krieg per Mausklick

Die wichtigsten Drohnentypen
"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS

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