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Drohungen gegen Israel: Erdogans riskante Nahost-Strategie

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul

Der türkische Ministerpräsident Erdogan droht mit weiteren Maßnahmen gegen Israel. Im Streit über den tödlichen Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte setzt er auf die Unterstützung der arabischen Welt - und riskiert den Konflikt mit den USA.

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Erdogan: Wird der türkische Ministerpräsident zum neuen Nasser?

Es war einer der berühmt berüchtigten Auftritte des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Kaum waren seine Sätze in der Welt, mussten bereits Missverständnisse beseitigt werden. Man werde, sagte Erdogan bei einem öffentlichen Auftritt in Istanbul am Dienstagmittag, es nicht bei der Ausweisung des israelischen Botschafters aus Ankara und dem Einfrieren der Militärbeziehungen belassen. Auch alle anderen Verbindungen würden gekappt oder auf Eis gelegt. Also auch kein ziviler Handel mehr zwischen der Türkei und Israel?

Nein, das habe der Ministerpräsident damit nicht sagen wollen, erklärten seine engsten Mitarbeiter umgehend, soweit wolle man es dann doch nicht kommen lassen. Dennoch bleibt die Frage, wie weit Erdogan gehen will, um Israel dafür zu bestrafen, dass die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sich bislang kategorisch weigert, sich dafür zu entschuldigen, dass neun türkische Aktivisten von der israelischen Armee an Bord des Gaza-Hilfsschiffes "Mavi Marmara" erschossen wurden.

Das war am 31. Mai 2010, und seitdem ist das Tischtuch zwischen den einstigen Verbündeten zerschnitten. Genau genommen begann das Zerwürfnis zwischen den langjährigen Bündnispartnern aber bereits gut zwei Jahre vorher. Im Dezember 2008 startete die israelische Armee ihre Operation "Gegossenes Blei", der Codename für den bislang letzten Großangriff auf den Gaza-Streifen.

Damals hieß der israelische Ministerpräsident noch Ehut Olmert. Olmert war zwei Tage vor Beginn des Krieges noch in Istanbul, um in geheimer Mission über den Beginn von Friedensverhandlungen mit Syrien zu verhandeln. Unter der Vermittlung der Türkei war man sich nach Angaben des türkischen Außenministers Ahmet Davutoglu bereits sehr nahe gekommen. Erdogan hat es der damaligen israelischen Regierung sehr übel genommen, dass Olmert scheinbar verhandelte, während er gleichzeitig seinen Militärs grünes Licht für den Angriff auf den Gaza-Streifen gab. Die Regierung in Ankara fühlte sich vorgeführt und gedemütigt. Daraus ist nun auch eine persönliche Feindschaft geworden. Männer wie Netanjahu und vor allem der rechtspopulistische Außenminister Avigdor Lieberman sind für Erdogan keine vertrauenserweckenden Gesprächspartner mehr.

Die Türkei will Demütigungen nicht mehr hinnehmen

Doch der gegenwärtige Konflikt ist mehr als das Fehlen der "Chemie" zwischen Spitzenpolitikern zweier Länder. Er ist Ausdruck einer zunehmenden strategischen Konkurrenz im östlichen Mittelmeer. Wenn Erdogan heute davon redet, dass Israel sich wie ein "Rüpel" verhalten würde, meint er damit die Demütigung bei dem türkischen Vermittlungsversuch zwischen Syrien und Israel und das rücksichtslose Vorgehen der israelischen Soldaten, als sie die "Mavi Marmara" enterten, anstatt den Konvoi mit weniger aggressiven Mitteln zu stoppen.

Die Türkei fühlt sich heute stark genug, solche Demütigungen nicht mehr klaglos hinnehmen zu müssen. Cengiz Candar, einer der bekanntesten türkischen Journalisten und der beste Kenner der türkischen Nahost-Politik, bezeichnete das Drängen auf eine förmliche Entschuldigung der israelischen Regierung als ein symbolisches Kräftemessen zwischen der bisherigen Großmacht am östlichen Mittelmeer und ihrem Herausforderer Türkei.

Trotz der Drohungen Erdogans, der unter anderem auch ankündigte, die militärische Präsenz der Türkei im östlichen Mittelmeer zu erhöhen, ist dennoch nicht mit einem offenen kriegerischen Schlagabtausch zwischen der israelischen und türkischen Marine zu rechnen. Der türkische Generalstab weiß sehr gut, dass man dabei den kürzeren ziehen würde. Erdogan setzt stattdessen weiterhin auf eine Politik der starken Symbole. Er spielt mit dem Gedanken, während eines geplanten Ägypten-Besuchs in der kommenden Woche einen Abstecher nach Gaza zu machen. Der Jubel der gesamten arabischen Welt wäre ihm gewiss. Erdogan könnte sich als neuer Nasser feiern lassen.

Die türkische Außenpolitik ist nach dem offenkundigen Scheitern einer Mitgliedschaft in der EU mehr und mehr darauf ausgerichtet, eine eigenständige Rolle als regionale Führungsmacht im Gebiet des früheren Osmanischen Reiches, also vom Balkan bis Ägypten, zu spielen. Mit der in den letzten zehn Jahren neu gewonnenen ökonomischen Stärke ist dazu eine wichtige Voraussetzung geschaffen worden.

Erdogan war mit seiner Rücktrittsforderung gegenüber Ägyptens Staatschef Mubarak schneller als USA oder EU, er hat im Libyenkonflikt noch rechtzeitig genug die Kurve gekriegt, um nun auch beim libyschen Übergangsrat wohlgelitten zu sein. Und er hat zudem klar gemacht, dass Syriens Diktator Baschar al-Assad kein Gesprächspartner für die Türkei mehr ist. Damit gehört er im Nahen und Mittleren Osten zu den glaubwürdigsten Politikern, zumal er seine Position überzeugenden Wahlsiegen verdankt. Wenn er nun noch den Israelis die Stirn bietet, wird er auf die Neuordnung der arabischen Welt erheblichen Einfluss nehmen können.

Dabei nimmt Erdogan nur noch wenig Rücksicht auf die EU und riskiert auch einen offenen Konflikt mit den USA. Der Türkei droht damit ein schleichender Verlust ihrer Verankerung im Westen. Dieses Risiko ist die gegenwärtige türkische Regierung aber bereit einzugehen, solange sie das Gefühl hat, ein machtpolitisches Vakuum im Nahen Osten füllen zu können. Für dieses Ziel ist Erdogan bereit, den Konflikt mit Israel noch eine ganze Weile anzuheizen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 212 Beiträge
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1. Wohk kaum
Gandhi, 06.09.2011
Zitat von sysopDer türkische Ministerpräsident Erdogan droht mit weiteren*Maßnahmen gegen Israel. Im Streit über den*tödlichen*Militäreinsatz gegen die Gaza-Hilfsflotte setzt er auf die Unterstützung der*arabischen Welt - und riskiert den Konflikt mit den USA. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784763,00.html
Die USA sind auf die Tuerkei genau so angewiesen wie auf Pakistan, deshalb riskiert Erdogan nicht viel . Hingegen waere es sehr peinlich fuer die USA, wenn die IDF gegen ein Kriegsschiff des NATO-Verbuendeten Tuerkei vorgehen wuerde. Dann muesste Washington naemlich Flagge zeigen, der Rat zu Besonnenheit und Zurueckhaltung wuerde sich als das entpuppen, was es ist, naemlich leere Worte(Jetzt verstehe ich aber, warum meine morgigen Beitraege zu diesem Konfliktpotential nicht freigeschaltet wurden).
2. Im Oktober
elserpico 06.09.2011
Im Oktober erfolgt der Showdown, wenn Israel vor der Küste der Türkei nach Erdgas bohrt: http://www.welt.de/channels-extern/ipad_2/politik_ipad_2/article13588651/Tuerkei-droht-Zypern-in-Streit-um-Gas-und-Gaza.html
3. Die Israel Unterstützer
spiekla 06.09.2011
haben Recht, wenn Sie auf den status quo verweisen - völlig unabhängig, wie man die Geschichte der Staatgründung Israels bewertet. Deshalb ist es sinnvoll, diesen status quo zu akzeptieren oder zu ändern, wofür ich plädiere. Erdogan sollte die Wasserlieferung an Israel einstellen und Ägypten ermuntern, den Gashahn zuzudrehen.
4. Die Stunde der Wahrheit
Iran-Differenziert 06.09.2011
Wieso sprechen Sie für Deutschland? Sie sind ein Deutscher unter Vielen. Ich kenne sehr viele Deutsche die genau das Gegenteil denken. Das ist dann auch die Stunde der Wahrheit für Sie. Sind Sie integriert oder schon assimiliert oder die 5.Kolonne von Netanjahu in Deutschland?
5. Türkei
wobbitwz 06.09.2011
Die Türkei spielt gerade Möchtegern-Grossmacht. Das Land hat international so gut wie kein Gewicht. Also einfach ein wenig über diesen Typen lächeln.
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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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