Tod des palästinensischen Botschafters Das Rätsel um die Bombenfalle im Tresor

Der palästinensische Botschafter in Prag starb, als er einen alten Safe öffnen wollte. Die Polizei schließt einen Terroranschlag aus und ermittelt nun in zwei Richtungen: Entweder tötete eine perfide Sprengfalle den Diplomaten - oder er zündete versehentlich eine Bombe, die gar nicht ihm galt.

Dschamal al-Dschamal: Der 56-jährige Palästinenser kam am Neujahrstag ums Leben
DPA

Dschamal al-Dschamal: Der 56-jährige Palästinenser kam am Neujahrstag ums Leben


Prag - Womöglich wollte Dschamal al-Dschamal am Neujahrstag einfach mal ein wenig aufräumen. Bei ihm zu Hause stand noch ein Tresor aus der Botschaft. Dschamal, 56, seit Oktober 2013 palästinensischer Botschafter in Prag, hatte sich den Tresor in seine Wohnung liefern lassen.

Was dann passierte, darüber gibt es mehrere Versionen. Sicher ist: Kurz nachdem der Botschafter den Tresor öffnete, gab es eine Explosion. In dem Safe war ein Sprengsatz. Ausgeschlossen wird von der tschechischen Polizei bisher nur ein gezielter Anschlag auf Dschamal.

"Nach unseren bisherigen Untersuchungen war dies definitiv keine terroristische Attacke", sagte Martin Cervicek, Chef der tschechischen Polizei. Die Ermittlungen der Tschechen sind allerdings noch nicht abgeschlossen. Seit Donnerstag unterstützt sie auch ein palästinensisches Team. Bisher deutet alles auf zwei Möglichkeiten hin, warum der Diplomat ums Leben kam:

· Eine perfide Sprengfalle: An der Tür des Tresors war eine Bombe angebracht. Wer den Safe öffnete, hatte danach ein paar Sekunden Zeit, um die Sprengfalle zu entschärfen. Wer sich am Inhalt des Tresors zu schaffen machte, ohne davon zu wissen, war dem Tod geweiht.

· Ein alter Sprengsatz: Im Inneren des Tresors befand sich eine Bombe, eine Granate oder ein anderer Sprengsatz. Denkbar ist auch, dass Dschamal ihn selbst erst hineinlegte. Die tschechische Polizei bestätigte, dass sie beim Botschafter Waffen im Haus fanden. Versehentlich wurde der Sprengsatz von Dschamal gezündet.

Dschamal starb noch am Neujahrstag im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Eine 52-jährige Frau, vermutlich seine Gattin, wurde wegen Rauchvergiftungen und Schock behandelt. Was sich im Safe befand und ob davon etwas die Explosion überstanden hat, ist weiterhin unklar.

Außenminister Malki vermutet eine Sprengfalle

Die These von der Sprengfalle vertritt der palästinensische Außenminister Riad Malki. Der Tresor sei erst kürzlich beim Umzug der palästinensischen Delegation in ein neues Gebäude wieder aufgetaucht. "Der Botschafter wollte wissen, was in dem Safe ist", berichtet Malki.

Zuvor, so schildert es der Außenminister, habe der Tresor jahrzehntelang ungeöffnet in einer Ecke des alten Botschaftsgebäudes gestanden. Dieses beherbergte schon die Palästinenserdelegation in Prag, als es die Tschechoslowakei noch gab und die PLO als Terrorgruppe galt. Die kommunistische Tschechoslowakei hatte damals gute Beziehungen zu der palästinensischen Untergrundorganisation.

War die Bombe also ein Überbleibsel aus dieser Zeit? Sollte eine Sprengfalle verhindern, dass Unbefugte an Geheimnisse der PLO herankamen? Sollte die Bombe auch geheime Papiere im Innern des Tresors vernichten, etwa Listen mit Geheimquartieren und Agenten?

Sprecher der Botschaft widerspricht

Doch es gibt auch Aussagen, die gegen die Sprengfallen-These sprechen. Nabil al-Fahel, Sprecher der palästinensischen Botschaft in Prag, widersprach Außenminister Malki: Der alte Tresor sei gar nicht jahrzehntelang ungeöffnet gewesen. Man habe darin regelmäßig Geld für den täglichen Zahlungsverkehr der Botschaft deponiert, sagte Fahel im tschechischen Rundfunk.

Doch warum entschied sich der Botschafter überhaupt, den Tresor bei sich zu Hause aufzubewahren? Und wenn der Sprengsatz vorher nicht im Safe aufgefallen war, woher kam er dann? Hatte der Botschafter eine seiner Waffen in den Tresor legen oder herausnehmen wollen?

Dschamal al-Dschamal hätte davon wissen können, wenn die PLO tatsächlich Sprengfallen einsetzte, um ihre Geheimnisse zu sichern. Das alte Hauptquartier in Prag war ihm nicht unbekannt. Schon in den achtziger Jahren war er hier einmal stationiert, außerdem im damals ebenfalls noch kommunistischen Bulgarien. Dschamal war bereits 1975 in Jassir Arafats Fatah eingetreten, der wichtigsten Gruppe innerhalb der PLO. Geboren wurde der Palästinenser in einem libanesischen Flüchtlingslager.

Führten also Unwissen oder Unachtsamkeit zum Tod von Dschamal al-Dschamal? Der Botschafter "wurde zum Märtyrer beim Ausüben seiner Pflicht", zitiert die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa den Außenminister Malki.



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