Dschihadisten in Gaza Al-Qaidas palästinensische Metastasen

Der erste Zusammenstoß zwischen Hamas und der noch radikaleren "Armee der Helfer Gottes" kostete zwei Dutzend Menschen das Leben. Dabei wird es kaum bleiben: Die Qaida-nahe Splittergruppe kündigt ein Nachspiel an, weitere Dschihadisten stehen gegen Hamas bereit.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es ist eine unverhohlene Drohung: "Wir waschen uns rein von jeder Verantwortung für das, was in den nächsten Tagen passieren wird... Erwartet unsere Antwort!" Wenn diese Ankündigung umgesetzt wird, dann dürfte dem Gaza-Streifen weiteres innerpalästinensischen Blutvergießen bevorstehen.

Getöteter Anführer Musa: "Erwartet unsere Antwort"
AFP

Getöteter Anführer Musa: "Erwartet unsere Antwort"

Denn die martialischen Töne stammen aus einem aktuellen Kommuniqué der militant-dschihadistischen Gruppe "Armee der Helfer Gottes", die sich erst am vergangenen Wochenende eine blutige Auseinandersetzung mit der Hamas geliefert hat - zwei Dutzend Tote waren das Ergebnis von schweren Gefechten, der Stürmung einer Moschee und mehreren Explosionen.

Seit über zwei Jahren regiert die Hamas den Gaza-Streifen de facto. Die konkurrierende Fatah-Bewegung ist in dem Landstrich mittlerweile extrem geschwächt. Immer mehr aber fordern nun andere Gruppen die Hamas heraus - solche, die ebenfalls islamistisch motiviert sind, sich ideologisch jedoch am Terrornetzwerk al-Qaida orientieren. Ihnen ist die Hamas zu lasch.

Zwei tote Anführer beklagt die "Armee der Helfer Gottes"

Von solchen Qaida-Metastasen gibt es längst eine Vielzahl. Sie tragen Bombastnamen wie "al-Qaida in Palästina / Grenzland-Brigaden", "Armee des Islam" oder "Islamische Weltfront für die Befreiung der Aksa-Moschee".

Die wahrscheinlich schlagkräftigste ist die "Armee der Helfer Gottes". Die genauen Umstände der blutigen Konfrontation mit der Hamas, die am Freitag begann und bis Samstag dauerte, sind noch ungeklärt. Sicher ist, dass einer der Anführer der "Armee", Abd al-Latif Musa alias Abu Nur al-Maqdisi, in einer von der Gruppierung dominierten Moschee im Süden des Gaza-Streifens ein "islamische Emirat" proklamiert hatte. Einigen palästinensischen Quellen zufolge entzündete sich der Streit allerdings daran, dass die Ibn-Taimiya-Moschee, der Schauplatz der Gefechte, von der Hamas unter die Verwaltung der Religionsbehörde gezwungen werden sollte.

Am Freitag jedenfalls kam es zum Kampf. Etwa einhundert Anhänger hatten sich zum Freitagsgebet versammelt, als Hamas-Kräfte das Gebäude stürmten. Innerhalb kürzester Zeit wurde mit Maschinengewehren geschossen, Musa floh in sein Privathaus, dort starb er schließlich unter ebenfalls ungeklärten Umständen. Auch der offizielle Chef der "Armee" kam ums Leben, er nannte sich "Abu Abdallah al-Muhadschir", sein wahrer Name soll Khaled Banat sein, der Mann aus Syrien stammen. "Wir erwarten jetzt einen neuen Kommandeur", heißt es in der Verlautbarung der "Armee".

Über 40 Mitglieder der Gruppe sollen derweil von der Hamas "verhaftet" worden sein; ihre Vernehmungen, zitiert "al-Dschasira" einen Hamas-Sprecher, fänden derzeit statt.

Mordanschläge auf Hamas-Kader angekündigt

Der Showdown vom Wochenende wird Konsequenzen haben, so viel ist gewiss. Denn die Kluft zwischen der Hamas und ihrer Qaida-nahen Konkurrenz, auch wenn deren Mitglieder zahlenmäßig nicht annähernd mit der Hamas-Gefolgschaft vergleichbar sind, ist nun nicht mehr überbrückbar. Erste Solidarisierungen hat es schon gegeben. So erklärte die "Gemeinschaft des Monotheismus und des Dschihad", die Hamas bestehe aus "Ungläubigen"; eine weitere Qaida-nahe Splittergruppe kündigte Mordanschläge auf Hamas-Führer an.

Zwar hat die Hamas mit ihrer brutalen Reaktion demonstriert, dass sie keine Konkurrenz dulden will - und dass sie in der Lage ist, eine Gruppe niederzuschlagen. Aber zugleich hat sie den Qaida-nahen Gruppen im Gaza-Streifen ein unschätzbares neues Argument geliefert. Denn ähnlich wie die Dschihadisten in anderen arabischen Ländern können nun auch sie behaupten, von ihrer "Regierung" unterdrückt zu werden.

Reuven Paz, einer der renommiertesten Experten für al-Qaida und radikale palästinensische Gruppen in Israel, hat in den vergangenen Jahren beobachtet, wie vor allem junge Kleriker im Gaza-Streifen immer mehr durch militante Dschihad-Vorstellungen beeinflusst wurden. Als Hauptgründe macht er die Wut über Regierungsbeteiligung der Hamas 2006 und eine stärkere Dschihadisten-Szene auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel aus. "Die meisten Dschihadisten-Gruppen im Gaza-Streifen", glaubt Paz indes, "sind im Grunde eher anti-Hamas als pro-Qaida."

Die Hamas will sich partout nicht an al-Qaida annähern

Tatsächlich ist die Liste ihrer Klagen lang. So versprechen Bin Ladens Jünger im Gaza-Streifen eine striktere Anwendung ihrer Auslegung des islamischen Rechts. Die "Armee der Helfer Gottes" hat deshalb schon Internetcafés und Hochzeitsfeiern angegriffen. Diese Gruppen halten es zudem für nicht akzeptabel, dass die Hamas mit Schiiten kooperiert, etwa der Hisbollah im Libanon oder der iranischen Führung. Ebenso lehnen sie Kontakte der Hamas zu arabischen "Verräter"-Regierungen ab und dass die Hamas an Wahlen teilgenommen hat. Sie sind überdies gegen Verhandlungen mit Israel über den entführten Soldaten Galid Shilat und fordern dessen Tod.

Hinzu kommt, dass die Hamas sich partout nicht dem "globalen Dschihad" anschließen will, sondern auf Palästina und dem Kampf gegen Israel fixiert bleibt. Die Dschihadisten wiederholen damit die Kritik, die al-Qaida seit Jahren an der Hamas übt.

Reuven Paz hält die radikale Konkurrenz der Hamas mittlerweile für eine "ernste Bedrohung, politisch wie militärisch". Auch dass dürfte die Hamas dazu bewogen haben, so schnell und skrupellos durchzugreifen. Es sei, so Paz, dieselbe Strategie wie im Kampf gegen die Fatah: "Ein Versuch, jede Herausforderung ihrer Souveränität, Kontrolle, politischer Interessen und Unterstützung mit Gewalt auszuschalten".

Es könnte, auf die "Armee der Helfer Gottes" bezogen, funktioniert haben: Israelische Zeitungen sprechen von einem vermutlich entscheidenden Schlag. Den zahllosen Ironien des Nahostkonfliktes wird so eine weitere hinzugefügt: Dass ausgerechnet die Hamas, die USA, Israel und EU als Terrorgruppe betrachten, Qaida-nahe Gruppierungen bekämpft.

Haben Geheimdienste ihre Hände im Spiel?

Die israelischen Sicherheitskräfte machen sich nach Einschätzung von Ronen Bergman, Journalist und Geheimdienstexperte, derzeit noch keine allzu großen Sorgen um die Entwicklung der Ultra-Radikalen im Gaza-Streifen. Die Gruppierungen richteten ihre Energie vor allem darauf, sich mit der Hamas auseinanderzusetzen - und eben nicht in erster Linie gegen Israel, sagt Buchautor Bergman. Dennoch: Die Radikalen lehnten jede Form von Verhandlungen ab. "Für die israelischen Geheimdienste ist das die bei weitem schlimmste Alternative."

In Internetforen, in denen internationale Dschihadisten sich austauschen, kochen derweil die Emotionen hoch. Die Hamas, die man vorher mit Skepsis betrachtete, ist nun endgültig zur "Verräterin" avanciert, zur "Verbrecherin". Auf Qaida-nahen Webseiten kursieren Listen, auf denen man sich von der Hamas "lossagen" soll.

All das deutet darauf hin, dass die Hamas mit Vergeltung wird rechnen müssen, wenn nicht von der "Armee", dann von Gruppen auf ihrer Linie. Die Hamas hat es dabei mit diffusen, zum Teil obskuren Gegnern zu tun.

Laut "Al-Dschasira" geht die Hamas etwa davon aus, dass arabische Geheimdienste ihre Hand im Spiel dieser Gruppierungen haben. Gerüchte wollen zudem nicht verstummen, dass Israels Geheimdienst auf diese Weise versuche, die Hamas-Regierung im Gaza-Streifen zu schwächen. Dass mittlerweile ausländische Kämpfer den Dschihadisten beistehen, weist die Hamas lautstark zurück. Überraschend wäre es aber nicht.

Zurück zur Koexistenz?

Die "Armee der Helfer Gottes" lässt in ihrem aktuellen Kommuniqué allerdings durchblicken, dass sie am liebsten wieder zum bisherigen Nebeneinander mit der Hamas zurückkehren würde: Niemals habe die Gruppe eine Bombe in den palästinensischen Gebieten gezündet und niemanden zum Ungläubigen abgestempelt. Wer sich der Gruppe habe anschließen wollen und zugleich andere Muslime zu Ungläubigen abstempelte, dem sei von dem getöteten Abu Abdallah gesagt worden: "Du bist noch nicht bereit, für uns zu arbeiten."

Nie habe man vorgehabt, Hamas-Sicherheitspersonal anzugreifen, wie es verbreitet wurde. Vor allem aber: "Wir sind keine Anhänger al-Qaidas."

Zumindest den letzten Satz darf man allerdings getrost missachten. Denn im Juni, als die "Armee" sich erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, nachdem drei ihrer auf Pferden angreifenden Kämpfer von Israels Armee getötet wurden, hatte derselbe Abu Abdallah noch erklärt: "Wir senden unsere warmen Grüße an unseren geliebten Scheich Osama Bin Laden."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.