Kämpfe in Syrien Schlacht um Aleppo bringt Türkei in Not

Ankara ist überfordert: Tausende Syrer sind vor den Bombardements des Assad-Regimes geflüchtet. Terrormilizen des "Islamischen Staats" rücken bis an die Landesgrenze vor - und halten türkische Geiseln fest.

Von , Istanbul

Kämpfe im Norden Syriens: "Aleppo existiert nicht mehr"
REUTERS

Kämpfe im Norden Syriens: "Aleppo existiert nicht mehr"


Aleppo, einst Wirtschaftsmetropole Syriens, gleicht einer Geisterstadt. Von den einst fünf Millionen Einwohnern sind schätzungsweise nur noch eine halbe Million da. Hunderte starben im Bombenhagel des Assad-Regimes, Hundertausende sind geflohen, viele in die nur 50 Kilometer entfernte Türkei. Nur noch Alte, Kranke und Arme harren aus. Trotzdem toben noch immer Kämpfe um die Stadt.

Seit etwa zwei Jahren kontrollieren die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) die größten Teile Aleppos. Nun haben die Streitkräfte des Regimes im Westen und im Süden Stellung bezogen, um die Stadt zurückzuerobern. "Wir befürchten, dass die Menschen von jeder Versorgung mit Lebensmitteln abgeschnitten werden", teilte ein Sprecher der FSA am Mittwoch mit. Immer heftiger würden die Bombardements, es gebe kein Wasser und keinen Strom, berichten Überlebende. "Aleppo existiert nicht mehr", sagte ein Flüchtling am Telefon.

Islamisten rücken vor

Von nordöstlicher Seite rückten jetzt auch noch die Dschihadisten der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) vor und versuchten, in Aleppo Fuß zu fassen. Über soziale Medien verbreiteten sie, sechs Ortschaften entlang der Grenze zur Türkei eingenommen zu haben. Mehrere Aktivisten und Menschenrechtsorganisationen bestätigten den IS-Vormarsch.

Damit könnte der Konflikt auf türkisches Territorium übergreifen. Doch bislang ignorierte Ankara die Gefahr. Die türkische Regierung weigert sich, die Gruppe als Terrororganisation zu bezeichnen. IS rekrutiert ungestört Dschihadisten in der Türkei und nutzt das Land zum Transit in die Kampfgebiete des Irak und Syriens. Den türkischen Sicherheitsbehörden blieb anscheinend sogar verborgen, dass sich mehr als tausend türkische Extremisten dem IS angeschlossen haben.

Von den Geiseln fehlt jede Spur

Möglich ist aber auch, dass die Türkei bewusst über die Untaten der Islamisten hinwegsah. Ankara verfolgt schließlich das Ziel, all jene Kräfte zu unterstützen, die Syriens Präsidenten Assad, einen früheren Freund des türkischen Noch-Premierministers und baldigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, stürzen könnten. Ließ die Regierung dafür diese Extremisten der brutalsten Sorte gewähren? Hochrangige türkische Politiker weisen diesen Vorwurf zurück.

Noch immer sind 49 türkische Staatsbürger Geiseln von IS. Sie gerieten in die Hände der Dschihadisten, als IS-Milizen im Juni das türkische Generalkonsulat in Mossul stürmten. Die Hoffnung, IS könnte sie kurz vor der Präsidentenwahl in der Türkei am vergangenen Sonntag als Anerkennung für türkische Zurückhaltung freilassen, blieb unerfüllt. Von den Geiseln fehlt nach wie vor jede Spur, und aus Sorge um ihr Leben erließ Ankara eine Nachrichtensperre.

Als die USA vergangene Woche Luftschläge gegen IS beschlossen, betonte die türkische Regierung, man werde sich daran nicht beteiligen. Verteidigungsminister Ismet Yilmaz erklärte, die Verantwortung für die verschleppten türkischen Staatsbürger lasse keine andere Entscheidung zu. "Wer auch immer anderes von uns fordert, dem scheinen die 49 Geiseln egal zu sein."

Knapp eineinhalb Millionen Flüchtlinge aus Syrien haben sich inzwischen in der Türkei in Sicherheit gebracht. Die Neuankömmlinge fordern Jobs und Wohnraum, das bringt Spannungen: Am Dienstag soll ein Syrer in der südtürkischen Stadt Gaziantep seinen türkischen Vermieter im Streit erstochen haben. In der Nacht zum Mittwoch zogen daraufhin mehrere mit Knüppeln und Messern Bewaffnete durch die Stadt und griffen wahllos Syrer an.

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insgesamt 62 Beiträge
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Teddi 13.08.2014
1. Na, dann bin ich aber mal gespannt,
wie der "starke Mann" Erdogan all diese unterschiedlichen Strömungen, die auch in die Türkei einsickern, auf einen Nenner bringen wird, denn der "arabische Alptraum" scheint sich ja langsam aber sicher auch der Türkei anzunähern. Da kann es noch ein Schreckenserwachen geben. Wünschen tu ich den Bürgern dort das nicht.
erasmus89 13.08.2014
2. Erdogan erntet,
was er gesät hat. Und es ist vom Autor zynisch zu verschweigen, wie viele Menschen durch die FSA und andere dschihadistische Terrormilizen ermordet wurdn. Im Übrigen wurde in Khan al Assal der Giftgasangriff durch die Rebellen verübt. Also bitte nicht nur einseitig der Regierung wieder einmal die Schuld in die Schuhe schieben. Aleppo war ein blühendes Handelszentrum, bis es die Rebellen attackiert haben!
jetbundle 13.08.2014
3. Verteidigungsfall
Das könnte schnell zum Verteidigungsfall der NATO werden. Da bleibt abzuwarten wass dann das Papier wert ist.
herrwestphal 13.08.2014
4. Die ...
... ganzen Konflikte wirken mittlerweile wie Puzzleteile in einer destabilisierenden Variante der Dominotheorie. Inklusive der Krise in der Ukraine. Die Nachrichtenfülle an Einzelereignissen kann man mittlerweile schon gar nicht mehr überschauen. Für mich sind beispielsweise die 49 türkischen Geiseln fast schon in Vergessenheit geraten. Unter diesen Umständen geraten eventuell auch Teile der Türkei in den Strudel der Flächenbrände, zu mal die Anwesenheit von einer halben Million Syrierern auf Dauer als problematisch einzustufen ist. Ist das wirklich alles so gewollt?
hermannheester 13.08.2014
5. Der Irak wird nie ein "Verteidigungsfall" für die Nato sein
Der Privatkrieg der USA gegen das Volk des Irak geht in die nächste Runde. Die Kräfte, die durch den bitterbösen Saddam erfolgreich gebunden waren, sie schreiten vor und selbst der Nachbar Türkei könnte betroffen sein oder werden. Trotzdem sehe ich keinen generellen "Verteidigungsfall" für die Nato, die hier lediglich das Eisen aus dem Feuer holen nie aber wirklich involviert sein kann - so sie sich nicht "involvieren" lässt.
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