Flüchtlingslager in Calais "Es droht eine Verfolgungsjagd"

Am Montag wird das umstrittene Lager von Calais aufgelöst, Tausende Flüchtlinge sollen mit Bussen auf Unterkünfte in ganz Frankreich verteilt werden. Schon vor Beginn der Räumung kommt es zu Auseinandersetzungen.


Die Stimmung ist angespannt in Calais. Von Montag an soll das als "Dschungel" bekannte Flüchtlingslager geräumt werden, die Polizei will rund 6500 Flüchtlinge auf etwa 160 Aufnahmezentren in ganz Frankreich verteilen. Dort sollen sie einen Asylantrag stellen können. Viele der Migranten lehnen den Plan jedoch ab, wie Helfer übereinstimmend berichten. Ihr Ziel ist ein anderes: Großbritannien.

Seit Jahren sammeln sich in Calais Flüchtlinge, die über den Kanal nach England gelangen wollen. In dem Lager harren sie unter teilweise erbärmlichen Bedingungen aus. Immer wieder gab es gewaltsame Auseinandersetzungen. Auch wenige Stunden vor Beginn der Räumung kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Flüchtlingen und der Polizei.

Polizisten feuerten Tränengasgranaten an einer Umgehungsstraße des Hafens und im Lager ab, wo sie dutzenden Steine werfenden Flüchtlingen gegenüber standen. Eine der Tränengasgranaten landete in einem Müllcontainer, der dadurch in Brand geriet. Bereits in der Nacht zum Sonntag hatte es Zusammenstöße zwischen Flüchtlingen und Polizisten gegeben.

Die französischen Behörden wollen das Lager schon seit geraumer Zeit auflösen. Hilfsorganisationen versuchten dies mit juristischen Mitteln zu verhindern, doch ein Verwaltungsgericht gab am Dienstag grünes Licht für die Räumung. Am Freitag teilten dann die örtliche Präfektur und Frankreichs Innenministerium den Termin zur Auflösung des Lagers mit. Die Räumung soll etwa eine Woche lang dauern, im Einsatz sind nach offiziellen Angaben rund 1250 Polizisten.

Etwa 2000 Flüchtlinge wollten nicht den von der französischen Regierung vorgesehenen Weg gehen, sagte Christian Salomé, Chef der Hilfsorganisation "L'Auberge des Migrants", der Zeitung "Journal du Dimanche". "Einige werden sich in der Umgebung von Calais verstecken. Es droht dort eine Verfolgungsjagd."

Er sei zwar für die Schließung des "Dschungels", doch für Neuankommende müsse es weiter eine Aufnahmeeinrichtung in der Hafenstadt am Ärmelkanal geben, forderte Salomé in der Zeitung "Nord Littoral".

Flüchtlingslager von Calais
REUTERS

Flüchtlingslager von Calais

Die britische Ärztin Lynne Jones sagte der Nachrichtenagentur dpa , erst in der Nacht sei eine fünfköpfige Familie aus Syrien angekommen. Auf die Frage, ob sie die Auflösung begrüße, sagte sie: "Ich bin für eine gute Lösung für die Migranten." Dazu müsse unter anderem Großbritannien mehr tun.

Ein spezielles Verfahren gibt es für Minderjährige, die sich ohne Verwandte in dem Camp aufhalten. Sie können zunächst in Containern in Calais bleiben. Bei Kindern, die Angehörige in Großbritannien haben, pocht Frankreich auf eine Familienzusammenführung.

So durften in den vergangenen Tagen bereits knapp 200 minderjährige Flüchtlinge das Lager verlassen. Helfer gehen davon aus, dass dort insgesamt rund 1300 unbegleitete Minderjährige leben. 40 Prozent von ihnen geben an, in Großbritannien Familienangehörige zu haben. Die britische Regierung hat zugesagt, all diese Fälle zu prüfen. Dafür befragen britische Beamte die Jugendlichen in Calais seit Tagen mithilfe von Übersetzern.

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hut/dpa/AFP

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