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Flüchtlingslager "Dschungel" in Calais: "Das Leben ist besser als im Sudan"

Aus Calais berichten , und (Video)

Pierre Gautheron

Wie lebt es sich im riesigen illegalen Flüchtlingslager in Calais? Helfer beschwören eine große Solidarität unter den Volksgruppen. Doch im Alltag zeigen sich die Grenzen.

Die bunten Schriftzüge leuchten, sogar bei schlechtem Wetter. Es regnet mal wieder auf die schlammigen Wege des illegalen Flüchtlingslagers "Dschungel" am Stadtrand von Calais. Wer sich davon jedoch nicht stören lässt, sieht Frieden, Liebe und Einigkeit. Zumindest als Parolen.

"Love" steht in riesigen bunten Großbuchstaben auf einem großen Holzhaus. "Everybody Welcome" auf einem anderen, es ist ein kurdisches Restaurant. Auf einer weiteren Tür prangt unter der Überschrift "One Love" und "We all Brothers". Doch was ist dran an den großen Worten? Im von der Teilräumung bedrohten Flüchtlingslager an der französischen Kanalküste leben tatsächlich Menschen aus verschiedensten Nationen auf engem Raum zusammen.

Sie haben wenig Interesse an einem Asylverfahren in Frankreich, wo sie niedrigste Anerkennungsquoten befürchten müssen. Stattdessen hoffen sie darauf, irgendwie nach Großbritannien zu gelangen. Weil sie die Sprache sprechen. Weil sie Freunde oder Familien dort haben. Oder weil sie einfach hoffen, dort besser behandelt zu werden als hier oder im Rest Europas. Wie realistisch diese Hoffnung ist, das ist eine andere Geschichte.

Nach Schätzungen von Helfern kommen etwa 25 Prozent der Menschen hier aus Afghanistan und Pakistan, 20 Prozent aus Eritrea und Äthiopien, ähnlich viele aus dem Sudan und etwa zehn Prozent aus Syrien.

Da ist zum Beispiel Samir, 35, aus dem Sudan. Vor seiner Flucht, erzählt er, arbeitete er in der Hauptstadt Khartoum für Coca Cola. Dann kam er übers Mittelmeer nach Italien und weiter nach Calais. Seit sechs Monaten ist er nun im Camp. Ob das alles so stimmt, kann man kaum sagen. Wie bei eigentlich allen, die man im "Dschungel" trifft. Hier, im Südteil des Slums, ist Samir für die Ausgabe von Hilfsgütern mitverantwortlich - und dafür, dass es dabei nicht zu Problemen kommt.

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Flüchtlingslager: Im "Dschungel" von Calais

Schuhe sind gerade keine da

Jeden Tag um 14 Uhr öffnet Samir seine Ausgabestelle: Montags gibt es Kindersachen, Mützen, Handschuhe und Schals. Dienstags Schuhe. Nur sind gerade keine da - auch weil, so berichten es Helfer, die Franzosen Hilfstransporte derzeit gezielt blockieren. Mittwochs gibt es - vorerst noch - Regenbekleidung. Donnerstags warme Sachen. Freitags Hosen. Und so weiter.

"Wir haben eine Regel im Camp", sagt Samir: "Es gibt keine Nationalitäten. Es gibt nur Menschen." Genau genommen, sagt Samir, der sein Gesicht beim Gespräch mit einem Halstuch weitgehend verdeckt, sei der "Dschungel" auch weniger ein Lager. Seine Bewohner seien vielmehr eine Art Bruderschaft. Man sei zusammen in der schwierigen Lage. Zusammen in der Unsicherheit nicht weiter zu wissen, wann das Camp tatsächlich teilweise geräumt wird. Zusammen im Wunsch, eines Tages irgendwie nach Großbritannien zu gelangen.

Die Ausgabestellen hätten dabei geholfen, die Konflikte im Lager zu reduzieren. Das sagt Samir, das sagen aber auch andere Helfer. Streit in Warteschlangen sei selten. Auch, weil es in den verschiedenen Teilen des Camps mehrere solcher Abholstellen gibt. Seit einigen Wochen sei es vergleichsweise ruhig im "Dschungel", bestätigt auch François Guennoc von der Hilfsgruppe L'Auberge des Migrants.

Acht Mann leben in "3 N 32"

Die Ethnien leben im Lager zusammen, aber alle haben ihre eigenen Viertel. Erkennen lässt sich das an den Aufschriften an manchen Gebäuden. Doch immerhin: Die Übergänge sind fließend. Offen zutage treten die Spannungen kaum. Eine Art Parlament mit Vertretern der verschiedenen Gruppen soll Konflikte entschärfen, erklärt Tom Radcliffe, 49, von der Organisation Help Refugees. Der Brite, ein früherer Sozialarbeiter, lebt selbst im Lager, in einem Wohnwagen. Er ist Ansprechpartner und Vertrauensperson für viele Flüchtlinge.

Eine mögliche Räumung des Lagers warten sie ab - was bleibt ihnen auch übrig? "Darüber mache ich mir Gedanken, wenn es so weit ist", sagt etwa Osman. "Das Leben hier ist besser als im Sudan." Der 30-Jährige war dort Bauer, sagt er. Auf Märkten habe er seine Produkte verkauft. Nun wohnt Osman mit sieben Landsleuten in einer mit schwarzer Folie bespannten Holzhütte im Nordteil des Camps.

Alle Häuser sind mit einem Code durchnummeriert - auch weil eine kürzlich zur Inspektion erschienene Untersuchungsrichterin das Gefühl eines geregelten Alltagslebens bekommen sollte. Osman wohnt also im Verschlag "3 N 32" und denkt am liebsten an seine Familie im Sudan: "Wenn ich könnte, würde ich sie herholen."

"Hier ist es schlimmer als in Kuwait"

Wie schwierig das Zusammenleben im Lager in der Praxis sein kann, beweist ein Gespräch mit Khaled aus Kuwait. Der 34-Jährige berichtet zunächst, wie er als Beduine in seiner Heimat keine Staatsbürgerschaft bekam - und damit auch keine Ausbildung und keinen Job. Nun wolle er zu seinem Bruder nach Großbritannien. Eine Brandwunde auf dem Rücken von Khaleds linker Hand soll zeigen, wie er von den kuwaitischen Behörden gefoltert wurde. Doch über Calais sagt er: "Hier ist es schlimmer als in Kuwait", so viele Probleme gebe es mit den französischen Sicherheitskräften.

Dann drängen sich ein halbes Dutzend Männer ins Gespräch, die wie Khaled Arabisch sprechen. Sie seien aus Syrien, sagen sie. Aufgeregt beklagen sie sich, dass sie sich im Lager benachteiligt fühlen. Weil in ihrer Heimat gekämpft werde, müssten sie vor allen anderen Hilfe im Camp erhalten. Mit der viel beschworenen Solidarität ist es manchmal also doch nicht so weit her.

Und dann erzählen die Männer schauerliche Geschichten. Von fünf Landsleuten zum Beispiel, denen im Camp nachts die Kehlen durchgeschnitten worden seien. Von französischen Sicherheitskräften. Harte Anschuldigungen, von höchst zweifelhaftem Wahrheitsgehalt.

Auf dem Friedhof des "Dschungels"

Dass der "Dschungel", dass Calais aber in jedem Fall ein gefährlicher Ort ist, lässt sich ein paar Hundert Meter weiter erleben. Hier, auf dem Nordfriedhof der Stadt, sind in der muslimischen Abteilung auch mehr als 20 Menschen beerdigt, die ihren Traum von der Flucht nach Großbritannien nicht mehr leben können. Sie sind, nur wenige Kilometer vor dem Ziel ihrer langen Reise, in Calais gestorben.

Wie Adam Joumoua Abdellah Abderahmane, 22, aus dem Sudan. Er soll im vergangenen September in der Nähe des Kanaltunnels von einem Bus angefahren worden sein. Oder sein Landsmann Saleh al Fadel, 23, der im vergangenen Juli tot im Tunnel gefunden wurde.

Hinter den Gräbern der jungen Männer ist noch eine große Fläche frei. Für Neuzugänge aus dem "Dschungel".

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Camp von Calais: Gespannte Ruhe im "Dschungel"

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