Dürrekatastrophe in Ostafrika Bürokraten vereiteln Hilfe für Hungernde

Das Camp Dadaab in Kenia ist das größte Flüchtlingslager der Welt. 400.000 Menschen drängen sich in den überfüllten Hütten - und täglich kommen mehr Hungernde aus Somalia. Einen Kilometer nebendran steht ein riesiges Lager mit Strom- und Wasseranschluss: menschenleer. Die Behörden wollen es so.

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AFP

Hamburg - Manchmal fegen Sandstürme über die Zelte hinweg, sie wirbeln die trockene, rote Erde auf. Die Gegend um das ostkenianische Flüchtlingslager Dadaab ist unwirtlich - das Camp bedeutet jedoch für Hunderttausende Ostafrikaner die Rettung. Ausgezehrt vom Hunger und den tagelangen Fußmärschen erhalten sie hier Wasser, Essen und ein Zelt.

Aber bereits jetzt ist nicht genug für alle da. Dadaab ist für 90.000 Flüchtlinge errichtet worden, inzwischen drängen sich dort 400.000 Menschen. Täglich erreichen mehr als tausend Somalier das Camp. Viele müssen inzwischen davor zelten, nur ein paar Dornenbüsche bieten ihnen Schutz. Es gibt kaum Wasser und keine Toiletten. Krankheiten breiten sich unter den geschwächten Menschen schnell aus. Die Hilfsorganisationen kämpfen gegen die Zeit - und werden dabei von den kenianischen Behörden behindert.

Denn nicht weit entfernt - nur etwa einen Kilometer - gibt es ein weiteres Lager. Ifo 2 wird es genannt. Hier haben Helfer feste Unterkünfte, Latrinen, Duschen, Schulen und ein Krankenhaus gebaut. Für Wasser und Strom ist gesorgt. 40.000 Menschen sollten hier Platz finden, so war es geplant. Doch es steht leer, kein Flüchtling darf hier wohnen.

Kenianische Bürokraten verhinderten das bislang. Bereits im November sollte das Lager Hilfsorganisationen zufolge öffnen. Vor zwei Wochen kündigte Kenias Ministerpräsident Raila Odinga an, Ifo 2 könne nun genutzt werden. Doch die Behörden vor Ort verweigerten kurz darauf ihre Zustimmung.

Eine Erklärung gab es bislang nicht. Zum einen könnten die Behörden befürchten, dass sich Extremisten der somalischen Schabab-Milizen unter die Flüchtlinge mischen und nach Kenia einsickern. Zum anderen sorgen sie sich wohl, dass noch mehr vertriebene Somalier dauerhaft im Land bleiben.

Gefangen im Camp des Elends

So rief die Regierung in Nairobi die internationale Gemeinschaft vor zwei Tagen auf, die Flüchtlingsströme nach Kenia zu stoppen. "Die Somalier müssen in ihrem Land bleiben", sagte die Ministerin für Sonderprogramme, Esther Murugi Mathenge. Die Flüchtlingslager sollten jenseits der Grenze errichtet werden.

Johan van der Kamp, Leiter des Regionalbüros der Welthungerhilfe in Ostafrika, warnt vor solchen Überlegungen: "Wenn sie die Grenze schließen würden, würde sich die humanitäre Krise deutlich verschlimmern." Die Sorgen vieler Kenianer kann er allerdings verstehen. "Momentan richtet sich die Aufmerksamkeit der Welt auf Dadaab. Aber die Kenianer fürchten, dass das Problem in den kommenden Jahren weiter wachsen und das riesige Lager noch jahrelang dort stehen wird. Und dass ihr eigenes Leid vergessen wird."

Dadaab, das bereits vor 20 Jahren gegründet wurde, ist zum größten Flüchtlingslager der Welt angeschwollen. Seit den neunziger Jahren suchen Somalier dort Schutz vor dem Leid in ihrer Heimat - und bleiben dann oft viele Jahre lang in dem Camp. Sie sind gefangen in dieser Metropole des Elends. Wohin sollten sie gehen? In Somalia wüten Gewalt und Dürre. Um nach Nairobi zu kommen, müssten sie horrende Bestechungsgelder zahlen.

Hunderttausende Kenianer leiden unter der Dürre

Die neu ankommenden somalischen Flüchtlinge erwartet ein ähnliches Schicksal. "Ich sehe schwarz für die Menschen in Dadaab", sagt Welthungerhilfe-Experte Van der Kamp. "Es gibt wenig Hoffnung für sie, jemals wieder in ihr altes Leben zurückkehren zu können." Sie warten, stundenlang, monatelang, vielleicht jahrelang. In einem Flüchtlingslager, das sich in eine kleine Stadt verwandelt hat.

In dieser Stadt gibt es Gesundheitszentren und Brunnen - im Gegensatz zu der Gegend außen um das Lager. Die Kenianer, die dort leben, sind arm. Sie ziehen das Wasser mit Eimern aus Löchern im Boden und fühlen sich deutlich schlechter versorgt als die somalischen Flüchtlinge. Zudem fürchten sie, dass noch mehr von ihrem Land für das Camp Dadaab benötigt wird.

Auch in Kenia leiden Hunderttausende unter der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren in der Region. Im Norden des Landes können viele Bauern ihr geschwächtes Vieh nicht mehr verkaufen, sie können sich wenig Essen leisten, auch weil die Lebensmittelpreise stark gestiegen sind. Noch harren viele auf ihrem Land aus, doch internationale Helfer befürchten bereits den nächsten Flüchtlingsstrom. Das Rote Kreuz hat daher begonnen, den Landwirten ihre Ziegen, Schafe und Kühe abzukaufen. Das Fleisch wird kostenlos an die Bevölkerung verteilt.

"Wir müssen handeln"

Die Zahl der auf Lebensmittelhilfen angewiesenen Kenianer werde bis September von derzeit 2,4 auf 3,5 Millionen steigen, warnen die Vereinten Nationen. Auch in Teilen des Südens und Ostens innerhalb des Landes haben Bauern in diesem Jahr fast nichts ernten können. Viele Dörfer haben keinen Zugang zu Wasser.

Die Lage verschärft sich in Kenia - während immer mehr Somalier über die Grenze strömen. Im Lager Dadaab drängen sich die Menschen in überfüllten Unterkünften. Bis zu fünf Familien leben in Wohneinheiten, die für eine Familie ausgelegt waren. Viele ausgehungerte Neuankömmlinge bekommen laut Welthungerhilfe gerade mal eine Packung Kekse.

Die Situation ist so verzweifelt, dass das Flüchtlingshilfswerk UNHCR jetzt begonnen hat, die Notleidenden auf einer anderen Fläche anzusiedeln. Ifo 3 heißt diese Erweiterung des Lagers. Hastig wurden Zelte errichtet, Latrinen gegraben. Nur wenige Wasser- und Sanitäreinrichtungen sind vorhanden, ein Krankenhaus gibt es dort nicht.

Das UNHCR verteidigt die Aktion: "Die Menschen konnten nicht ausreichend versorgt werden, wir mussten handeln." Doch Ärzte ohne Grenzen kritisiert, das Lager erfülle nicht einmal "die humanitären Mindeststandards". Die Organisation appellierte an die Regierung, eine Umsiedlung in das bereits fertiggestellte Ifo 2 sicherzustellen.

Das UNHCR hat die Ifo 2 und Ifo 3 jetzt kurzerhand in Ifo-Erweiterung umgetauft und die Lager zusammengelegt - damit die vorhandenen Gebäude genutzt werden können. In den bereits fertiggestellten Häusern sollen die schwächsten Flüchtlinge unterkommen. Bis November sollen 90.000 Menschen in der Ifo-Erweiterung versorgt werden, 1500 Menschen sollen jeden Tag hierher gebracht werden. "Die lokalen Behörden haben wir informiert, wir schreiten jetzt voran", sagt William Spindler, der für das UNHCR in Kenia ist.

Auch am Flughafen von Nairobi mussten Hilfsorganisationen zuletzt mit den Behörden ringen. Eine Luftbrücke des World Food Programme verzögerte sich wegen der kenianischen Bürokratie. Der Zoll blockierte den Start einer Maschine, die zehn Tonnen Spezialnahrung für unterernährte Kinder geladen hatte. 3500 Kleinkinder können davon einen Monat versorgt werden. Das Flugzeug sollte schon am Dienstag in die somalische Hauptstadt Mogadischu fliegen, erst am Mittwochnachmittag hob es schließlich ab.

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baharini 27.07.2011
1. kidu kidogo
Zitat von sysopDas Camp Dadaab in Kenia ist das größte Flüchtlingslager der Welt. 400.000 Menschen drängen sich in den überfüllten Hütten - und täglich kommen mehr Hungernde aus Somalia. Hundert Meter nebendran steht ein riesiges Lager mit Strom- und Wasseranschluss: menschenleer. Die Behörden wollen es so. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776979,00.html
gebt dem kibaki (kenyanischer president) 1mio € und das dorf ist morgen auf. das ist der haken an der sache.
hanspeter.b, 27.07.2011
2. kann man verstehen
Im Artikel steht doch die Erklärung ---Zitat--- Zum einen könnten die Behörden wohl befürchten, dass sich Extremisten der somalischen Shabab-Milizen unter die Flüchtlinge mischen und nach Kenia einsickern. Zum anderen sorgen sie sich wohl, dass noch mehr vertriebene Somalier dauerhaft im Land bleiben. ---Zitatende--- Wer will schon Millionen Elends-Flüchtlinge und radikale Spinner vermutlich für die nächsten Jahrzehnte im Land haben.
Umbriel 27.07.2011
3. So ists eben
Somalia & Co sind eben so, ist nichts Neues. Nur weil jetzt zufällig mal ein paar Reporter da auftauchen, wird die afrikanische Normalität zur Neuigkeit erkoren. In Afrika gibts Schandtaten vergleichbar Norwegen-Wahnsinnstat im Prinzip im Stundentakt, aber es ist keinem eine große Träne wert, weil man nichts tun kann, ohne schmutzige Finger zu bekommen. In Afrika effektiv helfen wäre in vielen Regionen nur mit Gewaltmonopol und Krieg sowie Bereitschaft zur Durchsetzung eigener Überzeugungen gegen den Willen anderer möglich. Da Kolonialismus allerdings als total Out gilt, da niemand den Multikulti-Kult anfassen will, wird sich auch nichts machen lassen.
weltbetrachter 27.07.2011
4. unvorstellbar
Wenn man diesen Bericht liest, dann kommen einem die "Probleme rund um den EURO" vor wie Sandkastenspiele im Kindergarten.
hansjoki 27.07.2011
5. überrascht diese "Erkenntnis" ?
Zitat von sysopDas Camp Dadaab in Kenia ist das größte Flüchtlingslager der Welt. 400.000 Menschen drängen sich in den überfüllten Hütten - und täglich kommen mehr Hungernde aus Somalia. Hundert Meter nebendran steht ein riesiges Lager mit Strom- und Wasseranschluss: menschenleer. Die Behörden wollen es so. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776979,00.html
---------- was mag wohl die Ursache für solch (nihilistisches) Fehlverhalten sein ??? Um nicht alle Ursachen erneut "herunterbeten" zu müssen, möchte ich nur auf die eher skandalöse Entwicklungshilfe-Politik der westlichen Staaten verweisen... So erwarteten beispielsweise westliche Bürokraten (geradezu als "Naturgesetz"), dass die Menschen der Entwicklungs- länder dank des "Geldbeutels" aus einem mittelalterlichen Status (Bildung, Ökonomie, Demokratie) mit einem RUCK ins JETZT "geschleudert" werden. Dass auf diese Weise gleichfalls ethische Prinzipien und Humanität der jeweiligen (dortigen) Machthaber als Manko zu verbuchen sind - wen wundert dies ?
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