Dutzende Tote Blutiger Freitag im Jemen

Dutzende Tote, Hunderte Verletzte: Bei Protesten nach dem Freitagsgebet ist in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa die Gewalt eskaliert. Sicherheitskräfte und Regierungsanhänger eröffneten das Feuer auf Demonstranten. Präsident Salih ließ den Ausnahmezustand im Land verhängen.

AP

Sanaa - Es ist der blutigste Tag im Jemen, seit die Proteste gegen das Regime Ende Januar das Land erfasst haben. In der Hauptstadt Sanaa schossen Sicherheitskräfte am Freitag gezielt auf Demonstranten und töteten möglicherweise mehr als 50 Menschen. Weitere 240 Menschen wurden nach Angaben von Ärzten und Augenzeugen verletzt. In anderen Berichten ist von mindestens 40 Toten die Rede.

Die Sicherheitskräfte gingen offenbar mit äußerster Brutalität gegen eine Kundgebung an der Universität Sanaa vor. Ihre auf Dächern postierten und in Zivil gekleideten Scharfschützen schossen gezielt in die Menge, berichteten Augenzeugen. Wasserwerfer und Tränengas waren im Einsatz. Die Schüsse setzten ein, als die Demonstranten eine Polizeiabsperrung abzubauen versuchten, die den Zugang zu einer angrenzenden Straße blockierte, berichtete ein AFP-Journalist vor Ort.

Die Demonstranten hatten zuvor in Sprechchören gerufen: "Das Volk will den Sturz des Regimes." Augenzeugen berichteten, bei den Männern, die von den Dächern der umliegenden Häusern das Feuer auf die Menge eröffneten, habe es sich um regierungstreue "Schläger" gehandelt. Nach Angaben eines Arztes wurden die meisten Verletzten von Kugeln an Kopf, Hals und Brust getroffen.

Trotz der tödlichen Gewalt strömten noch mehr Menschen auf den Platz. Sie schlossen sich den Dauerbesetzern an, die dort bereits seit Wochen campieren. Sie fordern den Rücktritt von Präsident Ali Abdullah Salih. Salih regiert seit mehr als 32 Jahren das verarmte Land im Süden der Arabischen Halbinsel. Bis zum Freitag waren bereits rund 30 Demonstranten von Sicherheitskräften und bewaffneten Regimeanhängern getötet worden - Hunderte weitere Menschen wurden verletzt.

Präsident bestreitet Polizeischüsse

Staatschef Salih rief angesichts der Eskalation der Gewalt am Freitag den Notstand aus. "Der nationale Sicherheitsrat verkündet den Notstand in ganz Jemen", sagte Salih vor Journalisten. Er drückte sein "Bedauern" über den Tod der Demonstranten aus, die er als "Märtyrer der Demokratie" bezeichnete. Zudem kündigte er die Bildung einer Kommission zur Untersuchung der Todesfälle im ganzen Land an. Er bestritt jedoch, dass Sicherheitskräfte auf die Menschen geschossen hätten. "Die Polizei war nicht präsent und hat auch nicht geschossen."

Der Präsident hatte unter dem Druck der Proteste angekündigt, bei den Wahlen 2013 auf eine erneute Kandidatur verzichten zu wollen. Zudem versprach er, bis Ende des Jahres ein Referendum über eine neue Verfassung abzuhalten. Mit der neuen Verfassung solle ein parlamentarisches System geschaffen und zentrale Befugnisse vom Präsidenten auf das Parlament übertragen werden. Der Opposition reicht dies jedoch nicht, sie beharrt auf Salihs sofortigem Rücktritt.

US-Präsident Barack Obama verurteilte die Gewalt im Jemen. "Die Verantwortlichen für die heutige Gewalt müssen zur Rechenschaft gezogen werden", sagte er in Washington. Er forderte Salih auf, "an seinem öffentlichen Versprechen festzuhalten, friedvolle Demonstrationen zuzulassen". Zugleich rief er zu "politischen Veränderungen" in dem Land auf. Die legitimen Anliegen des jemenitischen Volkes müssten ernst genommen werden.

Auch der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer, verurteilte die gewaltsame Niederschlagung der Proteste. "Dass offensichtlich gezielt auf Demonstranten geschossen wird, ist völlig inakzeptabel und zu verurteilen. Die Regierung von Staatspräsident Salih hat die Pflicht, die Menschen im Jemen zu schützen und dem Einsatz exzessiver Gewalt Einhalt zu gebieten", erklärte Hoyer in Berlin.

phw/AFP/dpa



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