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Dutzende Tote in Afghanistan: Bundeswehr wollte mit Luftangriff Selbstmordattentat verhindern

Die in Afghanistan von Taliban gekaperten Tanklaster sollten der Bundesregierung zufolge für ein Selbstmordattentat eingesetzt werden. Deswegen habe die Bundeswehr Luftunterstützung angefordert, sagte Verteidigungsstaatssekretär Kossendey. Die Nato hat eine Untersuchung eingeleitet.

Afghanistan: Blutiger Angriff gegen Taliban Fotos
dpa

Kunduz/Brüssel - Ein Ermittlerteam der Nato unter Leitung eines Admirals ist auf dem Weg in die afghanische Provinz Kunduz: Es soll die Einzelheiten der Luftangriffe auf zwei von Taliban gekaperte Tanklastwagen untersuchen.

"Das afghanische Volk muss wissen, dass uns alles daran liegt, es zu schützen, und dass wir diesen Vorfall umfassend und umgehend untersuchen werden", sagte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen am Freitag. Bei dem nächtlichen Isaf-Angriff seien "mit Sicherheit eine Reihe von Taliban getötet worden. Es ist möglich, dass es auch zivile Opfer gab, aber das ist noch nicht klar".

Eben dies soll geklärt werden, weil die Angaben zu den Opfern widersprüchlich sind. Die Bundeswehr sprach von mehr als 50 Toten und schloss zivile Opfer aus. Nach Angaben der Provinzregierung Kunduz kamen dagegen bis zu 90 Menschen ums Leben, die meisten von ihnen sind demnach Aufständische.

Bundeswehrangaben zufolge hatten die Taliban die Fahrzeuge gegen 1.50 Uhr in ihre Gewalt gebracht, der Nato-Flugzeugangriff erfolgte demnach um 2.30 Uhr.

Mahbubullah Sajedi, Sprecher der Provinzregierung, sagte, dass unter den Opfern auch Kinder seien, die aus den in einer Fluss-Sandbank festgefahrenen Lastern Benzin abzapfen wollten. Nach Angaben eines Sprechers des afghanischen Gesundheitsministeriums hatten sich bis zu 250 Dorfbewohner um die Laster geschart. Taliban hatten die Fahrzeuge gekapert.

Der Angehörige eines Opfers aus dem betroffenen Dorf Hadschi Amanullah sagte der Nachrichtenagentur: "In der Gegend waren auch Taliban, aber mehr Opfer gibt es unter Zivilisten." Der Mann namens Nadschibullah berichtete, auch sein Cousin sei tot. Insgesamt seien "mehr als 150 Menschen getötet oder verletzt" worden. Die Bewohner seien aus ihren Häusern gekommen, als sie den Lärm der Tanklastwagen hörten, und nicht, um sich Benzin zu holen.

Intensives Vorgehen, um ein Attentat zu verhindern

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums ist mit dem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff ein Selbstmordattentat auf das deutsche Lager bei Kunduz verhindert worden. "Wir gehen davon aus, dass die entführten zivilen Tanklaster in Richtung des Bundeswehrlagers gebracht werden sollten, um durch ein Selbstmordattentat größtmöglichen Schaden anzurichten", sagte der Parlamentarische Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey (CDU) der "Nordwest-Zeitung". Deshalb sei die Bundeswehr so "intensiv vorgegangen" und habe Luftunterstützung der Nato angefordert.

Die Kaperung der Tanklaster zeige "die Verzweiflung der Taliban, die in der militärischen Auseinandersetzung unterlegen" seien, sagte Kossendey. "Deshalb versuchen sie, mit solchen Anschlägen - einen Tanklastzug in ein Lager zu steuern - Wirkung zu erzielen." Aus Sicht der militärisch Verantwortlichen in Kunduz sei höchste Gefahr im Verzug gewesen, daher habe man so reagieren müssen.

Mit Blick auf Berichte über zivile Opfer und Kritik an der Verhältnismäßigkeit des Einsatzes nahm ein Sprecher des Verteidigungsministeriums den deutschen Kommandeur in Schutz, der den Luftangriff angefordert hatte. Es handele sich um einen ausgesprochen besonnenen Offizier. Der Schutz von Zivilisten habe für die Bundeswehr oberste Priorität. Den Journalisten im "warmen Sessel in Berlin" möge die kurze Zeit zwischen Kaperung und Lauftangriff ein Hinweis sein, ob "mitten in der Nacht größere Menschenmengen" zusammenkommen könnten.

Aus Nato-Kreisen hieß es dagegen laut "Kölnischer Rundschau" und "Stuttgarter Zeitung", diese Darstellung sei nicht aufrechtzuerhalten. Die Nato dränge die Bundeswehr zu einer anderen Informationspolitik. Es widerspreche allen Erfahrungen, dass sich 50 Aufständische um zwei liegengebliebene Tanklaster versammelten, heißt es in den Berichten unter Berufung auf andere Quellen.

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hat das Vorgehen als notwendig gerechtfertigt und davon gesprochen, dass eine erhebliche Gefahr für deutsche Soldaten bestanden hätte. Die Taliban hätten mehrfach angedroht, vor den Bundestagswahlen Anschläge auf die Truppen verüben zu wollen, sagte Jung am Abend in der ARD-"Tagesschau". Im ZDF-"heute-journal" fügte er hinzu, es seien vor Ort verkohlte Waffen gefunden worden, "so dass die Indizien sehr klar für Taliban sprechen."

"Sichergehen, dass so etwas nie wieder passiert"

Finnlands Außenminister Alexander Stubb forderte nach dem Luftangriff ein besseres militärisches und ziviles Krisenmanagement. "Heute war ein sehr trauriger, ein tragischer Tag in Afghanistan", sagte Stubb am Freitag in Stockholm am Rande eines Treffens der EU-Außenminister.

"Das zeigt, warum wir unsere Arbeit fortsetzen müssen und warum wir sowohl ein militärisches wie auch ein ziviles Krisenmanagement brauchen." Auf die Frage, ob die EU eine Untersuchung fordere, sagte er: "Nein, noch nicht, weil wir über Afghanistan noch nicht geredet haben." Die von den USA befürwortete neue Afghanistan-Strategie ziele ausdrücklich nicht auf einen stärkeren Militäreinsatz durch europäische Kräfte, sondern auf mehr zivile Hilfe. "Wir müssen sichergehen, dass so etwas nie wieder passiert", sagte der britische Außenminister David Miliband.

Russland forderte von der Nato, in die "internen Diskussionen" des Bündnisses über den Afghanistan-Einsatz miteingebunden zu werden. Moskau müsse als Transitland für die Lieferung von Ausrüstung zu den internationalen Truppen am Hindukusch einbezogen werden, sagte der russische Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin.

hen/dpa/ddp/Reuters/AP

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Forum - Welchen Sinn hat der Einsatz in Afghanistan?
insgesamt 5308 Beiträge
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1. Regierungshobby
Rainer Daeschler, 01.08.2009
Der Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
2. Welchen Sinn hat der Einsatz in Afghanistan?
Hilfskraft 01.08.2009
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Seit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
3. Krieg oder Frieden
Palmstroem, 01.08.2009
Zitat von Rainer DaeschlerDer Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
Es fehlt dem Volk oft nur der Weitblick. In der Region IRAN, AFGHANISTAN, KAUKASUS, PAKISTAN, IRAK, SAUDI-ARABIEN wird über Krieg oder Frieden in den nächsten 50 Jahren eine Entscheidung fallen. Und sie wird auch uns betreffen, egal ob die Bundesbürger mehrheitlich dafür oder dagegen sind.
4.
tom gardner 01.08.2009
Zitat von HilfskraftSeit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
aber etwas anderes gab es bis zum tag des anschlages, der als grund fuer den einsatz in afghanistan angegeben wird - eine enge mitarbeit des angeblichen terrorfuersten osama bin laden bei den geheimdiensten der usa: "Bombshell: Bin Laden worked for US till 9/11" (http://www.dailykos.com/story/2009/7/31/760117/-Bombshell:-Bin-Laden-worked-for-US-till-9-11)
5.
gg art 5 01.08.2009
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Ich stimme mit der Mehrheit überein. Überhaupt keinen Sinn. Die hier tun mir nicht Leid, denn die wollten dahin: http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4533334,00.html Hingegen diese hier ja, denn sie haben unter der Besatzung nur zu leiden, aber wen in der Westlichen Welt interessiert´s schon? http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4532869,00.html?maca=de-de_na-2225-xml-atom Und wie in jedem Krieg, werden die Opfer die durch den eigenen Einsatzt produziert werden bestimmt heruntergespielt. Ist nun mal so mit der Kriegspropaganda.
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Chronik
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5. Dezember 2001
Drei Wochen nach der Taliban-Niederlage einigt sich die internationale Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn auf eine Übergangsregierung unter dem Paschtunen Hamid Karzai. Am 22. Dezember tritt er an die Spitze einer provisorischen Regierung, deren Machtbereich von regionalen Kriegsherren zunächst weitgehend auf die Hauptstadt Kabul begrenzt wird.
10. Januar 2002
Die internationale Schutztruppe Isaf, der auch Soldaten der Bundeswehr angehören, beginnt ihren Einsatz in Kabul.
13. Juni 2002
Die Große Ratsversammlung (Loja Dschirga) wählt Karzai zum neuen Staatspräsidenten.
4. Januar 2004
Die Loja Dschirga stimmt der neuen Verfassung zu und macht damit den Weg für allgemeine Wahlen frei.
9. Oktober 2004
Die erste Präsidentenwahl gewinnt Hamid Karzai mit 55,4 Prozent der Stimmen. Unregelmäßigkeiten und Proteste überschatten die Wahl. Am 7. Dezember wird Karzai vereidigt.
18. September 2005
Nach 30 Jahren wählen die Afghanen erstmals wieder ein Parlament. Parteien sind nicht zugelassen.
20. Dezember 2008
Die USA wollen die internationalen Streitkräfte um bis zu 30.000 Soldaten verstärken und ihre Truppen dort somit fast verdoppeln. 2008 wird das blutigste Jahr für die US-Truppen seit Kriegsbeginn.
10. August 2009
US-General Stanley McChrystal, neuer Kommandeur der internationalen Truppen, warnt: Die Taliban würden immer stärker auch bislang eher ruhige Regionen im Norden und Westen bedrohen.


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