E-Bürokratie in den Emiraten: Bitte Stammeszugehörigkeit angeben

Von , Abu Dhabi

Möchten Sie online eine Fischerei-Lizenz beantragen? Eine Geburt melden? Oder Bücher in einer Bibliothek ausleihen, die es noch gar nicht gibt? Kein Problem in den Arabischen Emiraten, die Verwaltung läuft elektronisch. Nur ist das Prozedere so kompliziert, dass man hochbezahlte Helfer braucht.

Screenshot der Regierungsseite: Interaktiv im Wüstenstaat Zur Großansicht

Screenshot der Regierungsseite: Interaktiv im Wüstenstaat

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich ganz und gar dem E-Government verschrieben. Das passt zum Image, und außerdem ist es zu heiß, um vor die Tür zu gehen. So ist vor sechs Jahren eine Initiative "Abu Dhabi" beschlossen worden. Gut, es dauerte dann noch einmal drei Jahre, bevor auch ein zuständiges Amt eingerichtet war, aber seither wird zu den üblichen Bürozeiten daran gearbeitet, aus der Regierung eine "High Performance"-Regierung zu machen und nach und nach jeden Bereich der öffentlichen Verwaltung zu vereinfachen.

Für den Kontakt zum Staat soll künftig ein Mobiltelefon genügen. Weswegen auch auf allgemeine Wahlen verzichtet wird. Dafür gibt es einen 24 Stunden, sieben Tage die Woche geöffneten Chatroom, wo man mit der Regierung über dieses und jenes plaudern kann. Die Regierung sieht übrigens hervorragend aus und trägt einen zarten Schleier.

Es gibt das Regierungsportal www.abudhabi.ae , wo der Bürger sich das Nötigste herunterladen kann: etwa Hinweise, wie Ehestreitigkeiten "zur Zufriedenheit aller Seiten" zu schlichten sind, das Führungszeugnis, eine Fischerei-Erlaubnis oder wie man eine Tauchschule eröffnet.

Manchmal, beim Gesundheitszeugnis zum Beispiel, müssen auch Angaben zur Stammeszugehörigkeit und dem Mädchennamen der Großmutter gemacht werden.

Wer sein Knöllchen vergisst, wird einmal im Jahr daran erinnert

Der islamische Obolus Zakat kann genauso online bezahlt werden, wie die Rechnungen für Wasser und Strom. Man kann sogar online im Katalog der Nationalbibliothek suchen und Bücher ausleihen. Dass es eine Nationalbibliothek noch gar nicht gibt, muss in der Übergangsphase in Kauf genommen werden. Egal, dafür wird man zu den Angeboten der Buchläden weitergeleitet. Jede Mautgebühr, jedes Parkticket, jedes Bußgeld kann übers Netz bezahlt werden. Und wenn man es vergisst, wird man bei der nächsten, jährlich vorzunehmenden Auto-Anmeldung daran erinnert.

Überhaupt ist der Staat bestens über alles informiert. Nirgendwo gibt es so viele Überwachungskameras wie in Dubai, und in Abu Dhabi sind jetzt alle paar hundert Meter Schilderbrücken aufgestellt worden, mit darin verborgenen Kameras, um feststellen zu können, ob der Bürger zu schnell fährt. Oder gerade mit der Regierung chattet. Vielleicht hat auch der Staat gerade angerufen oder gesimst, denn gerne melden sich die Meldebehörde, die Post oder die staatliche Telekom sowieso. Vermutlich könnte man auch seine Steuererklärung ans Amt simsen, wenn es hier Steuern gäbe.

Ein großartiges System. Best practice, wie es hier heißt. Alles wird in klaren, zweisprachigen Websites dargestellt. Nur eines nicht. Die Antwort auf die Frage: Wieso gibt es in den Emiraten den ebenso geachteten wie verbreiteten Berufsstand des "Pro"? Das sind professionelle Behördengänger, die einem alles abnehmen, was es eigentlich gar nicht geben dürfte: Schlangestehen, Drängeln, Kontakte spielen lassen, Präsenz vor Schaltern zeigen, behördliche Öffnungszeiten und Fristen kennen und so weiter. Gute Pros sind gesucht wie gute IT-Ingenieure, sie haben ein stattliches Auskommen und fahren große Autos.

Land ohne Postboten und Hausnummern - aber mit E-Government

Ein gutes Beispiel für E-Government in der freien Wildbahn ist die Einführung des Personalausweises in den Emiraten. Die Regierung entschied, dass alle Bürger und Bewohner der Emirate eine ID-Card bekommen müssten. Man kann sich das Antragsformular bequem vom Regierungsportal herunterladen und auch am Bildschirm ausfüllen. Dann sind nur noch sechs Schritte notwendig. Der erste: "Füllen Sie das E-Formular bei jedem autorisierten Typing Centre aus." Typing Centres sind Schreibbüros, die es in den ärmeren Vierteln an jeder Ecke gibt, eingeklemmt zwischen "Rajastan Food Stuff" und einem "Smoothy Salon". Dort wird das E-Formular per Hand und in arabischen Schriftzeichen ausgefüllt - auch, wenn der Antragsteller als geborener VAE-Staatsbürger des Schreibens mächtig ist.

Das mag noch kein vollentwickeltes E-Government sein, aber es funktioniert. Nachdem die Dienstgebühr bezahlt ist, bekommt man per SMS Zeit und Ort mitgeteilt, wo der Antragsteller sich zur biometrischen Registrierung einzufinden hat, und irgendwann wird der Ausweis dann im zuständigen Postamt abzuholen sein, denn Postboten gibt es im Land des E-Government ebenso wenig wie Hausnummern.

Und doch, welch himmelweiter Unterschied zu Italien, dem vorigen Einsatzort des Verfassers. Dort hat es sich als unmöglich herausgestellt, die Einzugsermächtigung für Fernsehgebühren zu kündigen. Nach diversen Einschreiben kam die Mitteilung, es sei ausgeschlossen, dass der Antragsteller (trotz Kündigung der Wohnung und Umzug nach Abu Dhabi) kein Fernsehgerät mehr habe. Ein derartiger Zustand müsse jedenfalls von der örtlichen Polizei festgestellt werden. Falls dies nicht möglich sei, müsse der Gebührenzahler sein Gerät in einem amtlichen Jutesack bei einer noch zu benennenden Stelle zur Vernichtung abgeben. Im unwahrscheinlichen Falle, dass der Antragsteller kein Gerät besitze, müsse er sich eben eins kaufen, um es vorschriftsmäßig entsorgen zu können.

So zahle ich noch immer.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Da auch
sprechweise 28.08.2011
In Italien wird auch abGEZockt? Wer hätte das gedacht?
2. ...
vhe 28.08.2011
---Zitat von Artikel--- Und doch, welch himmelweiter Unterschied zu Italien, dem vorigen Einsatzort des Verfassers. Dort hat es sich als unmöglich herausgestellt, die Einzugsermächtigung für Fernsehgebühren zu kündigen. ---Zitatende--- Von einem italienischen Konto? Kann man das nicht einfach auflösen? Und wieso kann man die Einzugsermächtigung nicht über die Bank rückgängig machen? Spätestens wenn deren GEZ eine Anzeige machen will, sollte denen auffallen, dass sie von jemandem in Abu Dhabi und ohne Wohnsitz in Italien Fernsehgebühren wollen.
3. Titel habe ich an meine Uni zurück gegeben
sabaro4711 28.08.2011
Ähmmmm, klingt das nur für mich etwas unglaubwürdig? Ich arbeite als Deutscher in Italien und gehe dann in ein anderes Land und zahle in Italien weiter Gebühren? Hallo? Wieso behalten Sie ihr Konto da? Oder warum haben die überhaupt eine gültige Kontonummer von Ihnen? Seeeeehr merkwürdig
4. Fernsehschrott
schweineigel 28.08.2011
Kaufen Sie sich ein kaputtes Gerät, und geben das dann ab! Der Verkäufer wird zwar komisch gucken, aber wenn er Italiener ist, wird der das schnell einsehen. Möglicherweise kennt der seine Pappenheimer schon, und wundert sich überhaupt nicht :-)
5. Pro?
unnglaublich 28.08.2011
Und wofür genau haben Sie jetzt den Pro gebraucht?
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