E-Mail-Affäre: Sex-Skandal erschüttert US-Wahlkampf

Von , New York

Ein republikanischer Kongressabgeordneter ließ sich beim Internet-Sex mit minderjährigen Kongressboten erwischen. Und seine Parteiführung schwieg dazu - monatelang. Kurz vor der Kongresswahl droht Bushs Republikanern jetzt der Verlust ihres wichtigsten Markenzeichens: Moralische Integrität.

New York - Der Schutz der Schutzlosen war seit Jahren das Anliegen des Republikaners Mark Foley. Als Gründer der Kongresskonferenz für misshandelte Kinder kämpfte der Abgeordnete gegen die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger und gegen Internet-Pornografie. Es war, so wusste er, ein Kampf gegen Windmühlenflügel: "Man kann", räumte er einmal ein, "seine Kinder ja nicht rund um die Uhr beschützen."

Der in eine Sex-Affäre verwickelte Republikaner Foley: Ein Debakel für die Partei
AP

Der in eine Sex-Affäre verwickelte Republikaner Foley: Ein Debakel für die Partei

Vor allem nicht, wie sich herausstellt, vor Mr. Foley selbst. Der 52-Jährige aus Palm Beach ist nämlich selbst genau einer derer, von deren Verfolgung er all die Jahre so besessen war: Er ließ sich jetzt beim Internet-Sex mit minderjährigen Kongressboten erwischen.

Es ist der heißeste Skandal der Saison in Washington, heißer noch als Bob Woodwards jüngstes Enthüllungsbuch.

Der Mann, der härtere Gesetze für Kinderschänder initiierte, stellte den Laufburschen nach. Mehr noch: Die Führungsspitze der Republikaner, der Foley als Vize-Fraktionschef angehörte, wusste seit einem Jahr, dass da was nicht koscher war, schwieg aber. Allen voran Dennis Hastert, der Sprecher des Repräsentantenhauses, der nun plötzlich um seinen Posten kämpfen muss.

Schlimmeres hätte den Republikanern, die sich so gerne als Moralapostel profilieren, nicht passieren können, einen Monat vor der Wahl. "Dieses Geschoss zielt direkt ins Herz der republikanischen Basis", ahnt "Newsweek"-Kolumnist Howard Fineman. "Das lässt sich nicht mehr schön reden", fürchtet auch die rechte Kommentatorin Bay Buchanan, die Schwester des Erzkonservativen Pat Buchanan.

Das Drama begann am vorigen Donnerstag, als ABC News über E-Mails von 2003 zwischen Foley und einem 16-jährigen Laufburschen berichtete. Foleys Büro wiegelte zunächst ab: Die E-Mails seien harmlos, die Vorwürfe eine "schmutzige Verleumdungskampagne".

Tags darauf legte ABC News nach und veröffentlichte Instant Messages (IMs), die dem Sender von "früheren Boten" zugespielt worden seien. Foley habe dabei seine private AOL-Adresse "Maf54" benutzt (Initialen plus Geburtsjahr). Foleys Anwalt David Roth hat die Authenzität dieser IMs inzwischen bestätigt.

Darin fragte Foley alias "Maf54" den Teenager: "Hat dir ein Mädchen an diesem Wochenende einen runtergeholt?" Auch wollte er wissen, was "mein Lieblingshengst" anhabe. "T-Shirts und Shorts" - worauf "Maf54" tippte: "Würde dir das gerne ausziehen." Der Austausch wird danach noch expliziter und eindeutig sexuell. Dann bricht der Junge ab: "Meine Mom ruft."

Noch am selben Tag trat Foley zurück. Er entschuldigte sich per Fax an einen TV-Sender für "den Schaden, den ich angerichtet habe", und begab sich in eine Entzugsklinik. Ende eines Sittenwächters, der Bill Clinton während des Lewinsky-Skandals vorgeworfen hatte, "wegen seiner Sexsucht alles wegzuwerfen".

Ein "überfreundlicher" Abgeordneter

Doch damit begann der Skandal erst. Und immer mehr Republikaner sehen sich nun auf einmal in den stinkenden Sumpf gezogen.

Schon 2001 wollen ABC News zufolge andere Kongressboten vor Foley gewarnt worden sein. Im Herbst 2005 dann beschwerte sich, wie die Republikaner widerwillig bestätigten, der 16-Jährige erstmals intern über Foleys E-Mails. Seine Eltern alarmierten den Abgeordneten Rodney Alexander, den "Sponsor" des Jungen im Laufburschen-Programm des Kongresses.

Alexander informierte Hastert. Der erklärte jetzt nonchalant, jene fraglichen E-Mails seien nicht "sexuell" gewesen, sondern nur "überfreundlich" (das war auch Foleys erste Ausflucht). Dies ist der selbe Hastert, der fast den nationalen Notstand ausrief, als Janet Jackson 2004 beim Super Bowl aus Versehen den Busen entblößte, und dafür sorgte, dass die Strafen für TV-Sender bei "Sittenverstößen" verzehnfacht wurden.

Trotzdem, so Alexander, habe der Leiter des von beiden Kongressparteien getragenen Botenprogramms, der Republikaner John Shimkus, Foley damals aufgefordert, den Kontakt "mit dem jungen Mann unverzüglich abzubrechen". Aber weder die Demokraten noch die Öffentlichkeit erfuhren davon etwas.

Das FBI wusste seit Juli Bescheid

Im Frühjahr landete der Fall erneut auf Alexanders Tisch. Der kontaktierte seinen Parteifreund Tom Reynolds, einen führenden Republikaner. Reynolds sagt, auch er habe sich in der Sache an Hastert gewandt. Er gab das auf einer Pressekonferenz bekannt, bei der er sich demonstrativ mit Kindern umgab.

Fast stündlich kommen neue, abenteuerliche Details heraus. "Das wird der Story Tag für Tag neues Leben geben", prophezeit der langjährige Präsidentenberater David Gergen.

Gestern abend meldete ABC News, Foley habe einmal nur sechs Minuten vor einem Irak-Votum Internet-Sex mit einem Jungen gehabt. Ein anderes Mal habe er einem Boten geschrieben: "Ich vermisse dich sehr seit San Diego." Und: "Für einen heißen Kerl wie dich würde ich schon ein paar Meilen fahren." Und, an einen anderen Teenager: "Wir müssen wahrscheinlich bei mir zu Hause einen trinken, wenn wir nicht geschnappt werden wollen."

John Boehner, der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, gab inzwischen ebenfalls zu, schon im Frühjahr von Foleys "Kontakten" erfahren zu haben. Selbst das FBI wusste seit Juli Bescheid, hielt aber still und nahm erst jetzt erste Vorermittlungen gegen Foley auf.

"Wir müssen etwas Dramatisches tun"

Für die Republikaner, denen das Wahl-Drehbuch schon seit Wochen aus der Hand gleitet, ist dies das bisher größte Debakel. Bei einer Konferenzschaltung musste sich Hastert laute Schelte von Kollegen anhören, die um ihre wichtigste Wählerbasis fürchten: Christlich-Konservative und Vorstadt-Mütter.

Die Wortführer dieser Basis kochen. "Dies ist der schlimmste Kongress-Skandal überhaupt", entgeistert sich Cliff Kincaid, der Leiter der konservativen Gruppe Accuracy in Media. Selbst die "Washington Times", das Hausblatt der Republikaner, forderte gestern Hasterts Rücktritt. "Wir müssen etwas Dramatisches tun", riet der Abgeordnete Ray LaHood darob.

Also baute sich Präsident Bush gestern schnell vor einer kalifornischen Grundschule auf und schwor, "unsere Kinder zu beschützen". In einem Atemzug nannte er dabei das Schul-Massaker in Pennsylvania und Foleys "unakzeptables Verhalten". Hastert jedoch nannte er jovial "Denny", mit gemessenem Rückhalt: "Er ist ein Vater, Lehrer, Trainer, der sich um die Kinder unseres Landes sorgt."

Vom Priester missbraucht

Foleys Sitz im Kongress bleibt bis zur Wahl vakant. Es ist aber zu spät, seinen Namen von den Wahlkarten zu entfernen. Selbst Boehner erwartet, dass der Demokrat Tim Mahoney nun den Wahlkreis Palm Beach gewinnt. Damit hätten die Republikaner garantiert schon jetzt einen der 15 Sitze verloren, die die Opposition zum Sturz der Mehrheit im Unterhaus braucht.

Die Demokraten selbst halten sich bisher merklich zurück. Sie sitzen auch im Glashaus: 1983 hatte einer ihrer Abgeordneten, Gerry Studds, zugegeben, eine Affäre mit einem 17-jährigen Laufburschen gehabt zu haben.

Gestern nachmittag ließ Foley noch mal von sich hören. Der Katholik erklärte über seinen Anwalt Roth, er selbst sei als Teenager von einem Priester missbraucht worden. Und er bestätigte erstmals, er sei "ein schwuler Mann". Dies, sagte Roth, sei freilich "absolut keine Entschuldigung für sein Verhalten".

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