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E-Mail-Affäre: Wie ein Blogger Gordon Brown bloßstellte

Von , London

Erfundene Sexgeschichten, angebliche Geschlechtskrankheiten - interne Gedankenspiele der britischen Regierung über Oppositionelle sorgen für den größten Skandal in Gordon Browns Amtszeit. Einen Vertrauten musste der Premier bereits opfern, konservative Blogger lechzen nach dem nächsten Skalp.

London - Elf Jahre ist es her, dass Matt Drudge auf seiner Web-Seite die Affäre des US-Präsidenten Bill Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky enthüllte und zum bekanntesten Blogger der Welt wurde. Nun feiern britische Blogger ihren bisher größten Coup: Damian McBride, einer der engsten Vertrauten des britischen Premierministers Gordon Brown, musste am Osterwochenende zurücktreten, nachdem der konservative Blogger Paul Staines dessen Pläne für eine Schmutzkampagne gegen die Opposition veröffentlicht hatte.

McBride, Brown: Schmutzkampagne gegen die Opposition?
REUTERS

McBride, Brown: Schmutzkampagne gegen die Opposition?

Es ist ein klassischer Polit-Skandal, der hohe Wellen schlägt und von dem sich die Labour-Regierung nicht so schnell erholen wird. Von seiner offiziellen E-Mail-Adresse in der Downing Street Nummer Zehn hatte Browns langjähriger Weggefährte McBride im Januar "einige Ideen" an den Labour-Blogger Derek Draper geschickt, wie der die in den Umfragen führenden Tories mit einem geplanten Läster-Blog namens "Red Rag" destabilisieren könnte.

Unter anderem schlug der Staatsdiener laut britischen Medien vor, man könne dem konservativen Oppositionschef David Cameron doch eine Geschlechtskrankheit andichten oder das Gerücht streuen, dass geheime Videos vom Schattenfinanzminister George Osborne mit einer Prostituierten existierten. Draper war begeistert: "Absolut total brilliant Damian", schrieb er nach Angaben des "Guardian" zurück.

Guido Fawkes brachte "Smeargate" ins Rollen

Das Projekt "Red Rag" wurde nicht umgesetzt, und die Beteiligten beteuern nun, dass sie die Ideen schon lange verworfen hätten. Doch die explosiven Mails fanden ihren Weg zum Blogger Staines, der seit 2004 unter dem Pseudonym Guido Fawkes mit Vorliebe die Labour-Regierung attackiert. Das rechtslastige Blog gehört zu den meistgelesenen im Parlamentsviertel von Westminster, es verzeichnet pro Monat rund 150.000 Besucher. Staines sorgte für die nötige Verbreitung, seit Samstag dominiert die Geschichte die englischen Schlagzeilen.

"Smeargate" wird die Affäre inzwischen genannt. Regierungsberater McBride musste gleich am Samstag zurücktreten, eine Abfindung wird es nicht geben. Der konservative Blogger Iain Dale zieht schon triumphierend Parallelen zum Watergate-Skandal, der US-Präsident Richard Nixon um sein Amt gebracht hat. Ganz so weit ist es in Großbritannien noch nicht - Brown bleibt vorerst im Sattel. Aber die britischen Medien sind sich einig, dass das Osterwochenende einen Durchbruch für die lokale Blogger-Szene darstellt.

"Wenn ein politisches Blog einen der engsten Berater des Premierministers abschießen und ein ganzes Wochenende lang die BBC-Nachrichten dominieren kann, hat sich etwas Bedeutendes geändert", schrieb der konservative "Daily Telegraph". Auch der linksliberale "Observer" sprach anerkennend vom "ersten großen politischen Skalp" der britischen Blogger. Die "politischen neuen Medien" seien nun erwachsen geworden. Zwar wird darauf verwiesen, dass Staines auf die Hilfe der Printmedien angewiesen war, um diese Wirkung zu erzielen, aber das ändert nicht die Tatsache, dass er es war, dem die Mails zugespielt wurden.

Eigentor der Labour-Partei

Der große Verlierer der Saga ist die regierende Labour-Partei. Denn es begann ironischerweise alles mit dem Versuch, die Vorherrschaft der konservativen "Attack Blogs" im Internet zu brechen. Insbesondere Staines war Labour-Strategen seit langem ein Dorn im Auge. Der frühere Börsenmakler, der offen sagt, er hasse Politiker, provozierte die Regierung mit fragwürdigen Gerüchten - und Labour hatte dem lange nichts entgegenzusetzen.

Das wollten Draper und McBride ändern: Im Januar startete Draper mit Labourlist.org ein Dach für sozialdemokratisch gesinnte Blogger. Der zunehmend persönliche Bloggerkrieg zwischen Draper auf der einen und Staines und Dale auf der anderen Seite endete nun mit dem Triumph der Konservativen. Während sie mit Lust über die "Lügenmaschine Nummer Zehn" und die "Bunkermentalität" in der Downing Street herfallen, bleibt dem Labour-Blogger in seinem jüngsten Post nichts anderes übrig, als lahm an seine Gegner zu appellieren, das "positive Potential" des Internets zu nutzen.

Folgenreicher ist jedoch, dass Premierminister Brown unvermittelt zwischen die Fronten geraten ist. Der E-Mail-Verkehr zwischen Draper und dem Büro des Premierministers bedeutet einen ernsthaften Imageschaden, der die ohnehin schlechten Wahlchancen noch geringer erscheinen lässt. Brown beteuert zwar, nichts von der geplanten Schmutzkampagne gewusst zu haben, aber der Vorgang lässt tief in das Denken und Handeln seiner Regierung blicken.

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