E-Mail-Auswertung Das banale Leben der Sarah Palin

Alaska hat 24.199 Seiten E-Mails aus Sarah Palins Gouverneurszeit veröffentlicht. Scharen von Reportern durchstöberten sie nach neuen Skandalen, TV-Sender berichteten live. Bisher fand man, dass sie zu einer Grillparty Kondome mitbringen sollte, wie sie einst Obama lobte und was sie vom Saurier-Mensch-Vergleich hält.

Von , New York

REUTERS

Sie kommen per Autofähre, Wasserflugzeug oder Hubschrauber: Dutzende Reporter fallen am Freitag in Juneau ein, der kleinen, entlegenen Hauptstadt Alaskas, die auf dem Landweg nicht erreichbar ist. Kein Weg ist zu weit - schließlich lockt eine Sensationsstory.

So hoffen sie jedenfalls. Denn alles, was mit Sarah Palin zu tun hat, verspricht Schlagzeilen.

Diesmal ist es Palins Korrespondenz. Genauer gesagt: 24.199 Seiten E-Mails aus ihrer Zeit als Gouverneurin, die die Landesregierung hier nach langem Hin und Her endlich freigibt, auf gerichtlichen Druck. Palins Nachfolger Sean Parnell hat sie ausdrucken, in Kartons packen und in einem Regierungsbüro stapeln lassen, wo sie die Medienvertreter abholen können. Den Service, die Mails gleich digital zugänglich zu machen, wollte er wohl nicht bieten.

Die Aufregung ist groß. Selbst der britische "Guardian" hat zwei Korrespondenten entsandt. Die erste Auslese aber entpuppt sich als banal. Tiefste Erkenntnis: Palin ist keine Karikatur - sondern ein ganz normaler Mensch.

Um Punkt 9 Uhr früh werden die Reporter in den kleinen Raum im dritten Stock gelassen. Jeder bekommt sechs Kartons zugeteilt. Das Amt stellt freundlicherweise Handkarren zur Verfügung. Mit denen rollen die Journalisten ihre Beute durch den schmalen Flur zum engen Aufzug, hinunter in die Glaslobby und auf die Straße, um sie dort in den Kofferräumen ihrer Mietwagen verstauen. Drei TV-Kamerateams dokumentieren die hektischen Manöver eifrig.

Es ist der aufsehenerregendste Moment der Saison in Juneau, dessen Parlament seine Legislaturperiode von 90 Tagen längst hinter sich hat und erst im Januar wieder tagt. Einstweilen leben die 31.000 Einwohner von Tourismus, was sich an den Kreuzfahrtkolossen zeigt, die im tiefen Gastineau Channel ankern, vor 1200 Meter hohen Gletschergipfeln.

"Palins E-Mails werden zum Allgemeingut", vermeldet das lokale Online-Blatt "Juneau Empire". "Nach fast 1000 Tagen Warten."

Dieses Warten hat sich zuletzt dem Siedepunkt genähert. Die TV-Sender verausgaben sich mit teuer-wackligen Live-Schaltungen. Die "New York Times" richtet einen Live-Blog ein und fleht ihre Leser an, beim Durchkämmen des Materials mitzuhelfen. Das Investigativmagazin "Mother Jones" und MSNBC wollen die E-Mails in ein interaktives Online-Archiv einspeisen.

Wettlauf gegen die Zeit

Was werden die E-Mails über Palin enthüllen, die streitbare Ex-Kandidatin 2008 und Vielleicht-Kandidatin 2012? Welche Skandale schlummern in den virtuellen Botschaften? Welche neuen Facetten Palins offenbaren sich?

Dass Palins Gegner ihre Vergangenheit jedoch schon seit 2008 durchkämmen und dabei keinen Stein auf dem anderen gelassen haben, scheint wenig zu stören. "Ich glaube nicht, dass es in unserer Familie noch etwas Privates gibt", sagt Palin im konservativen Kabelkanal Fox News, der sie als Kommentatorin bezahlt. Wobei ihr Lamento über mangelnde Privatsphäre schal klingt - sucht sie doch selbst stetig das Rampenlicht, zuletzt mit ihrer TV-Reality-Show.

Trotzdem beginnt in Juneau ein Wettlauf gegen die Zeit, über Twitter, Facebook und Live-Blogs. Sieger ist Ed Pilkington vom "Guardian", der um 9.10 Uhr Ortszeit, zehn Minuten nach Öffnung der Schleusen, auf seinem Twitter-Konto triumphiert: "Erste #sarahpalin E-Mail - weltexklusiv: 'Click hat die Ernennung von Geschwärzt für eine Ratsvakanz empfohlen.'"

Seine Redaktion reicht das artig weiter, wiewohl mit leichtem Seufzen: "Pulitzerpreis-Komitee, dein Werk für dieses Jahr ist getan."

"Die E-Mails zeigen eine Gouverneurin, die hart arbeitet", erklärt Palins Spenden-Schatzmeister Tim Crawford süffisant. "Jeder sollte sie lesen."

Dass sie jeder lesen sollte, fand Palin selbst aber lange nicht. Zweieinhalb Jahre hat sich Alaskas Regierung der Transparenz widersetzt, erst unter Palin, dann unter ihrem vorherigen Vize, Vertrauten und Nachfolger Parnell. David Corn, der Washingtoner Bürochef von "Mother Jones" und einer der namhaftesten Polit-Journalisten hier, hatte 2008 auf Herausgabe geklagt. Andere US-Medien schlossen sich an.

Was hatte Palin zu verbergen?

Die Blockade machte die Reporter erst recht misstrauisch. Was hatte Palin zu verbergen? Selbst als die Justiz die Offenlegung erzwang, mauerte Alaska weiter. So behauptete es, eine digitale Verbreitung sei technisch nicht möglich - ergo die sperrige Hauruck-Aktion vor Ort im nordischen Juneau, 1700 Kilometer von der nächstgelegenen US-Stadt entfernt (Seattle).

Auch drohte Alaska anfangs mit Gebühren von 15 Millionen Dollar. Schließlich berechnete es drei Cents pro Seite - 725,97 Dollar für einen vollständigen Satz aus sechs Kartons, die im Verbund mehr als 110 Kilogramm wiegen.

Am Ende bleiben 2353 Seiten auch weiter unter Verschluss. Die restlichen E-Mails reichen von Anfang 2007 bis September 2008, das Gros der Amtszeit Palins, die Mitte 2009 nach nur 966 Tagen vorzeitig abdankte. "Hier kommt die Sommerlektüre", frohlockte Corn.

Corns Hoffnung war es, dass die E-Mails neuen Aufschluss über alte Affären brächten. Etwa "Troopergate": 2008 soll Palin Privates und Politisches vermischt haben, als sie einen Angestellten feuerte. Oder die "Brücke nach Nirgendwo": Palin hatte eine 233-Millionen-Dollar-Brücke zu einer einsamen Insel als Gouverneurin propagiert, als Kandidatin dann aber verteufelt. Und natürlich "The First Dude": Wie sehr steuerte Gatte Todd Palin die Politik?

Keine dieser Affären hat Palins Aufstieg bisher schaden können.

Und sie werden, so die erste Ausbeute der E-Mails, ihr auch künftig nicht schaden. Sie lesen sich zwar streckenweise unterhaltsam - sind aber mager, was ihr Skandalpotential angeht.

Hier einige Beispiele:

• Palin hatte bis zuletzt keine Ahnung, dass sie auf dem Republikaner-Parteitag 2008 zur Vizepräsidentschaftskandidatin gekürt werden sollte. In einer E-Mail drei Wochen zuvor plante sie nur eine Kurzreise - ohne ihren Gatten und ihr Baby: "Ich will da keine fünf Tage bleiben."

• Nach ihrer Ernennung zur Kandidatin bekam Palin Morddrohungen. "Sarah Palin muss umgebracht werden!", schrieb jemand an ihr Büro. Ein anderer E-Mailer forderte, Palin von einem der Jagdflugzeuge aus zu erschießen, mit denen sie sich gerne abbilden ließ. Selbst aus Belgien kamen schriftliche Morddrohungen.

• Selbst Palins innerster Kreis wusste anfangs nicht, wer Barack Obama war. 2007 empfahl ihr Berater Christopher Clark ihr, sich mit Pete Rouse zu treffen, "dem Stabschef eines Typs namens Barack Obama". Obama war damals US-Senator. Palins Antwort: "Ich bin dabei."

• Später, wenige Wochen vor dem Wahlkampf 2008, fand Palin sogar noch lobende Worte für Obama. "Er hielt eine tolle Rede heute morgen in Michigan - erwähnte Alaska", schrieb sie. In der Rede ging es um die Energiepolitik. Palin weiter: "Ganz schön cool. Falscher Kandidat."

• Palin war schon damals um ihre Privatsphäre besorgt. Sie beklagte, dass ein Wähler sich ihre direkte Telefonnummer ergattert habe. An anderer Stelle schimpfte sie, ihre Tochter Piper habe ein politisches Telefonat mitangehört.

• Palin - die sich öffentlich gegen Hautkrebs engagierte - wollte sich in ihrer Residenz eine Sonnenbank installieren lassen. Haushälterin Erika Fagerstrom offerierte ihr zwei Optionen: Im Keller neben dem Trockner oder in einem begehbaren Kleiderschrank im dritten Stock. Installationskosten: 3252,35 Dollar.

• Palin ärgerte sich über den Eindruck in den Medien, sie sei ungebildet. In einer E-Mail bereitete sie eine Pressesprecherin auf Journalistenfragen vor, ob sie denn glaube, "dass Dinosaurier und Menschen einmal zur gleichen Zeit existiert hätten". Palins genervte Replik: "Arghhhh! Tut mir so leid, dass das Büro mit sowas überschüttet wird!"

• Palin ließ sich 2007 auf ein Interview penibel vorbereiten. Aus einer E-Mail ihrer Pressesprecherin Meg Stapleton geht hervor, dass eine kanadische TV-Station Fragen schriftlich einreichen musste. Palin habe die Antworten von einem Teleprompter abgelesen.

• Palin bekam oft kuriose Einladungen. Im September 2008 schickte ihr Alexis Rivera, die Publizistin der alternativen US-Plattenfirma Echo Park Records, folgende E-Mail: "Grillparty in meiner Villa morgen von 18 bis 22 Uhr … bring Fleisch, Tequila und Kondome mit."

Bis tief in die Nacht wühlten die US-Medien nach Goldbrocken im E-Mail-Sand. Doch sie fanden nur die Banalität der Sarah Palin.



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insgesamt 127 Beiträge
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ayamo, 11.06.2011
1. Ein Wahnsinn
mit was sich angeblich seriöse Nachrichtenorganisationen heutzutage befassen. Krieg in Libyen? Japan Atomkatastrophe? Griechenland Krise? Irgendwer? Stattdessen berichtet SPON jetzt schon zum zweiten Mal, und die NYT bittet Leser um Mithilfe um irgendwelche Skandale auszugraben. Wenn sogar CNN berichtet, dass die emails ihrer Analyse nach nichts zu Tage bringen, außer dass Palin eine "hard working Governor" war, dann weiß man, was man von solchen Artikeln zu halten hat.
tsuggitschuggi 11.06.2011
2. Mal was technisches...
"Software zum Scannen und Digitalisieren scheint in diesen Gefilden nicht vorhanden." Ja das macht Sinn Herr Pitzke. E-Mails erst ausdrucken, dann wieder einscannen. Great!
Ogden 11.06.2011
3. Merkwürdige Schreibe
Merkwürdig, wie selbstverständlich es für den Autor zu sein scheint, dass die Mails, die man beruflich oder privat erhalten und geschrieben hat, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zum Glück geschieht das wohl kaum mit dem "banalen" Leben des Autors selbst! Dieses beifallerhaschende, schadenfreudige, reißerische Sich-Aufregen, sich Besser-fühlen, weil ja rauskommt, dass auch "die da oben" ein "banales Leben" führen - das kommt mir sehr betrüblich vor. Ich finde es kindisch. Zudem hätte doch im Zentrum des Artikel die Frage stehen müssen - über die man nur unter ferner liefen etwas erfährt - wie es überhaupt dazu kam, dass die Mail veröffentlicht wurden. Eklig auch, wie sich der AUtor an der Dreckschleuderei beteiligt, dass weil Palin bescheuerte Mails bekommen hat (Kondome für die Party mitbringen), sie also ja auch selbst so sein muss. Irgendetwas bleibt ja immer haften, nicht wahr? Das ist eine Methode, die ich nicht gut heißen kann und im guten Journalismus nichts zu suchen hat.
BloodyFox 11.06.2011
4. M-hm
Zitat von tsuggitschuggi"Software zum Scannen und Digitalisieren scheint in diesen Gefilden nicht vorhanden." Ja das macht Sinn Herr Pitzke. E-Mails erst ausdrucken, dann wieder einscannen. Great!
Hab auch nicht verstanden, was er dort meinte.
südd. 11.06.2011
5. Feinde
Zitat von sysopAlaska hat 24.199 Seiten E-Mails aus Sarah Palins Gouverneurszeit veröffentlicht. Scharen von Reportern durchstöberten sie nach neuen Skandalen, Fernsehsender berichteten live. Doch bisher kam kaum Aufregendes zutage. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768044,00.html
Die Dame muss schon ein Extremes Feindbild der Medien sein. Diese riesige Arbeit für was, sie war Gouverneur von einem unbedeutenden Bundesstaat von der USA, ein Rohstofflieferant. Es gibt doch bestimmt mächtigere Politiker in der USA, die mit wichtigen Entscheidungen konfrontiert sind. Waffenlobby, Hochfinanzen, Subventionen und natürlich nicht zu vergessen Sex(Erpressbar) Aber wen suchen sich die Medien aus, schon merkwürdig
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