Bundeswehr-Freiwillige im Ebola-Gebiet "Man ist auch für das verantwortlich, was man nicht tut"

Vera Kühne will gegen Ebola kämpfen, freiwillig und vor Ort in Afrika. Im Interview spricht die Reservistin der Bundeswehr über ihre Angst vor der Seuche - und die Pflicht, persönlich im Krisengebiet zu helfen.

Dr. Vera Kühne

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Kühne, haben Sie Angst vor Ihrem Hilfseinsatz im Ebola-Gebiet in Westafrika?

Kühne: Selbstverständlich. Als mir der Virus 1999 in einem Tropenkurs zum ersten Mal begegnet ist, haben sich mir die Nackenhaare hochgestellt. Ebola ist etwas, womit man möglichst nichts zu tun haben möchte. Als Chirurgin habe ich mit solchen Viren sonst ja eigentlich auch nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Was bewegt Sie denn dann, sich an einer derart gefährlichen Mission zu beteiligen?

Kühne: Ich finde, man ist auch für das verantwortlich, was man nicht tut. Als junge Ärztin wollte ich früher meine Grenzen erfahren, in fernen Ländern Abenteuer erleben - und natürlich auch wirklich helfen. Inzwischen habe ich viel Elend an etlichen Krisenherden der Welt gesehen und weiß, dass es abseits meiner Oase des Friedens hier in Bamberg vielen Menschen sehr schlecht geht. Sich da rauszuhalten, ist für mich keine Lösung.

Zur Person
  • Dr. Vera Kühne
    Vera Kühne arbeitet seit 2006 für die Bundeswehr und hat den Rang eines Oberfeldarztes der Reserve. Die 45-Jährige ist Chirurgin mit Zusatzqualifikationen in Notfallmedizin, Tropenmedizin sowie Chirurgie zur Versorgung von Kriegs- und Schussverwundungen. Ihre Auslandseinsätze führten sie in Krisengebiete auf allen fünf Kontinenten - unter anderem nach Afghanistan, Haiti und in den Südsudan. Die promovierte Ärztin ist mit einem Truppenoffizier der Bundeswehr verheiratet und lebt in Bamberg.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen?

Kühne: Ja, natürlich. Als das Thema vor zwei Monaten aufkam, dachte ich sofort: Das kann enorm schnell zu einer Katastrophe führen, und jetzt ist es wohl so weit. Ich bin mir auch nicht sicher, ob man das noch unter Kontrolle kriegen kann - aber ich will alles dafür tun, die weitere Ausbreitung von Ebola zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Warum ausgerechnet Sie?

Kühne: Ich war seit 1998 schon bei sehr vielen Hilfseinsätzen in Krisengebieten - unter anderem im Kosovo und Südsudan, in Indonesien, Uganda, Afghanistan. Dabei habe ich mit vielen unterschiedlichen Kulturen Kontakt gehabt und habe gelernt, sie zu verstehen. Wir sind für viele Menschen dort wie Wesen vom Mars, irgendwelche Aliens. Dass in Guinea neulich mehrere Ebola-Helfer umgebracht wurden, fand ich deshalb nicht sehr überraschend. Deshalb müssen wir zunächst einmal Aufklärungsarbeit leisten.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau wollen Sie denn dabei helfen?

Kühne: Das Wichtigste ist, der Bevölkerung in den Krisengebieten die Epidemie zu erklären. Zu helfen, wenn die Leute schon infiziert sind, ist für mich bestenfalls die zweitbeste Lösung. Die Sterberate ist sehr, sehr hoch. Man kann die Epidemie nur stoppen, wenn man ihre weitere Verbreitung verhindert.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte das für Sie konkret bedeuten?

Kühne: Als Ärztin wäre ich dort natürlich medizinisch tätig, schätze ich. Aber meine genauen Aufgaben kenne ich noch nicht. Ich habe bei der Bundeswehr-Hotline etwa 20 Mal angerufen und auch E-Mails verschickt, um Details zu erfahren. Aber da ist kein Durchkommen, weil sich sehr viele für den freiwilligen Einsatz in Westafrika angemeldet haben. Ich muss also erstmal abwarten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange würden Sie in Westafrika bleiben?

Kühne: Schwierige Frage. Man stellt sich bei solchen Hilfseinsätzen immer irgendwas vor - aber es trifft nie ein. So ist es mir bislang regelmäßig ergangen: Aus Afghanistan etwa, wo ich zuletzt für die Bundeswehr in Kunduz war, bin ich mit zwei Wochen Verspätung nach Hause gekommen, weil es noch Schwierigkeiten mit meinem Nachfolger gab. So ein Einsatz ist absolut unplanbar.

SPIEGEL ONLINE: Was hält Ihre Familie davon, dass Sie ins Ebola-Gebiet reisen?

Kühne: Natürlich ist die Angst auch in meinem persönlichen Umfeld sehr groß - und zwar aus guten Gründen: Ebola ist ansteckend und tödlich. Wenn man das Virus hat, ist die Chance sehr groß, dass man auch daran stirbt.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
unifersahlscheni 26.09.2014
1. Wahre Held(innen)...!
... meinen größten Respekt ! Wir können stolz auf solch mutige Menschen sein ! Danke nochmal und viel Glück vor Ort !
hnoi 26.09.2014
2. Ich habe ...
allergrößten Respekt für diese Ärztin und und wünsche Ihr viel Glück und Erfolg!
dr.dax 26.09.2014
3.
Mit Verlaub, aber was sind Sie den fuer ein Idiot!? Hoffentlich haben sie sehr bald aerztliche Hilfe bitter noetig und keiner kommt ...
digidoctor 26.09.2014
4. Gibt es auch ein wenig Lametta dafür?
Wäre doch was.
reever_de 26.09.2014
5. Was ...
"Man ist auch für das verantwortlich, was man nicht tut" - was ist das denn für eine krude Aussage??? Ist heutzutage schwer in mystisch und schwer hintergründig klingender Statements in die Welt zu schmettern ...
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