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Muslimischer Religionspädagoge: "Islam ist, was wir draus machen"

Von , Istanbul

Betende Muslima (in Indien): "Die große Mehrheit der Muslime lehnt Terror ab" Zur Großansicht
REUTERS

Betende Muslima (in Indien): "Die große Mehrheit der Muslime lehnt Terror ab"

Lässt sich Gewalt im Namen Gottes rechtfertigen? Was hat Terrorismus mit dem Islam zu tun? Ednan Aslan, Professor für Religionspädagogik, fordert: Muslime müssen ihren Glauben neu interpretieren.

Die Karikaturisten der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" wurden von Attentätern im Namen des Islam ermordet. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) tötet Geiseln im Namen der Religion. Dutzende Gruppen, von den Taliban über das Netzwerk al-Qaida bis zu kleinen Einheiten von Dschihadisten in Afrika, im Nahen und Mittleren Osten bis nach Ostasien, kämpfen für eine Verbreitung ihrer extremistischen Vorstellung vom Islam.

Die meisten Opfer von islamistischem Terror sind Muslime, die meisten Muslime sind schockiert von den Gewalttaten. Aber eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Terror findet nur in geringem Maß statt.

Vielmehr wischen viele Muslime die Probleme mit dem Hinweis beiseite, der Islam sei eine Religion des Friedens und die Terroristen seien keine Muslime - ein Fehler, wie Ednan Aslan findet. Lesen Sie hier das Interview mit dem Wiener Professor für islamische Religionspädagogik:

Zur Person
  • privat
    Ednan Aslan wurde 1959 in der Osttürkei geboren, studierte in Tübingen und Stuttgart und promovierte über religiöse Erziehung muslimischer Kinder in Deutschland und Österreich. Er lehrt an der Universität Wien und beklagt, dass die islamische Theologie bislang vor allem auf Gewalt fuße.
SPIEGEL ONLINE: Herr Aslan, Terroristen berufen sich auf den Islam. Muslime sagen, das habe mit dem Islam nichts zu tun. Ist Gewalt nun theologisch begründbar oder nicht?

Aslan: Kürzlich wurde ein jordanischer Kampfpilot von IS-Kämpfern bei lebendigem Leib verbrannt. Das ist ein schockierender Akt, der sich islamisch-rechtlich begründen lässt. Aber nur, wenn man alte, nicht zeitgemäße Rechtsgrundlagen wiederbelebt. Genau das tun diese Terroristen aber. Der Kalif Abu Bakr zum Beispiel, der erste Nachfolger des Propheten Mohammed, ließ der Überlieferung zufolge ganze Dörfer niederbrennen, weil sie abtrünnig geworden waren. Das waren im 7. Jahrhundert völlig andere Zeiten, und selbst damals gab es Kritik an diesem Handeln. Aber leider werden solche Rechtsauslegungen nun reanimiert und an theologischen Fakultäten gelehrt, in Saudi-Arabien, Pakistan, der Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Warum behaupten andere Muslime dann, diese Gewalt habe mit dem Islam nichts zu tun?

Aslan: Viele Muslime sind sehr fortschrittlich und kennen sich mit dieser altertümlichen Auslegung islamischer Theologie nicht aus. Sie können sich nicht vorstellen, dass solch barbarische Gewalt mit dem Islam zu tun haben könnte. Die große Mehrheit der Muslime lehnt Terror ab. Aber die Grundlagen für Gewalt existieren leider noch im islamischen Recht. Manche glauben, dieses Recht sei heute nicht mehr anwendbar. Aber wir erleben, dass es im "Islamischen Staat" junge Menschen gibt, die diese alten Gesetze in die Tat umsetzen. Neu ist das keineswegs: In Iran gibt es immer wieder Steinigungen. Saudi-Arabien richtet fast wöchentlich Menschen mit dem Schwert hin. Das ist ein Teil der islamischen Realität.

"Kritische Debatten sind heute undenkbar"

SPIEGEL ONLINE: Während wir uns beim IS angewidert abwenden, machen wir mit Saudi-Arabien Geschäfte.

Aslan: Ja, das ist unsere Doppelmoral, die viele Menschen in islamischen Ländern schockiert. Einerseits verurteilen wir die IS-Verbrechen in Syrien und im Irak. Andererseits handeln wir mit Ländern, die regelmäßig und systematisch vergleichbare Taten verantworten. Mit dieser Doppelmoral schadet der Westen auch der Demokratie, denn viele Muslime sagen: Wenn das Demokratie ist, verstehen wir sie nicht. Darunter leidet das Image des Westens.

SPIEGEL ONLINE: Das Image des Islam leidet darunter, dass strenggläubige Muslime den Koran buchstabengetreu auslegen und es ablehnen, die Schrift zu interpretieren. Was, meinen Sie, muss sich ändern?

Aslan: Islam ist natürlich das, was wir daraus machen. Die Art, wie wir ihn ausüben und leben, entspricht dem Grad unserer geistigen Reife. Der Islam ist, wie die Muslime sind. Der Koran ist zwar ein abgeschlossenes Buch, aber unser Verständnis der heiligen Schrift ist ein ununterbrochener Prozess. Eine Religion ist deshalb nie fertig, weil die Menschen ständig an ihr arbeiten. Leider stelle ich fest, dass die geistige Reife vieler Muslime im zwölften Jahrhundert viel weiter entwickelt war als jetzt, im 21. Jahrhundert. Kritische Debatten, die vor 800 Jahren in Bagdad geführt wurden, sind heute undenkbar, weil viele Muslime sie als unislamisch betrachten. Gegenwärtig wird eine aufklärerische Perspektive nicht zugelassen, als könnten wir einen Islam mit europäischer Prägung nicht leben. Das macht mir Angst.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie könnten solche Debatten wieder möglich werden, ohne dass man um sein Leben fürchten muss?

Aslan: Wir müssen die Rechtslehre im Islam reformieren und den Islam aus einer europäischen Aufklärungstradition heraus prägen. Außerdem müssten die theologischen Fakultäten in den islamischen Ländern erneuert werden. Sie müssten zukunftsorientiert lehren, nicht geschichtsorientiert, damit Menschen ohne Widersprüche zwischen moderner Gesellschaft und religiöser Lehre leben können. In der Türkei etwa besinnt man sich mehr und mehr auf das Osmanische Reich. Das halte ich für falsch. Das ist eine Rückwärtsentwicklung, manche Kollegen sprechen von einer Salafisierung der islamischen Theologie. Genau das tut auch der IS: Er belebt die Geschichte und schafft sich damit seine eigenen Grundlagen.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll denn die Aussagen des Koran zeitgemäß deuten?

Aslan: Ich will nicht überheblich oder eurozentrisch sein, aber klar ist: In einem Land, in dem keine Freiheit herrscht, kann man keine Religion reformieren. Das wäre ein Spiel mit dem Feuer. Aus diesem Grund haben wir diese Chance nur im Westen, weil wir in Freiheit denken und forschen, trotz aller Schwierigkeiten. Diese Freiheit ist für uns Muslime eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie also davon überzeugt, dass der Islam zu Deutschland gehört?

Aslan: Ja, aber viele Muslime tun sich heute noch sehr schwer mit dem Leben in Europa. Sie können sich mit den hiesigen Verhältnissen nicht identifizieren. Für viel wichtiger als die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, halte ich die Frage, ob die Muslime sich mit Deutschland identifizieren können.

"Was in einem Rechtsstaat möglich ist, sollte auch für den Islam gelten"

SPIEGEL ONLINE: Es leben doch Millionen von Muslimen in Deutschland, die sich hier einfügen. Befeuern Sie mit solchen Aussagen nicht feindselige Ressentiments, wie sie bei Pegida zum Vorschein kamen?

Aslan: Der Islam wird in Deutschland von Einrichtungen repräsentiert, die gänzlich vom Ausland gesteuert werden. Dabei vertreten sie längst nicht alle Muslime. Wir müssten vielmehr einen europäischen Islam prägen und zeigen. Und der gehört natürlich zu Deutschland. Wenn Leute sagen, der Islam gehöre nicht hierher, muss man fragen, ob die integrierten Muslime damit überhaupt gemeint sind. Dass rechte Parteien oder Bewegungen wie Pegida ähnlich argumentieren, darf uns nicht dazu verleiten, bestimmte Fragen nicht mehr zu stellen. Der Islam ist mein Glaube, und ich denke, wir müssen auf die derzeitigen Probleme selbst reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, am Ende wird man auch über den Islam lachen dürfen?

Aslan: Man sollte lachen dürfen, natürlich. Was in einem Rechtsstaat möglich ist, sollte auch für den Islam gelten. Muslime lachen über das Christentum und über das Judentum, warum sollte es eine Ausnahme für den Islam geben? Es wird ja auch schon viel gelacht, es gibt Hunderte von Witzen in der Türkei über Imame.

SPIEGEL ONLINE: Und Mohammed-Karikaturen finden Sie in Ordnung?

Aslan: Man darf über den Propheten lachen, aber man sollte ihn nicht diffamieren. Ganz abgesehen davon dürfen wir nicht von jedermann erwarten, den Propheten so anzuerkennen und zu respektieren, wie Muslime es tun. Das unterscheidet ja Muslime von Nichtmuslimen. Die Erwartung, jeder müsse ihn so verehren wie wir, ist eine falsche Haltung. Wir sollten das korrigieren.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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1. Vielen Dank, Herr Kazim,....
Koalabärin 10.02.2015
das Interview spiegelt das wieder, was ich an Erfahrung mit z.B. meinen türkischen Kollegen gemacht habe. Ein Teil davon ist religiös .... und das war es. Genau wie bei den Christen. Welche Frage sich allerdings bei mir stellt: Die von Herrn Aslan vorgeschlagene Lösung, die Änderung des "Mindsets" der religiösen Führer, ist ein Prozess, der ein bis zwei Generationen dauert. Nur mir erscheint es, daß wir eine kurzfristige Lösung benötigen. Der augenblickliche "Kampf gegen den Terror" aktiviert nur die ganzen Grenzgänger, also die Leute, die kurz vor einer Radikalisierung stehen. Und da scheint der Nachwuchs nicht unerheblich zu sein. Damit der Kampf gegen den Terror Erfolg hat, müßte die Anzahl der Muslime empfindlich dezimiert werden. Und das kann nicht Sinn der Sache sein. Es wird dann nämlich immer diese Grenzgänger geben, die aufgrund dieser Unterdrückung den bewaffneten Kampf wieder aufnehmen. @ Herr Aslan: Was könnte man kurzfristig tun?
2. Sehr richtig,
aufrechtsterben 10.02.2015
die Basis des Christentums ist das Neue Testament und nichts anderes! Wenn wir nach dem Alten Testament lebten, wären wir Juden. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen Judentum und Christentum.
3.
Gudrun 10.02.2015
Das sage ich schon seit Jahren...und die Muslime meines Freundeskreis sehen es genau so!
4.
ClausWunderlich 10.02.2015
Das tuen die schon!
5.
mr.nett 10.02.2015
Egal welches Buch man betrachtet und wie alt diese Ansichten sein mögen - das Töten von Menschen im Namen Gottes ist falsch. Es ist nämlich der Gott selbst, der entscheidet, wer leben und wer sterben soll. Irgendwann holt er doch jeden "zu sich". Also, auch wenn ein - aus welcher Sicht auch immer - Ungläubiger noch lebt, dann nur, weil Gott es so haben will. Sonst würde er selbst diesen Menschen sofort mit dem Tod bestrafen. Dieser würde einfach umfallen - das war's. Aus diesem Grund handelt jeder, der Menschen im Namen seiner Religion umbringt eigentlich gegen den Willen seines Gottes. Oder er traut seinem Gott nicht genug Macht zu, dieses Problem selbst augenblicklich lösen zu können. In meinen Augen klare Gotteslästerung.
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