Ehrung für Obama Der Preisträger, der sich nicht freuen darf

"Ich habe das nicht verdient": So demütig wie Barack Obama reagierte wohl noch kein Friedensnobelpreisträger auf die Ehrung. Während die Welt ihn dennoch feiert, muss er sich daheim kleinmachen - denn Amerika reagiert vor allem mit einer Frage auf die Auszeichnung aus Europa: wofür?

Aus Washington berichtet


Amerikaner sind den Anblick demütiger Präsidenten gewohnt. Meistens haben die Staatsoberhäupter dann etwas ausgefressen. Richard Nixon, als er im Watergate-Skandal als Lügner enttarnt wurde. Ronald Reagan, nachdem er heimlich am Kongress vorbei Iran Waffen verkauft und mit dem Geld Aufständische in Nicaragua finanziert hatte. Und Bill Clinton natürlich, der die Zerknirschung nach Sex-Affären zur Kunstform erhob.

Nur hat noch nie jemand einen demütigen Präsidenten erlebt, der gerade den Friedensnobelpreis gewonnen hat.

Doch genau dieses Spektakel ist am Freitag zu besichtigen, als Barack Obama im Rosengarten des Weißen Hauses vor die Kameras tritt. Seit rund sechs Stunden ist bekannt, dass das Nobelpreiskomitee in Oslo ihm nach nur neun Monaten Amtszeit seine höchste Auszeichnung verliehen hat - für seine "außergewöhnlichen Bemühungen, internationale Diplomatie und die Kooperation zwischen den Völkern zu stärken". Obama habe ein neues internationales Klima geschaffen, lobt das Komitee.

Doch der Preisträger gibt sich so demütig, als sei ihm die Ehrung fast unangenehm. "Die Entscheidung überrascht mich", beginnt er seine Dankesrede, "und ich nehme den Preis mit tiefer Demut entgegen. Eines will ich ganz klar sagen: Ich sehe dies nicht als Auszeichnung meiner eigenen Verdienste an, sondern eher als eine Bestätigung der amerikanischen Führungsrolle."

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Obama-Regierung gegen Fox News: Medienkrieg in Washington
Obama erzählt, wie seine beiden jungen Töchter nach dem Aufstehen statt am Friedensnobelpreis eher am Geburtstag ihres Hundes und dem bevorstehenden langen Wochenende interessiert gewesen seien. Die Anekdote soll zeigen, dass er noch immer ein ganz gewöhnlicher Familienvater ist.

Doch niemand schmunzelt. Niemand erwartet ja von einem US-Präsidenten, normal zu sein.

Obama fährt munter fort in seinem Entschuldigungsmarathon: "Um ehrlich zu sein: Ich finde nicht, dass ich es verdient habe, in einer Reihe mit so vielen wegweisenden Gestalten zu stehen, die mit diesem Preis geehrt worden sind."

Es ist wohl eine der seltsamsten Dankesreden eines Friedensnobelpreisträgers. Eigentlich sollte der Präsident ausgelassen sein, die Auszeichnung gilt als der "Oscar" unter Staatsmännern.

Eher schockiert als euphorisiert

Fast möchte man ihm zurufen: Nun freu' dich doch mal. Doch das Weiße Haus wirkt eher schockiert als euphorisiert. Selbst in Obamas Umfeld hatte niemand erwartet, dass er unter 205 Nominierten in Oslo zum Zug kommen würde - nur zwei Jahre nach der Nobelpreisverleihung an Amerikas Ex-Vizepräsidenten Al Gore und sieben Jahre nach der Ehrung des Ex-Präsidenten Jimmy Carter. Obama-Sprecher Robert Gibbs antwortete auf die E-Mail eines Reporters über die sensationelle Entscheidung mit bloß einem Wort: "Wow". "Der Präsident konnte damit nicht rechnen", beteuert auch Chefstratege David Axelrod.

Es überwiegt die Skepsis, ob so viel Lob aus dem Ausland bei den Kämpfen daheim wirklich hilft. Noch haben Obamas Berater nicht vergessen, wie dieser im Wahlkampf etwa für seine umjubelte Rede vor 200.000 Menschen in Berlin angegriffen wurde. Sein republikanischer Rivale John McCain verspottete ihn als "Popstar", der vor allem in Europa beliebt sei. Auch der Nobelpreis kommt aus Europa.

Die Welt macht Obama groß - und er muss sich ganz klein machen. Der Vorwurf, er habe außer vielen Reden wenig zu bieten, hängt dem amtierenden Präsidenten wie ein Mühlstein um den Hals. Die Republikanische Partei kommentiert den Preis denn auch so: "Die Frage, die sich Amerikaner stellen, lautet: Was hat Präsident Obama eigentlich erreicht? Präsident Obama wird sicherlich keine Preise für die Schaffung neuer Jobs oder für einen ausgeglichenen Haushalt erhalten."

Vergiftetes Lob

Rush Limbaugh, einflussreicher konservativer Talkmaster, sagt: "Die Eliten der Welt wollen Obama so dazu drängen, nicht mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken, nichts gegen Irans Nuklearprogramm zu unternehmen - und die Entmannung der Vereinigten Staaten fortzusetzen." Und auch McCain ringt sich nur zu einem vergifteten Lob durch: "Der Präsident versteht nun wohl, dass die Erwartungen an ihn noch gewachsen sind."

Doch die konservativen Stimmen stehen nicht allein mit ihrer Skepsis, ob die Auszeichnung zu früh kommt. "Obama könnte sie eines Tages als eine Zwangsjacke sehen", schreibt die "Washington Post". Manche Preise würden für konkrete Verdienste verliehen, andere für Erwartungen. Im Gegensatz zu Theodore Roosevelt oder Woodrow Wilson, die als amtierende US-Präsidenten für Errungenschaften wie den russisch-japanischen Friedensschluss und die Gründung des Völkerbundes ausgezeichnet worden seien, ginge es bei der Ehrung für Obama vor allem um Erwartungen.

Das ist nicht zu leugnen. Zwar erwähnt das Nobelpreiskomitee Obamas Bemühungen um mehr Klimaschutz oder seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Doch ein internationales Klimaabkommen scheint in weiter Ferne, seit ein entsprechendes Gesetz im US-Senat feststeckt. Das Gefangenenlager Guantanamo wird Obama nicht wie vorgesehen innerhalb eines Jahres schließen. Iran trickst weiterhin bei Angaben über sein Atomprogramm, Nordkorea provoziert die USA mit neuen Raketentests. Seit Wochen zögert der Präsident eine Entscheidung über seine Strategie für den Afghanistan-Krieg hinaus. Al-Qaida formiert sich gleichzeitig neu in Pakistan.

Im Schatten des Nobelpreises

Außerdem hat Obama im besten Fall noch fast acht Amtsjahre vor sich. Jede seiner Entscheidungen dürfte nun daran gemessen werden, ob sie den hehren Grundsätzen des Nobelpreiskomitees entspricht. So könnte der US-Präsident schon bald dazu gezwungen sein, Tausende zusätzliche Soldaten nach Afghanistan zu entsenden, er könnte den Krieg ausweiten. "Ein Militärschlag gegen Iran mag in Amerikas Interesse sein. Aber ist es etwas, das ein Nobelpreisträger tun würde?", fragt entsprechend die "Washington Post".

Es ist ein schwieriger Spagat. Deshalb wird Barack Obama wohl wie kein Preisträger vor ihm die Ehre aus Oslo herunterspielen.

Als er nach seiner Pressekonferenz zu einer Veranstaltung den East Room des Weißen Hauses betritt - es geht um eine neue Finanzaufsichtsbehörde -, erheben sich die Gäste von den Sitzen. Sie klatschen ausgelassen, sie wollen ihn feiern.

Der Präsident winkt ab, beinahe erschrocken, als wolle er nur eins signalisieren: Bloß keinen Jubel, bitte!

insgesamt 1858 Beiträge
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Seite 1
Klo, 09.10.2009
1.
Zitat von sysopSensationelle Entscheidung: Barack Obama bekommt den Friedensnobelpreis. Der US-Präsident wurde vom Komitee in Oslo für seine "außergewöhnlichen Bemühungen für die Zusammenarbeit zwischen den Völkern" ausgezeichnet. Eine richtige Entscheidung?
Viel unsinniger als der Literaturpreis für Herta Müller ist auf jeden Fall der Friedenspreis für Obama, der ja noch absolut gar nichts erreicht hat, was dies rechtfertigen könnte.
Harms Wulf, 09.10.2009
2.
Zitat von sysopSensationelle Entscheidung: Barack Obama bekommt den Friedensnobelpreis. Der US-Präsident wurde vom Komitee in Oslo für seine "außergewöhnlichen Bemühungen für die Zusammenarbeit zwischen den Völkern" ausgezeichnet. Eine richtige Entscheidung?
Jetzt sind ALLE Dämme gebrochen: Jetzt kann der Typ mit der Welt und dem Dollar machen, was er will. Die Welt ist VÖLLIG irre!!
P-Berg, 09.10.2009
3.
Zitat von sysopSensationelle Entscheidung: Barack Obama bekommt den Friedensnobelpreis. Der US-Präsident wurde vom Komitee in Oslo für seine "außergewöhnlichen Bemühungen für die Zusammenarbeit zwischen den Völkern" ausgezeichnet. Eine richtige Entscheidung?
Unbedingt. Seit seiner Inauguration sind schließlich - nur durch ihn - sämtliche Kriegsfeuer für immer erloschen, es herrscht Wohlstand für alle, Seuchen, Armut ... pipapo sind ausgerottet. Love, Peace & Harmony allerorten... Hail the messiah !
Panslawist 09.10.2009
4.
Zitat von sysopSensationelle Entscheidung: Barack Obama bekommt den Friedensnobelpreis. Der US-Präsident wurde vom Komitee in Oslo für seine "außergewöhnlichen Bemühungen für die Zusammenarbeit zwischen den Völkern" ausgezeichnet. Eine richtige Entscheidung?
Nachdem ihn Ahtisaari bekommen hat, ist dieser Preis völlig diskreditiert worden und man sollte aufhören über seine Verleihung zu berichten.
shine31 09.10.2009
5. Entscheidung ist richtig....
...aber noch etwas verfrüht. Erst sollten die ganzen Krisen, die Amerika im Nahen und Mittleren Osten angerichtet hat, behoben werden. Amerika mit Obama ist auf dem richtigen Weg, aber noch lange nicht am Ziel.
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