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Ein Jahr im Koma: Sehnsucht nach Papa Scharon

Von , Tel Aviv

Skandale über Skandale, Wähler-Frust, kein Friedensplan: Seit Premier Ariel Scharon vor einem Jahr ins Koma fiel, kämpft Israel mit sich selbst. Nachfolger Olmert muss sich des Vorwurfs erwehren, dass Übervater Scharon den Libanon-Krieg so nie geführt hätte.

Rückblende. Mittwoch, 4. Januar 2006. Israel ist im Schock. Einer der beliebtesten und zugleich umstrittensten Politiker wird nach einem schweren Schlaganfall mit massiven Hirnblutungen in die Klinik eingeliefert. Schon zwei Wochen zuvor war er nach einem leichten Gehirnschlag im Krankenhaus behandelt worden. Jetzt machen die schweren Hirnblutungen mehrere Notoperationen erforderlich.

Die Nation fiebert mit: Wird Ariel Scharon überleben?

Am Bildschirm sieht sie zu, wie der Premier auf einer Tragbahre in die Notfallstation geschoben wird. Am nächsten Tag hätte der heute 78-jährige Premier wegen eines kleinen Herzfehlers operiert werden sollen. Stattdessen drucken die Zeitungen auf der ersten Seite das letzte Bild von Scharon. Es zeigt ihn im Sanitätswagen, der ihn von seiner Farm in der Negev-Wüste in die Jerusalemer Klinik gefahren hatte. Das Bild lässt nur sein weißes Haupt erkennen. Seither liegt er im Koma. "Sein Zustand ist stabil, aber kritisch", so wimmelt der Kliniksprecher Fragen ab.

Scharon im Krankenwagen (Januar 2006): Er hat ein Vakuum hinterlassen
AFP/ CHANNEL 10

Scharon im Krankenwagen (Januar 2006): Er hat ein Vakuum hinterlassen

Seit Scharons Verschwinden ist Israels Politik kräftig aufgewühlt worden, selbst gemessen an den Maßstäben dieses Landes, das an Skandale, Krisen und Kriege gewöhnt ist. Seit Monaten liest sich die lokale Presse wie eine riesengroße Chronique scandaleuse. Nicht nur Scharons Nachfolger Ehud Olmert machte mit undurchsichtigen Immobiliengeschäften und angeblicher Schmiergeldannahme Schlagzeilen. Gegen Staatspräsident Mosche Katzav wird wegen sexueller Belästigung ermittelt. Der Justizminister stand wegen einer Kussszene vor Gericht. Und seit ein paar Tagen wird sogar gegen die Spitze der Steuerbehörde wegen Korruption vorgegangen, wobei auch Olmerts Bürochefin zum Kreis der Verdächtigen gehört. Sie steht derzeit unter Hausarrest.

Beunruhigend lange Liste der Skandale

Nun waren Israels Politiker und Beamte in den vergangenen Jahren nie eine Ausgeburt von Reinheit. Auch Scharon und dessen Familie waren in Korruptionsskandale verwickelt. Omri Scharon, ein Sohn des im Koma liegenden Ex-Premiers, muss demnächst wegen unsauberer Finanzdeals sogar eine Gefängnisstrafe absitzen.

Premier Olmert (vor Plakat von Vorgänger Scharon, im Februar 2006): Ständig wird er am Übervater gemessen
AP

Premier Olmert (vor Plakat von Vorgänger Scharon, im Februar 2006): Ständig wird er am Übervater gemessen

Seit Olmerts Einzug ins Büro des Premierministers ist die Zahl der Skandale aber in die Höhe geschnellt. Nie zuvor waren so viele Persönlichkeiten zugleich in so zahlreiche Schmählichkeiten verwickelt wie im vergangenen Jahr.

Trotzdem: Zur beunruhigend langen Liste der Skandale hat sich Olmert bislang nicht geäußert. Er verliert deshalb das Vertrauen der Wähler. Was sie bei Scharon hinnahmen, wollen sie bei Olmert nicht tolerieren.

Die Popularität des Premiers leidet vor allem darunter, dass ihn die Wähler mit Scharon vergleichen, der für die meisten eine Art unersetzliche Vaterfigur war. 70 Prozent der Israelis halten Olmerts Führungsqualitäten für ungenügend. 74 Prozent haben kein Vertrauen in seine Entscheidungsprozesse. 77 Prozent bemängeln seine Leistungen als Regierungschef.

Scharon hat ein Vakuum hinterlassen.

Wäre er nicht krank geworden, hätte die Region ein besseres Jahr gehabt, vermutet der israelische Journalist Schalom Yeruschalmi: Olmert fehle die Erfahrung, die Scharon ausgezeichnet habe: "Niemand kann in Scharons Schuhe treten, sie sind zu groß."

Scharon – ein "linker Politiker aus dem Friedenslager"?

Die ganze Regierungsspitze sei schwach, sagt der einstige Scharon-Intimus Salman Schoval, ehemals Botschafter in Washington. Verteidigungsminister Amir Peretz möge ein guter Gewerkschaftsboss sein – aber gegenüber den Militärs könne er sich kein Gehör verschaffen. Unter Scharon hätte er den wichtigen Posten wegen mangelnder Qualität und Erfahrung nicht erhalten, meint Schoval. Auch auf Generalstabschef Dan Halutz sei kein Verlass. Der ehemalige Luftwaffenchef muss sich falsche und zu langsame Beschlüsse bei der Kriegsführung im Libanon vorwerfen lassen.

Scharon sei im Krisenmanagement allen anderen voraus gewesen, so schwärmen nicht nur seine Anhänger. Selbst ehemalige Feinde und Gegner trauern Scharon nach. Der Schriftsteller Amoz Oz zum Beispiel, stets ein Widersacher Scharons, findet nur lobende Worte. Plötzlich sei eine "mysteriöse Verwandlung" eingetreten, schrieb Oz schon vor einem Jahr: "Wer Scharon zuhört, meint, es spreche ein linker Politiker aus dem Friedenslager." Scharon hatte mit seiner einseitigen Räumung des Gazastreifens nicht nur einen neuen Kurs eingeschlagen, sondern ihn auch gegen bitteren Widerstand der Rechten durchgesetzt.

Olmert dagegen lässt jede Vision vermissen. Im Wahlkampf war er zwar mit dem Programm angetreten, sich aus Teilen des palästinensischen Westjordanlands zurückzuziehen und Siedlungen aufzulösen. Doch schon ein halbes Jahr später hat er sich von diesem Plan verabschiedet. Nicht nur das: Er hat es nicht einmal geschafft, wilde Siedlungen zu schließen, die auch nach israelischem Recht illegal sind. Statt sein Wahlversprechen zu erfüllen, die Grenze Israels definitiv festzulegen, holte er sich den Rechtsaußen Avigdor Lieberman in die Koalition, der nichts von Kompromissen mit den palästinensischen Nachbarn wissen will.

Dem Nachfolger sitzt die Zunge zu locker

Während Scharon am Ende seiner Karriere ein gewandter Politiker war, der kein Wort zu viel sagte, hat Olmert mitunter Mühe, seine Zunge im Zaun zu halten. Es entschlüpfen ihm immer wieder voreilige Äußerungen, die seine Sprecher dann relativieren oder gar korrigieren müssen. So deutete er kurz vor seinem jüngsten Berlin-Besuch an, was seit Jahrzehnten als militärisches Staatsgeheimnis strengstens gehütet worden war: Dass Israel eine Atommacht ist.

Der Zickzack-Kurs fordert seinen Preis.

Weil Olmert und seine unerfahrene Crew zeigen wollten, dass sie keine Schwächlinge sind, antworteten sie im Sommer auf eine Provokation der schiitischen Hisbollah-Milizen mit einem langen Krieg. Den Beweis der Stärke hätte die alte Kriegsgurgel Scharon nicht nötig gehabt, und er wäre wohl vor einer Verwicklung im Libanon zurückgeschreckt.

"Scharon hätte auf den Angriff der Hisbollah mit einem massiven, aber kurzen Militärschlag reagiert", sagt Ex-Botschafter Schoval. Nach der Attacke auf eine israelische Geländewagen-Patrouille an der libanesischen Grenze, bei dem schiitische Hisbollah-Milizen am 12. Juli drei israelische Soldaten getötet und zwei weitere Soldaten entführt hatten, reagierte Olmert spontan und, sagen die Kritiker, unüberlegt.

Scharon hätte, wohl zurecht, gewartet und die Lage zusammen mit seinen Beratern eingehend geprüft, meint Schoval. Nach einem Monat musste Olmert einen Waffenstillstand akzeptieren - ohne seine deklarierten Kriegsziele erreicht zu haben.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche".

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