Von Ulrike Putz, Kairo
Sie sind alle wieder da: Die Straßenhändler, die rot-weiß-schwarze Flaggen, Revolutions-T-Shirts und Aufkleber verkaufen. Die Imbissbudenbetreiber, die ihre auf rollenden Öfen gegarten Süßkartoffeln feilbieten. Die Männer mit den Farbtöpfen, die gegen eine Münze die ägyptische Trikolore auf Gesichter pinseln. Die Freiwilligen, die jeden, der auf Kairos Tahrir-Platz will, nach Waffen durchsuchen. Und die Abertausenden, die gekommen sind, um sich an dem Gefühl zu laben, Teil eines großen Ganzen zu sein.
Ein Jahr, nachdem die Ägypter den Aufstand gegen ihren verhassten Despoten Husni Mubarak starteten, ein Jahr, nachdem der am 25. Januar begonnene, 18 Tage dauernde Massenprotest das alte Regime am Nil fortspülte, sind am Mittwoch im Stadtzentrum von Kairo Hunderttausende zusammengekommen. Die wenigsten sind zum Tahrir-Platz gekommen, um einfach nur zu feiern: Immer wieder wird in Sprechchören "Gerechtigkeit für die Märtyrer" gefordert. Andere Slogans vergleichen den Vorsitzenden des seit Mubaraks Abdankung herrschenden Militärrat, Hussein Tantawi, mit dem ehemaligen Diktator.
"Die Revolution ist noch lange nicht vorbei", sagt Amina Niazi. Am Geländer auf der Kasr-al-Nil-Brücke lehnend hält sie das Bild eines übel zugerichteten Toten hoch: Isam Atta, der im Oktober 2011 im Gefängnis zu Tode geprügelt wurde - Monate nachdem die Revolution doch eigentlich gesiegt haben sollte. "Attas Tod ist ein Symbol: So lange der Militärrat Demonstranten töten lassen kann, ohne dass jemand dafür bestraft wird, ist der Kampf nicht gewonnen", sagt Niazi, die mit ihren Töchtern demonstrieren gekommen ist.
Der Militärrat SCAF ist in Wahrheit eine Junta. Er regiert Ägypten, als sei es immer noch eine Diktatur: Diese Meinung hört man sehr oft an diesem Tag. Und so liegt über dem Tahrir-Platz nicht die Feiertagsatmosphäre, die sich viele vielleicht gewünscht hätten. Zwar sind die umliegenden Hochhäuser mit rot-weiß-schwarzen Fahnen feierlich dekoriert, Familien nutzen den Tag zu einem Ausflug, schieben sich im Sonntagsstaat durch die Menge.
Doch viele Ägypter sind am Ende ihrer Geduld: Denn weder sind die Schuldigen für die 30 Jahre Diktatur und die rund 1000 Toten während der Revolution gefunden und verurteilt. Die Mubaraks stehen zwar vor Gericht, aber schon deutet sich an, dass ihre Anwälte Mittel und Wege finden werden, ihre Verurteilung abzuwenden oder endlos zu verzögern. Auf der anderen Seite sind die Militärgerichtsverfahren, in denen Zivilisten ohne Hoffnung auf einen fairen Prozess abgeurteilt werden, nicht eingestellt worden. Etwa 12.000 vornehmlich junge Demonstranten sind in dem Jahr seit der Revolution von Militärs verurteilt worden - mehr als in 30 Jahren Mubarak.
"Dann kommen wir zurück - aber ohne Karneval"
Vor allem aber hat sich die wirtschaftliche Lage fast jeder ägyptischen Familie seit der Revolution verschlechtert statt verbessert. "Die Freiheit hat die Menschen einen hohen Preis gekostet, in ägyptischen Pfund", sagt Mustafa Suleiman, ein 54-jähriger Ingenieur. Auch er verdient heute schlechter, aber er nimmt die Einbuße gern hin. "Früher wurde ich wegen meines Glaubens diskriminiert. Ich bekam nicht die Professur, die mir zugestanden hätte", sagt der Bartträger, der die streng-islamische Partei des Lichts gewählt hat. Heute begegneten ihm seine Kollegen mit neuem Respekt.
"Ich kann es mir leisten, etwas weniger zu verdienen", sagt Suleiman, der erzählt, dass er aber doch seinen Fahrer entlassen musste, den er wie die meisten Mitglieder der ägyptischen Mittelschicht beschäftigen konnte. "An seinem letzten Arbeitstag sagte er weinend: Ich weiß nicht, wie ich meine Kinder ernähren soll", berichtet er. Suleiman setzt seine Hoffnungen in das neu gewählte Parlament, das seit Montag tagt. "Die Abgeordneten werden Ägypten auf den richtigen Weg bringen und den SCAF zwingen, seine Macht an Zivilisten abzugeben." Und wenn nicht? "Dann kommen wir zurück auf den Tahrir, aber ohne den Karneval."
Bei aller Freude über den Sturz von Mubarak ist der Frust groß am Nil. Wenn nicht bald der Aufschwung kommt, könnte die Enttäuschung die Menschen wieder auf die Straßen treiben, glaubt auch Hala Mustafa, Chefredakteurin des vom al-Ahram Zentrum für politische Studien herausgegebenen Magazins "Democracy Review". "Ich fürchte, die erste Revolution könnte sich als gescheitert erweisen. Und sollte es eine zweite Revolution geben, wird die chaotischer und wesentlich aggressiver verlaufen als 2011."
Um die Revolution 2.0 abzuwenden, hat der Militärrat in den vergangenen Tagen mehrfach Zugeständnisse an die Demonstranten gemacht: Zum einen erließen die Generäle eine Amnestie für in den vergangenen Monaten verhaftete Demonstranten. Fast 2000 Protestler kamen am Dienstagabend frei.
In einer weiteren versöhnlichen Geste hob Feldmarschall Tantawi ebenfalls Dienstagabend die jahrzehntelang geltenden Notstandsgesetze auf. Schon Mittwochmorgen sollten sie nicht mehr greifen - eine Art Geburtstagsgeschenk an die Revolution der Armee, die sich jedoch eine Hintertür offen ließ: Bei "rücksichtslosem Verhalten" könne das Gesetz immer noch angewendet werden, droht Tantawi. Menschenrechtler kritisierten, dass Demonstranten, denen dies oft vorgeworfen wird, weiter unter die verschärfte Gesetzgebung fallen.
Auch wenn auf dem Tahrir-Platz am Mittwoch Volksfeststimmung war: Ägypten stehen harte Zeiten bevor. "Wenn wir nicht bald einen echten Wandel sehen, wenn die alten Seilschaften nicht bald abgelöst und die Korruption effektiv bekämpft wird, werden wir eine neue Welle des Zorns erleben", warnt Chefredakteurin Mustafa. "Ich wünsche mir ein modernes Ägypten, einen Staat wie die Türkei, der Tradition und Fortschritt verbindet", so die Politikwissenschaftlerin. "Doch das liegt in weiter Ferne."
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