Mord an Kreml-Kritiker Nemzow Der Killer und die Tschetschenien-Connection

Der mutmaßliche Todesschütze sitzt in Haft, die Drahtzieher sind aber noch nicht gefasst. Ein Jahr nach dem Mord an Kreml-Kritiker Boris Nemzow führt die Spur nach Tschetschenien.

Von , Moskau


Der mutmaßliche Killer lieferte eine detaillierte Schilderung des Mordes an Boris Nemzow. Saur Dadajew, ein Mann aus der Unruheprovinz Tschetschenien, sitzt derzeit in Untersuchungshaft, im Moskauer Lefortowo-Gefängnis des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

Dadajew erzählte den Ermittlern, wie er die Tat plante und sich auf die Lauer legte. Er wartete über Wochen auf einen günstigen Zeitpunkt, um den Kritiker von Kreml-Chef Wladimir Putin zu erschießen. Vor einem Jahr, am 27. Februar 2015, beschattete er mit Komplizen die Wohnung des Politikers. Nemzow verließ das Haus erst spät am Abend und fuhr mit seiner Freundin zum Dinner. Seine Mörder folgten ihm. Auf Aufnahmen von Überwachungskameras am Roten Platz sind sie zu sehen, sie werfen verstohlene Blicke durch die Fensterfront in das Innere des Nobelrestaurants Bosco.

Kugeln in Hals, Lunge und Herz

Nemzow und seine Begleiterin traten kurz nach 23 Uhr ins Freie. Zum Verhängnis wurde dem Politiker der Entschluss, mit seiner Freundin zu Fuß zurück zu seiner Wohnung zu laufen. "Er ging mit einem Mädchen 40 Meter vor mir", so hat es der mutmaßliche Killer Dadajew im Verhör berichtet.

Er holte das Paar ein und feuerte aus nächster Nähe drei Schüsse. Weil Nemzow versuchte, sich aufzurappeln, "gab ich noch drei Schüsse ab", sagt Dadajew. Der Oppositionsführer wurde von Kugeln in Hals, Lunge und Herz getroffen. Er starb noch am Tatort, nur wenige Hundert Meter von den Mauern des Kreml entfernt.

Nemzows Mitstreiter und seine Familie sind überzeugt, dass der Auftrag für die Tat aus Tschetschenien kam, entweder aus dem Umfeld des dortigen Republikchefs Ramsan Kadyrow oder aber von diesem selbst. Das macht den Fall für Präsident Putin noch brisanter, als der gewaltsame Tod eines Kreml-Kritikers vor den Kreml-Mauern ohnehin ist.

Der mutmaßliche Todesschütze Dadajew hat seine Aussage später widerrufen. Man habe sie ihm unter Folter abgepresst. Eine Expertise kam allerdings zu dem Schluss, dass sich die Tat ziemlich genau so abgespielt hatte, wie von Dadajew im Verhör beschrieben. Dieses Wissen konnte nur der Mörder haben.

Die Behörden würden es dabei offenbar gern belassen. Das staatliche Ermittlungskomitee betrachtet den Fall als aufgeklärt. Doch spricht viel dafür, dass Dadajew und seine Komplizen nicht auf eigene Faust handelten, sondern Auftragsmörder sind.

Dieser Verdacht bekam Ende Februar neue Nahrung. Die Kreml-kritische "Nowaja Gaseta" veröffentlichte die Aufnahme einer Überwachungskamera vom Vortag des Attentats. Darauf zu sehen ist neben einem Mitglied der Dadajew-Gruppe ein Offizier aus Tschetschenien. Der Mann heißt Ruslan G. und ist stellvertretender Kommandeur einer Einheit namens "Bataillon Nord". Auch Dadajew stand Anfang 2015 im Dienst der Truppe. Formal untersteht die Formation Russlands Innenministerium, faktisch ist sie eine Privatarmee von Kadyrow.

Putin hat einmal gesagt, er empfinde für Kadyrow "wie für einen Sohn". Obwohl Menschenrechtler den Despoten der Folter und des Mordes beschuldigen, ließ Putin ihm in Tschetschenien freie Hand.

Nach Informationen der "Nowaja Gaseta" operieren die "Kadyrowzy" allerdings nicht nur im Nordkaukasus, sondern auch in Moskau - und unterlaufen damit das Gewaltmonopol der russischen Bundesbehörden. "Tschetschenien ist die einzige Region, die in der Hauptstadt eigene Bewaffnete unterhält", schreibt das Blatt.

Offiziell seien sie zum Schutz von Politikern abgestellt. Tatsächlich gehe es aber um kriminelle Aufträge. Als Beispiel wird der Fall eines korrupten Gazprom-Managers genannt, der von den Tschetschenen festgesetzt wurde, damit er unterschlagene Gelder mit anderen teile.

Der Geheimdienst FSB hält Kadyrow für eine Gefahr

Den Spuren nach Tschetschenien sind auch die Ermittler nachgegangen. Sie glaubten, dass es der tschetschenische Offizier Ruslan G. war, der die Mörder auf Nemzow ansetzte. Er soll der Mann sein, den die Bande mit Spitznamen "Rusik" nannten - und ihnen mehrere Millionen Rubel für die Tat versprach.

In Moskau wird darüber spekuliert, dass Nemzows Ermordung einen Machtkampf auslöste. Teile des Geheimdienstes FSB sehen in Kadyrow eine wachsende Gefahr und Konkurrenz. Die Mitglieder des Killerkommandos wurden binnen weniger Tage nach der Tat verhaftet.

Der Einfluss des russischen Geheimdienstes scheint allerdings an den Grenzen Tschetscheniens zu enden. Dadajew, den mutmaßlichen Schützen, nahmen sie bei einem Ausflug in die Nachbarprovinz Inguschetien fest. Während der Ermittlungen sollte auch der Offizier Ruslan G. verhört werden. Der aber setzte sich zwischenzeitlich in die Vereinigten Arabischen Emirate ab, inzwischen soll er sich in einer schwer bewachten tschetschenischen Ortschaft aufhalten. Die Vorladung kam nie bei ihm an.

Chefermittler im Fall Nemzow ist nun ein Mann, der vor einigen Jahren damit Schlagzeilen machte, als es ihm nicht gelang, die Hintermänner in einem anderen spektakulären Mordfall ausfindig zu machen: Ruslan Jamadajew, Abgeordneter des russischen Parlaments aus Tschetschenien, wurde in Moskau auf offener Straße niedergeschossen. Jamadajew war zuvor ein Widersacher Kadyrows im Kampf um die Vorherrschaft in Tschetschenien. So wie sein Bruder Sulim Jamadajew, der 2009 in Dubai erschossen wurde.

Kadyrow hat auf die Vorwürfe auf seine Art geantwortet. Anfang Februar veröffentlichte er auf Instagram eine Aufnahme, die den Nemzow-Verbündeten und Oppositionspolitiker Michail Kasjanow im Visier eines Scharfschützengewehrs zeigt. "Wer noch nicht verstanden hat, wird noch begreifen", stand daneben.



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