Ein Jahr Trump Fünf Gründe, optimistisch zu sein

Ein irrlichternder Präsident, ein hysterisches Land, die Welt im dauernden Ausnahmezustand: Das waren die ersten zwölf Monate unter Donald Trump. Ab jetzt wird Vieles besser.

US-Präsident Donald Trump
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US-Präsident Donald Trump

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Wenn die US-Regierung dichtmacht, bleiben Zehntausende Beamte zu Hause, Ministerien schließen, Behörden, irgendwann auch Nationalparks, Museen, Zoos. So sieht ein "shutdown" aus. Ein Land schaltet auf Notbetrieb. Es gibt kein passenderes Symbol zu Donald Trumps erstem Amtsjubiliäum als dieser maximale Stillstand.

Seit einem Jahr lenkt er uns von den wesentlichen Dingen ab, von Liebe, schönen Gedanken, vom Denken und Träumen, er kontaminiert unsere Partys, Dates und Grillnachmittage, und wenn wir Spaß haben und mal nicht über IHN nachdenken wollen, twittert er. Vielleicht ist das sein größtes Verdienst nach zwölf Monaten im Chefsessel: dass wir uns tagein, tagaus mit ihm beschäftigen.

Donald Trump hat uns in seine Welt hineingezogen, ob wir wollten oder nicht, in sein Chaos, seinen Schmutz. Der politische Diskurs wurde vollends zum Gossip - wer hasst wen im Weißen Haus, wer hatte mal mit Prostituierten zu tun, wer traf welche Russen, wer reist auf Staatskosten in wessen Privatjet. Bei diesem Spiel ist Trump unschlagbar, er ist der König der Gosse. Er reißt uns mit sich in die Tiefe. Er kriecht in unsere Köpfe, und natürlich liegt darin das oberste Ziel eines Narzissten. Er ist Dr. Mabuse. Wir sind hypnotisiert von ihm. Leider ist er der mächtigste Mann der Welt.

Und doch darf man ihn nicht als medizinisches Problem sehen, auch wenn er fast im Wahn behauptet, er sei ein Genie. Er wird sich nicht mit Hilfe von Psychiatern aus dem Amt jagen lassen. Gegen ihn hilft Politik, und darin liegt die erste gute Nachricht: Es gibt einen einfachen, fast banalen Weg, ihn loszuwerden. Das Ende von Trump, schreibt auch Adam Gopnik im "New Yorker", ist zwei Wahlen weit entfernt, die "midterm elections" im November und die Präsidentschaftswahlen 2020, falls er bis dahin noch im Weißen Haus sitzt.

2018 wird das Jahr des Widerstands

Die zweite gute Nachricht: 2018 wird das Jahr des Widerstands. Wir werden Menschen sehen, die das Land leidenschaftlich verbessern wollen, nicht in Washington, sondern in Pennsylvania, Wisconsin, Arizona, Texas, überall. Es ist das Amerika der Mitte, das sich erhebt. Dieses Amerika tut gut daran, nicht mit der Hysterie des vergangenen Jahres weiterzumachen, sondern mit kühlem Pragmatismus. Im November, das zeigen die Statistiken, werden die Demokraten vier Mal mehr Frauen für das Abgeordnetenhaus aufstellen als die Republikaner.

Damit verbunden ist die dritte gute Nachricht: Unser Blick wird sich weiten, endlich wieder, weg von Trump, hinaus in das Land, hin zur Vielfalt. Das "Time"-Magazin druckte gerade Fotos von demokratischen Jungpolitikerinnen auf der Titelseite mit der Überschrift: "The Avengers", die Rächerinnen. Hoffentlich gibt es bald auch mehr Schwarze, Arme, Schwule, Latinos. Werft Trump das Leben entgegen, die Leidenschaft, den Optimismus, so lässt er sich besiegen.

Trumps Aufstieg hat gezeigt, was geschieht, wenn man einem mittelmäßig talentierten Trickbetrüger Probleme überlässt, auf die man selbst keine Antwort hat. Letztlich ist er die ultimative Bestrafung jahrelanger Bequemlichkeit, Blindheit, Selbstzufriedenheit, die in der progressiven, liberalen Mitte herrschte. Dieser Mitte muss klarwerden, wie sie die großen Aufgaben des 21. Jahrhunderts angehen will, Migration, Klimawandel, Steuerflucht, Globalisierung, die wachsende Ungerechtigkeit, der Aufstieg von autokratischen Regimen, der Vertrauensverlust der Demokratie, die Liste ist leider lang. Trump hat die USA nicht gespalten, er ist ein Produkt der Spaltung, die es vorher gab.

Die Konservativen sind innerlich hohl, moralisch leer

Die vierte gute Nachricht: Die Konservativen haben ihre Werte bis zur Unwählbarkeit verraten. Innerlich sind sie hohl, moralisch leer. Im Dezember erteilte die Parteiführung der Republikaner dem Mädchenbelästiger Roy Moore in Alabama den Segen, für den Senat zu kandidieren, gegen nur milden Widerstand aus den eigenen Reihen. Auch als Trump die Geheimdienste angriff und das FBI, als er die Presse attackierte und die Justiz, als er Schulden machte und Muslime an der Einreise hinderte, waren die gemäßigten Konservativen still, weil sie sich von rechten Trollen weismachen ließen, dass das Volk so regiert werden möchte. Ein anti-intellektueller, anti-progressiver, isolationistischer Konservativismus wird auf Dauer keine Chance haben, was den Progressiven in die Hände spielt.

Fünftens: Es gibt jetzt gute Gründe, die Demokratie zu stärken, indem man das Wahlrecht reformiert. Die vergangene Präsidentschaftswahl war eine Farce. Wie soll man Bürgern erklären, dass jedes Kreuz wichtig ist, wenn Trumps Gegenkandidatin knapp drei Millionen mehr Stimmen bekommt und trotzdem verliert? Präsidentschaftswahlen sind teuer, dauern zu lang und interessieren außerhalb von Washington kaum jemanden. 2016, im Jahr von Clinton gegen Trump, lag die Wahlbeteiligung bei nur 60 Prozent. Jetzt spüren diejenigen Aufwind, die das Wahlsystem verbessern wollen, zum Glück.

Trumps erstes Jahr war ein Stresstest für die demokratischen Institutionen der USA, aber auch für den Westen. Die US-Institutionen haben diesen Test mit einigen Beulen und blauen Flecken bestanden. Der Westen, vor allem Europa, hat sich von dem Schock aber noch nicht erholt. Europa, das heißt: wir, verlässt sich immer noch auf die schützende Hand der USA, notgedrungen. Wir lassen uns von Trump spalten und streiten um Flüchtlingsobergrenzen statt uns zu emanzipieren. Wir spielen das Spiel nach seinen Regeln. Die Hoffnung ist, dass wir schlauer werden.

Trump verkörpert das Schlechte an Amerika, das Verlogene, Bombastische, das zeigte das vergangene Jahr. Jetzt ist Zeit für Optimismus. Amerika wird auch diesen Mann überleben. Ab hier geht es bergauf.

insgesamt 44 Beiträge
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obersterhofnarr 21.01.2018
1. Nun ja ob es tatsächlich besser wird?
Erstens, die Demokraten müssen dann auch mal Farbe bekennen und sich eine konsistente Programmatik zulegen sowie einen geeigneten Kandidaten (by the way: das sollte vielleicht auch mal die SPD probieren) Dazu gehört aber Mut zu der eigenen Agenda zu stehen so wie die Rechtspopulisten es tun und was auch deren Erfolg ist. Einfach nur Wischiwaschi reicht noch nicht einmal für die Oppositionsrolle. Zweites, man muß bei uns in Europa akzeptieren, daß in den USA eine wesentlich weitreichendere Meinungsfreiheit herrscht als bei uns und speziell in Deutschland üblich. Ob es uns passt oder nicht die Leute plärren ihre Meinung in die Welt und alle tolerieren dieses als Meinungsfreiheit egal ob antisemitisch, volksverhetzend oder dem Verherrlichen eines Angriffskrieges. Die Meinung des anderen ist zunächst einmal sein gutes Recht und kein Fall für den Staatsanwalt. Darauf gründet sich prinzipiell die US-Amerikanische Gesellschaft und als Ausfluss davon die Politik; was dann auch mal Gestalten wie Bannon oder Trump nach oben spült. Drittens die USA sind intern so heterogen strukturiert wie kaum ein anderes Land. Die Bible-Belt Bewohner sind näher an den Wahabiten in Saudi-Arabien oder den Schiiten im Iran als an den New-Yorkern. Und Idaho ist Lichtjahre vom Silicon Valley weg. Der Kommentar ist zwar gut ist aber viel zu pauschal.
kanadaexperte 21.01.2018
2. Wahlreform in den USA
Wie soll das denn gehen, wenn im Grunde nur mit Mühe die Angriffe auf die Demokratie abgewehrt werden können? Momentan gibt es keine Mehrheiten für die Änderung des Wahlrechts, denn die Konservativen in den USA wissen, dass sie nie wieder einen Präsidenten stellen würden, sollte die Präsidentschaftswahl auf ein einfaches Mehrheitssystem umgestellt werden.
interessierter10 21.01.2018
3. Sehr gute Analyse und Ausblick der Hoffnung...
... auch für uns in Deutschland, wo die AFD den Trump darstellt. Wobei eine AFD-Regierung für Deutschland eine viel katastrophalere Auswirkung hätte. Auf Grund der Mentalität und der Gesellschaftsstruktur würde es bei uns im Nationalsozialismus enden.
gertner27 21.01.2018
4. Wunschdenken
Der Beitrag hört sich eher nach Wunschdenken und Träumerei an. Realistischer wäre anzunehmen, das auch in Europa Macron und Merkel abgewählt werden und durch solche wie Trump, Orban, Sebastian Kurz oder Lindner ersetzt werden
grumpy53 21.01.2018
5. ganz so optimistisch bin ich nicht
zum einen, das müssen die USA alleine schaffen. Egal wie die Meinung über Trump und die Politik der Republikaner sein mag, wir hier in Europa oder dem Rest der Welt können nur hoffen und/oder fürchten. Ob sich andere Mehrheiten bilden, ob endlich das veraltete Wahlrecht und die staubige Verfassung geformiert werden, das liegt an den Menschen dort, ich glaube nicht daran. Aber ich glaube an den notwendigen Widerstand, an Freiheit, an Solidarität und an die Möglichkeit, friedlich etwas zu verändern, anstatt mit Gewalt. Hoffen wir, dass ein bedrängter Präsident nicht sein Genie und Stärke durch den roten Knopf beweisen muss. Und hoffen wir, dass die Aufrechten und Anständigen im konservativem Lager irgendwann merken, was angerichtet wurde und noch schlimmeres verhindern. Und hoffen wir, dass die Demokraten bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten jemand finden, der/die nicht TV-wirksam und mehrfache Millionärin ist, sondern vor allem jemand, der Bildung, Moral, Toleranz und politisches Verständnis mitbringt und dessen Wahlkampf nicht Schmutzkampagnen braucht, sondern Vertrauen weckt und verdient.
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