Ein-Kind-Politik in China: "Wir haben unser eigenes Volk getötet"

Von Sandra Schulz, Shanghai

Nur ein Kind pro Familie, so hätte es der chinesische Staat gern. Nun regt sich Widerstand: Ein Vater kämpft für seine zweite Tochter, selbst einheimische Medien feiern ihn - und eine Abtreibungsärztin spricht öffentlich über ihre grausame Arbeit.

Yang Zhizhu mit Töchtern Ruonan und Ruoyi: Verstoß gegen Paragraf 17, Absatz 1 Zur Großansicht
The Hindu

Yang Zhizhu mit Töchtern Ruonan und Ruoyi: Verstoß gegen Paragraf 17, Absatz 1

An einem windigen Tag zog ein Mann in Peking los, um sich selbst zu versklaven. Die Passanten musterten den seltsamen Kerl auf der Fußgängerbrücke, er sah nicht aus wie ein Bettler. Er trug eine randlose Brille, einen Gürtel in seiner kurzen Hose, er faltete die Hände und lächelte schief, als die Menschen sein grünes, flatterndes Plakat lasen: "Mein Name ist Yang Zhizhu", stand dort, "die Familienplanungsbehörde hat mir eine Geldstrafe von 240.000 Yuan auferlegt. Ich kann nicht zahlen, deswegen muss ich mich verkaufen. Ich werde demjenigen, der mich erwirbt, bis zu meinem Tod dienen."

Yang Zhizhu ist einer der berühmtesten Väter Chinas. Für manche ist er sogar ein Held, weil er sich für seine jüngste Tochter entschied. Und weil er sich wehrte, als der Schrieb von den Behörden kam: "Das zweite Kind wurde illegal geboren, es handelt sich um einen Verstoß gegen Paragraf 17, Absatz 1 der Verordnung für Bevölkerung und Familienplanung in Peking." Ruonan heißt sein Verstoß, ein kleines, süßes Mädchen mit abstehenden Ohren.

Jetzt steht Yang in seiner winzigen Küche in Peking, er hackt Brokkoli und sagt: "Zum Helden haben mich die Medien gemacht. " 60, 70 Interviews habe er gegeben, erzählt Yang, und ein wenig stolz klingt er jetzt doch. "Southern Weekend" schrieb, sein Fall habe mehr Aufmerksamkeit erregt als jeder andere seit Einführung der Ein-Kind-Politik. Selbst die parteinahen Zeitungen mochten gar nicht mehr lassen von diesem 44-jährigen Mann, bei dem jeder Satz ein Ausruf ist, zornig und laut.

Yang sagt: "Die Medien dürfen über mich berichten, weil ich nicht der schlimmste Fall bin." Er ist keiner der vielen Bauern, denen Beamte das Haus zerstörten. Yang sollte nur das Neunfache des durchschnittlichen Jahreseinkommens eines Pekinger Bürgers zahlen. Es hätte auch das Zehnfache sein können. Yang, ehemals Rechtsdozent an der Jugend-Politik-Hochschule in Peking, verlor nur seinen Job.

Yang, das Opfer, will kämpfen

Mehr als 30 Jahre ist es jetzt her, dass der chinesische Staat beschloss, das Wohl aller über das Wohl des Einzelnen zu setzen. Die Zeitung "Renmin Ribao", Sprachrohr der KP, formulierte es im Jahr 1979 so: "Soll die Produktion sich in hohem Tempo entwickeln, muss das Bevölkerungswachstum unter Kontrolle gehalten werden, nur so ist eine schnelle Verwirklichung der sozialistischen Modernisierung möglich." Doch der Fall Yang zeigt, dass die Chinesen sich nicht länger still fügen. Yang, das Opfer, will kämpfen.

Und Wu, eine Täterin, will reden - auch wenn sie ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Denn sie fühlt sich schuldig, weil sie einem Staat diente, der den Volkskörper pries und sich an den Körpern von Menschen verging.

Wu sitzt in ihrer Wohnung in Peking, in der Schale auf dem Tisch liegen Macadamia-Nüsse, mitgebracht aus Südafrika. Sie hat ein schönes Leben jetzt, Reisen nach Schweden und Malaysia, und sie hat Erinnerungen, die sie quälen.

Im Schnitt, sagt sie, habe sie zehn Abtreibungen pro Tag vorgenommen, damals Anfang der achtziger Jahre, als sie im Krankenhaus arbeitete. Manchmal kam sie auch auf 16 tote Föten am Tag. "Und das", sagt sie, "war ja nur, was ich selbst tat." Sie erzählt leise, ausdruckslos, wie sie die Auszeichnung bekam "Kein Unfall während 1000 Operationen" und den Bonus von 50 Yuan für ihre gute Arbeit. Wie die Frauen nach der Injektion ins Badezimmer liefen und erst zu spät merkten, dass das, was sie die Toilette hinuntergespült hatten, ihr eigenes Kind gewesen war. Wie diese kleinen Körper in der Abfallgrube hinter der Klinik landeten und Nachbarskinder mit Stöcken in der Grube stocherten. Vier, fünf, sechs, manchmal auch sieben Monate waren die Föten alt, die Wu tötete. Sie sagt: "Wir waren gleichgültig. Wir hatten keinen Respekt vor dem Leben." Auch die Frauen, die zu ihnen auf die Station gebracht wurden, seien so still gewesen, stumpf. "Wie eine Kuh, die darauf wartet, geschlachtet zu werden."

In den siebziger Jahren, als Wu täglich 40 Frauen sterilisierte, hatte sie den Bäuerinnen, die sich so sehr einen Sohn wünschten, immer noch die Politik der Regierung erklärt. Später, als man auch die Hochschwangeren zu ihr schickte, als sie wusste, wie es ist, mit den eigenen Händen neugeborene Babys in einem Wassereimer zu ertränken, da erklärte sie nichts mehr.

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insgesamt 187 Beiträge
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1. Kämpfen wir mit Herrn Yang für die Freiheit...
tilloquinn 20.11.2011
... für die neunte, zehnte, elfte Milliarde Menschen auf der Erde. Denn der heutige Zeitgeist fordert lauthals, dass das Wohl des Einzelnen über das Wohl der Allgemeinheit zu gehen hat. Alle Freiheiten für jedermann, und wenn es die Freiheit ist, Kinder in eine Welt zu setzen, die schon ihre Eltern nicht mehr ernähen kann. Freiheit für das süße Mädchen mit den Segelohren! Freiheit für den Kampf gegen das unmenschliche Regime!
2. Recherche tut Not
gambio 20.11.2011
Zitat von sysopNur ein Kind pro Familie, das ist in China Gesetz.*Wer dagegen verstößt, den bestraft die Volksrepublik drakonisch. Nun regt sich Widerstand: Ein*Vater kämpft*für seine zweite Tochter, selbst einheimische Medien feiern ihn*- und eine Abtreibungsärztin spricht öffentlich über*ihre grausame Arbeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797189,00.html
Erstmal bei Wiki schaun bevor hier wieder China-Bashing stattfindet. http://de.wikipedia.org/wiki/Ein-Kind-Politik .
3. Die Methoden mögen zweifelhaft sein,...
Der_Franke 20.11.2011
... aber es bestehen keine Zweifel an der Richtigkeit der These. Wohlstand und gute Versorgung für viele kann es bei begrenzten Resourcen auch nur für eine begrenzte Weltbevölkerung geben. Und da mit 7 Millaiden Menschen die Grenze für Wohlstand, die bei etwa 2-3 Milliarden liegt schon mehr als doppelt so stark überschritten wurde, i ts eine Schrumpfung dringenst erforderlich. Allein in Deutschland ist der Hype um die Demographie lächerlich. Beispiel Arbeitsplatz: Man kann sich erlauben, bestqualifizierte Ältere zu Gunsten Jüngerer auszusortieren, jammert aber dennoch über die angeblich zu alte Bevölkerung. Scheinheiliger geht es nimmer.
4. Scheinheiliger Artikel
morgeneyer 20.11.2011
Auch in Deutschland wird abgetrieben. Aber aus anderen Gründen. Grausam ist es dennoch. Nur der Spiegel macht sich in diesem Fall eher zum Sprachrohr der Abtreibungsbefürworter, die ja links stehen. Abtreibungsgegner ist hier nur die Katholische Kirche. Wenn es aber in China passiert, dann ist Abtreibung auf einmal grausam. Scheinheilig. Die Überbevölkerung auf der Welt kann nur durch eine Geburtenkontrolle geregelt werden. In Deutschland gibt es zu wenig Nachwuchs, in China gab es zu viel. Man muss das wertfrei beurteilen. Außerdem stimmt es nicht, dass die Regierung ihre 1-Kind politik grausam und rücksichtslos durchsetzt. Ich war in China und kenne eine Menge Chinesen, die haben einen Bruder oder sogar noch einen Bruder und eine Schwester. In China ändert sich viel und zwar zum Besseren. Vom hohen moralischen Ross herunter läßt sich immer schön lamentieren. Die linke Presse spuckt gerne auf China und merkt nicht, wie in unserem Lande und in der EU die Scheindemokratie regiert.
5. ein klassisches Dilemma
indosolar 20.11.2011
aber die Schlagzeile "Mord am eigenen Volk" ist unangebracht, auch wenn die Tragik des Vaters, der Familie Mitgefühl erfordert. Der Fakt dass die VR China von 570Mill. 1950 auf 1325 Mill. im Jahr 2010 gewachsen ist, läßt eine unmittelbares Aussterben den Chinesen nicht befürchten. Auch die Zweischneidigkeit der Abtreibung läßt Menschen mit Fähigkeit für Empathie verzweifeln. Bis die Chinesen so weit sind wie wir in Deutschland, dass der Wille zu noch besserer Versorgung Frauen in den freiwilligen Kinderverzicht bringt, Arbeit endlich wichtiger ist als Familie und Kind dürfte es noch eine Weile dauern. Aber auch dann löst sich das Dilemma nicht auf, den der gleiche Prokopfkonsum von dann vielleicht 1600 Mill Chinesen, dürfte auf der Kurve verfügbarer Ressourcen eine rasante Talfahrt einleiten. Also Mord am eigenen Volk oder Galgenfrist für die Völker der Erde? Zwei ziemlich konträre Standpunkte, die eine weniger emotionale Schlagzeile erforderlich gemacht hätten, bei allem Mitgefühl für die von der gegenwärtigen chinesischen Familienpolitik betroffenen Chinesen. Die weltweite Community ist auch betroffen aber eher entlastend als belastend, drastischer kann das menschliche Versagen wegen klassischer Dilemmas nicht beschrieben werden!
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