"Ein Scheißland": Italien empört sich über Berlusconi-Tirade

Silvio Berlusconi entsetzt Italien mit dem nächsten Skandal. Er soll einem Unternehmer eine halbe Million Euro für eine Falschaussage gezahlt und seine Heimat als "Scheißland" beschimpft haben. Der Premier gerät von allen Seiten unter Druck - von Wählern, Ermittlern und Euro-Hütern.

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Rom - Was man abends eben so sagt, wenn man müde ist: So erklärt Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi den neuesten von ihm provozierten Aufreger. Nur dass der für seine Peinlichkeiten bekannte Politiker seine Landsleute dieses Mal mit einer besonders deftigen Wortwahl brüskiert. In einem abgehörten Telefonat soll er über Italien gesagt haben, er werde in einigen Monaten "weggehen aus diesem Scheißland, das mich anekelt".

Das Gespräch wurde am Donnerstag öffentlich, als Berlusconi gerade auf der Libyen-Konferenz in Paris weilte. Sein eingefrorenes Lächeln bei dem Treffen mag dabei nicht nur auf seine zahlreichen Gesichtsoperationen zurückzuführen sein. Denn seine Tirade verbreitete sich in der Heimat schnell. Noch am Abend versuchte der Premier zu beschwichtigen, berichten italienische Zeitungen. "Das ist eine dieser Sachen, wie man sie spät abends am Telefon so sagt, wohl in einem entspannten Augenblick und mit einem Lächeln", beeilte sich der 74-Jährige demnach zu erklären.

Die Opposition höhnt nun: Wenn Berlusconi Italien ein "Scheißland" nenne, habe er "offensichtlich in den Spiegel geschaut und sich selbst beschrieben", so Antonio Di Pietro, einer der schärfsten Kritiker und Führer der Partei "Italien der Werte". Der Oppositionsabgeordnete Aldo Di Biagio nannte es unvermeidlich, dass sich in Italien nach 17 Jahren Berlusconi die "Jauche" ausgebreitet habe. Wenn er gehen wolle, sei das die beste Lösung. "Er möge es dann aber rasch tun."

Aber nein - der Cavaliere versprach nun, die Heimat doch nicht zu verlassen: "Ich bleibe hier, um dieses Land zu verändern." In den vergangenen Jahren ist ihm das gelungen - allerdings nicht zum Besseren, wie seine Kritiker monieren. 2008 übernahm Berlusconi zum vierten Mal das Amt des Regierungschefs, damals betrug die Staatsverschuldung 103,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sie ist jetzt auf 120 Prozent geklettert. Die Wirtschaft ist 2009 um fünf Prozent geschrumpft, 2010 ist sie kaum gewachsen.

Sex-Eskapaden und Entgleisungen

Berlusconi reagierte mit einem hastigen Sparpaket im Juli, dem einen Monat später bereits ein zweites folgte. Die Pläne bezeichnen Experten als wenig ambitioniert. Vor einigen Tagen kassierte er zudem Maßnahmen zur Haushaltssanierung wieder: Die Sondersteuer für Besserverdienende wurde gestrichen. Am Freitag aber kam neuer Druck aus Frankfurt. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, mahnte Rom, Strukturreformen anzugehen und Sparzusagen einzuhalten.

Zu den wirtschaftlichen Problemen kommt der neueste Skandal. Denn das abgehörte Telefonat ist nur eine Episode in dem scheinbar nie endenden Drama um Berlusconis Sex-Eskapaden, Entgleisungen und merkwürdigen Geldflüsse.

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Silvio Berlusconi: Endspiel des Cavaliere
Das Gespräch fand den Berichten zufolge am 13. Juli gegen 23 Uhr statt, als Berlusconi mit dem Herausgeber einer Online-Zeitung, Valter Lavitola, telefonierte. Gegen ihn ermittelt die italienische Justiz - weil er Berlusconi gemeinsam mit dem Unternehmer Giampaolo Tarantini und dessen Frau erpresst haben soll. Angeblich soll Berlusconi Tarantini für eine Falschaussage eine halbe Million Euro gezahlt haben.

Tarantini und seine Frau wurden am Donnerstag verhaftet - und erneut füllen Geschichten aus den vergangenen Jahren über die wilden Partys des Premiers die Zeitungsspalten. Tarantini erklärte 2009, er habe rund 30 Frauen bezahlt, die an den zügellosen Festen des Ministerpräsidenten teilgenommen und Sexdienste angeboten hätten.

"Richtig Kasse machen mit Papi"

Die Wochenzeitung "Panorama" berichtet, Tarantini habe die halbe Million erhalten, damit er den Ermittlern erzähle, der Ministerpräsident habe nicht gewusst, dass die Frauen bezahlt würden. Die Staatsanwaltschaft von Neapel ermittele.

Die Opposition forderte nach der Affäre um die Sex-Partys den Rücktritt Berlusconis, weil er sich durch seine Skandale "erpressbar" mache. Der Premier selbst, der sein Macho-Image ausgiebig kultiviert, hat wiederholt beteuert, nie für Sex bezahlt zu haben.

Ein Prozess gegen den italienischen Regierungschef wegen der Affären begann im April 2011. Die Akten enthüllten den Italienern ein niederschmetterndes Bild des alternden Politikers: ein Herrscher im goldenen Käfig, erpressbar, flankiert von Eskort-Mädchen, die bereit sind, von seiner Einsamkeit und Macht zu profitieren. Die mit ihm schlafen, wie sie zu Protokoll geben, um danach "richtig Kasse zu machen". Sie nennen ihn "Papi".

"Igitt"

Die persönlichen Skandale sind nicht mehr vom Politiker Berlusconi zu trennen. Seine Popularitätswerte sind stark gesunken. Seine Gegner werfen ihm vor, er habe einen Niedergang Italiens zu verantworten: Verfall der politischen Kultur, Entwürdigung von Frauen, Knebelung der Justiz.

Tatsächlich hat Berlusconis Regierung systematisch versucht, die Unabhängigkeit der Justiz auszuhöhlen. Richter und Staatsanwälte werden von ihm und seinen Getreuen beschimpft und lächerlich gemacht. Den Justizbehörden werden die Ressourcen zum Ermitteln gestrichen, Personal, Dienstwagen, Reisen. Seine Meinung über die Justiz soll der Regierungschef auch in dem abgehörten Telefonat kundgetan haben: "Ich bin so transparent, so sauber in meinen Angelegenheiten (...) Die können sagen, dass ich vögele, das ist auch das Einzige, was sie von mir sagen können (...) Sie setzen Spione auf mich an."

Überrascht scheinen die Italiener über die aktuellen Verwicklungen nicht mehr zu sein - eher verbittert. "Berlusconi ist ein Premier, der sich wegen seiner öffentlichen Verfehlungen und privaten Ausschweifungen ständig einer Gruppe von Kriminellen aussetzt, die ihn einschüchtern kann", so die italienische Zeitung "La Repubblica". In einem Blog der Zeitung wird der Kommentator deutlicher: "Sagen wir die Wahrheit. Berlusconi hat alles korrumpiert und beschmutzt, was er angefasst hat: das Unternehmertum, den Fußball, die Politik und das persönliche Leben, alles voll von bezahlten Freunden. Igitt."

Der "Corriere della Sera" schreibt resigniert: Während die Schuldenkrise hochkochte, sei Berlusconi offensichtlich "abgelenkt gewesen". Der verbrauchte Regierungschef habe nicht nur eine Regierungskrise zu verantworten, sondern auch den Verlust der internationalen Glaubwürdigkeit Italiens.

kgp/dpa/Reuters

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Dann darf man Berlusconi auch mal das nennen was er ist
peterhausdoerfer 02.09.2011
Zitat von sysopSilvio Berlusconi entsetzt Italien mit dem nächsten Skandal. Er soll einem Unternehmer eine halbe Million Euro für eine Falschaussage gezahlt*und seine Heimat als "Scheißland" beschimpft haben. Der Premier gerät von allen Seiten unter Druck - von Wählern, Ermittlern und Euro-Hütern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784031,00.html
einen Scheißkerl der sich auf Kosten seiner Landsleute fett gemacht hat.
2. Bunga-Bunga Berlusconi hat schon lange einen Jagtschein,
Pandora0611 02.09.2011
Zitat von sysopSilvio Berlusconi entsetzt Italien mit dem nächsten Skandal. Er soll einem Unternehmer eine halbe Million Euro für eine Falschaussage gezahlt*und seine Heimat als "Scheißland" beschimpft haben. Der Premier gerät von allen Seiten unter Druck - von Wählern, Ermittlern und Euro-Hütern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784031,00.html
somit kann er sagen, was er will. Ihn nimmt außerhalb Italiens sowieso keiner mehr ernst. Seine Zitate: - Italien sei ein "Scheißland". - Dass mein Telefon abgehört wurde, ist ein "Überfall"und "unerträglich". - "Ich bleibe hier, um dieses Land zu verändern." - "Ich bin völlig transparent, sauber in allen meinen Angelegenheiten (...)". - "Die können sagen, dass ich rumbumse, das ist auch das Einzige, was sie von mir sagen können". - "Ich verlasse dieses Scheißland, bei dem ich kotzen könnte."
3. Italiener
greeper 02.09.2011
Zitat von sysopSilvio Berlusconi entsetzt Italien mit dem nächsten Skandal. Er soll einem Unternehmer eine halbe Million Euro für eine Falschaussage gezahlt*und seine Heimat als "Scheißland" beschimpft haben. Der Premier gerät von allen Seiten unter Druck - von Wählern, Ermittlern und Euro-Hütern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784031,00.html
... und wenn Wahlen sind, werden sie ihn wieder wählen, die Italiener. Wetten?
4. selber doof
Silver_Future 02.09.2011
Tja, aber die Italiener haben ihn doch immer wieder gewählt. Selber doof. Also, wenn schon, dann ist das die spätrömische Dekadenz...brennendes Rom...tralala...
5. Deutschland
mrs_smith 02.09.2011
Was denn so unsere Politiker für Worte über Deutschland ablassen, wenn sie spät abends am Telefon mit den anderen gepeinigten Mitpolitikern oder Finanzeliten sprechen? Selbstverständlich in einem entspannten Augenblick und mit einem Lächeln. Was erwarten denn die Italiener von ihrem Berlusconi? Ihnen ist doch seit Jahren bekannt wie korrupt etc der alte Mann ist. Mich wundert, dass die Italiener sich darüber empören.
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