Einführung der Scharia: Taliban verkünden unbegrenzte Waffenruhe im Swat-Tal

Jubel im Swat-Tal in Pakistan: Als Reaktion auf die Einführung der Scharia haben die Taliban nun einen Waffenstillstand ohne zeitliche Einschränkung ausgerufen. Die Bewohner des Tals sind begeistert, doch Kritiker werten das Abkommen als Kapitulation vor den radikalen Islamisten.

Peschawar - Pakistans Regierung hat angekündigt, im Swat-Tal im Nordwesten des Landes die Scharia einzuführen - nun kommt die Reaktion der Extremisten: Die mit den Taliban verbündeten Islamisten haben das Abkommen mit der Regierung zu einem Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit verlängert. Damit gebe es mehr Zeit für Friedensgespräche und eine Einigung mit der Regierung, sagte ein Taliban-Sprecher am Dienstag. Auch sollten alle Gefangenen ohne Bedingungen freigelassen werden. "Unsere Kämpfer wurden angewiesen, keine Angriffe mehr auf Sicherheitskräfte oder Einrichtungen der Regierung zu verüben", sagte der Sprecher. Bewohner des Tals nahe der Grenze zu Afghanistan feierten die Nachricht auf den Straßen.

Die Entscheidung sei auf einer Schura-Versammlung unter Leitung des Geistlichen Maulana Fazlullah getroffen worden, sagte der Sprecher Muslim Khan. Die Entscheidung zur Ausdehnung des zehntägigen Waffenstillstands sei eine Reaktion auf die am 16. Februar von den Behörden angekündigte Einführung des islamischen Rechts im Swat-Tal. Die Provinzregierung von Malakand im Nordwesten Pakistans, in der auch das von den Islamisten kontrollierte Swat-Tal liegt, hatte zugestimmt, dort das Scharia-Recht einzuführen.

Zahlreiche Länder, unter anderem die USA, Afghanistan und Indien, hatten das Abkommen als Kapitulation vor den Islamisten kritisiert. Die Nato und auch die USA befürchten, dass die Extremisten die Waffenruhe nutzen, um ihre Position in Nordwestpakistan auszubauen und dort auch neue Anschläge im benachbarten Afghanistan vorbereiten.

Die örtliche Regierung begrüßte die Ankündigung der Islamisten als Schritt in Richtung eines dauerhaften Friedens. Beobachter verwiesen jedoch darauf, dass frühere Waffenstillstände nicht von Dauer gewesen seien. Sie forderten die Regierung auf, die Islamisten zu entwaffnen. Ein Armeesprecher sagte, seine Soldaten blieben vor Ort, würden aber keine Offensive unternehmen.

Das Swat-Tal, 160 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt, war einst ein beliebtes Erholungsziel für pakistanische Stadtbewohner, dort befindet sich das einzige Skigebiet des Landes. Im Herbst 2007 übernahmen Islamisten um den Geistlichen Fazlullah, der enge Verbindungen zu den pakistanischen Taliban unterhält, die Kontrolle über den Landstrich. Sie versuchten seither gewaltsam, die Einführung der Scharia in der Region durchzusetzen. Dabei zerstörten sie unter anderem 191 Schulen, darunter 122 für Mädchen, teilte ein Vertreter der örtlichen Regierung mit. Eine im vergangenen Sommer gestartete Offensive der pakistanischen Armee im Swat-Tal blieb ohne durchschlagenden Erfolg.

Tausende Bewohner des Tals waren vor den Islamisten geflohen, die ihre Gegner enthaupteten. Von dem am 16. Februar geschlossenen Scharia-Abkommen sind drei Millionen Menschen betroffen. Wann es in Kraft tritt und wer es genau umsetzt, ist nicht bekannt.

In Mingora, der größten Stadt im Swat-Tal, umarmten sich die Menschen auf den Straßen und gratulierten sich zu dem Waffenstillstand. Die Ankündigung der Taliban bringe "neue Hoffnung auf Frieden", sagte ein Ladeninhaber. Die Waffenstillstandsankündigung bezieht sich auf das Swat-Tal, nicht aber auf die anderen riesigen Gebiete im Nordwesten Pakistans, von wo aus Taliban und Anhänger des Terrornetzwerks al-Qaida operieren.

ffr/AFP/AP/dpa

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