Einigung in Brüssel Ausland feiert Merkel als neuen Star

Die Auslandspresse entdeckt die deutsche Kanzlerin. Nach der historischen Einigung auf dem EU-Gipfel preisen Kommentatoren ihr Verhandlungsgeschick und ihren stillen, sachlichen Stil. Vor allem die Briten sind entzückt: "Sie ist kein Gerhard Schröder."


Hamburg - Nachdem Angela Merkel ein Scheitern des EU-Finanzgipfels in Brüssel abgewendet hat, entdeckt die Auslandspresse die deutsche Kanzlerin - und ist fast durchweg begeistert. Dass Merkel nicht das helle Licht der Kameras sucht, sondern selber pragmatisch nach einer Lösung sucht, wird da gelobt. So hebt eine Zeitung hervor, Merkel selbst habe vor einer Gesprächsrunde die Stühle an die richtige Stelle gerückt.

Merkel bei nächtlicher Pressekonferenz: "Die magische Formel gefunden"
REUTERS

Merkel bei nächtlicher Pressekonferenz: "Die magische Formel gefunden"

Vor allem den Briten gefällt das Aufreten der Kanzlerin - immerhin half sie dem Premier Tony Blair, sein Gesicht zu wahren. "Sie ist kein Gerhard Schröder", schreibt der britische "Guardian", und meint das als großes Kompliment.

"Frühere Physikerin findet die magische Formel", schwärmt auch die "Times" über "Frau Merkel". Mit einer gewissen Schadenfreude merkt das Londoner Blatt an, dass Merkel nicht an die alte Partnerschaft Schröder-Chirac anknüpfen will: "(Merkel) sieht die französisch-deutsche Achse nicht mehr als wichtigsten Motor Europas, sondern agiert als unabhängige Vermittlerin." Eine Merkel-Blair-Achse, das räumen die britischen Blätter ein, werde es aber auch nicht geben - dafür sei die Kanzlerin zu unabhängig, eine "Wissenschaftlerin eben".

Lob gibt es nicht nur in Stil-, sondern auch in Kompetenzfragen: "Sie sprach lange, ohne in den Datenblättern nachschlagen zu müssen", zitiert die "Times" einen Teilnehmer der Gespräche. Die deutsche Regierungschefin beeindrucke durch ihr "Verständnis der komplexen Materie".

Einige weitere Ausschnitte aus Kommentaren und Analysen:

Die Nachrichtenagentur Reuters schreibt in ihrem englischen Dienst unter der Überschrift: "Vermittlerin Merkel glänzt bei Debüt auf EU-Gipfel: "Mit typischer, unaufgeregter Entschlossenheit hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ihre Kollegen in zum Kompromiss geschoben und geschubst. So hat sie sich über Nacht als eine eindrucksvolle neue Kraft auf der europäischen Bühne etabliert."

Der britische "Guardian" urteilt in einer Analyse mit der Überschrift: "Merkel ändert den deutschen Stil und versucht zu vermitteln": "Einen Monat nach ihrer Amtsübernahme hat Angela Merkel ihre Präsenz erstmals auf europäischer Bühne unter Beweis gesetellt, indem sie hinter den Kulissen des EU-Gipfels eine Schlüsselrolle spielte. Während Europas andere große Staaten sich unter Führungen dahinschleppen, die sich dem Ende ihrer Amtszeiten nähern, hat der Auftritt einer neuen Akteurin mit einem frischen Blick das Machtgefüge verändert. Präsident Chirac war so verstimmt wegen der Aufmerksamkeit, mit der Merkel überschüttet wurde, dass er am frühen Abend eine Pressekonferenz abhielt, um zu verdeutlichen, dass sie ihre Ideen gemeinsam vorbrachten: "Dies sind franko-deutsche Vorhaben."

Die konservative französische Tageszeitung "Le Figaro" sieht Merkel als Retterin Gipfels:"Es ist Deutschland, dem größten Nettozahler in der EU, zu verdanken, dass auf dem Gipfel im Streit um den Etat dann doch noch eine Lösung in Sicht kam. Die französisch-britische Konfrontation zwischen den beiden starken Persönlichkeiten Tony Blair und Jacques Chirac hatte eine solche Intensität erreicht, dass nur ein Dritter einen Ausweg finden konnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Neuling in europäischen Kreisen, hat ihren ersten Auftritt erfolgreich genutzt. Sie erschien als diejenige, ohne die Europa einer neuen Krise nicht hätte entrinnen können, und übernahm mit Autorität die Führung des inzwischen sehr schwer lenkbaren Gespanns des 25. Und dies trug dazu bei, dass Tony Blair sein Gesicht wahren konnte."

Die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" schreibt unter dem Titel "Der Mut Angelas": "Tony Blair hat gewonnen, weil er mit der Einigung über den EU-Haushalt einen Schiffbruch unter seiner britischen Präsidentschaft verhindert hat. Angela Merkel hat gewonnen, weil es ihr Mut der Debütantin war, das Spiel just im schlimmsten Moment wieder in Gang zu bringen. Auch Jacques Chirac hat gewonnen, weil von ihm nicht mehr verlangt wird, als im Ausgleich zu den sofortigen Abstrichen am 'Britenrabatt' lediglich künftige Reformen in der Agrarpolitik zu versprechen. Aber wenn dies auch alles stimmt, ob beim Gipfel in Brüssel auch Europa gewonnen hat, das ist eine Sache, die es erst noch zu beweisen gilt."

Die römische Zeitung "La Repubblica" betont den besonderen Beitrag Merkels: "Die deutsche Bundeskanzlerin hat bei ihrem ersten europäischen Gipfel mit viel Geschick die Rolle als Vermittlerin verkörpert, die es mit viel Geist verstand, den nunmehr sprichwörtlichen Groll zu besänftigen, der zwischen dem französischem Präsidenten Chirac und dem britischen Premier Blair herrscht. (...) Es war die deutsche Kanzlerin, die den Kompromissvorschlag ins Spiel brachte, der eine Aufhebung der Verhandlungsblockade vorsah. Und sie hat die neuen EU-Mitglieder davon überzeugt, ein Finanzpaket zu akzeptieren, das weder ihren Erwartungen noch ihren Bedürfnissen entspricht."



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