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Einmarsch in Gaza: Israelische Truppen marschieren in Gaza ein - Regierung mobilisiert Zehntausende Reservisten

Die Bodenoffensive hat begonnen: Im Norden des Gaza-Streifens haben israelische Streitkräfte nach Angaben eines Militärsprechers die Grenze passiert. Für die Hamas wird es damit ernst - die Regierung lässt bereits Zehntausende Reservisten in die Kasernen rufen, um die Truppen zu verstärken.

Tel Aviv/Gaza - Seit Tagen stehen Tausende israelische Bodentruppen an der Grenze zu Gaza, jetzt sind sie in die Palästinensergebiete eingedrungen. Ein israelischer Militärsprecher bestätigte, dass der Einsatz begonnen hat. Palästinenser berichten von einer kleinen Einheit, die im Schutz der Dunkelheit die Grenze überschritten habe. Sie wurde unterstützt durch Kampfhubschrauber. Über das Ausmaß der Truppenbewegung gibt es noch keine näheren Informationen.

Ziel der Operation sei es, die Kontrolle über einige Raketenabschussrampen der Palästinenser zu gewinnen, hieß es aus Kreisen der Armee. "Wir wollen die Terrorinfrastruktur der Hamas zerstören", bestätigte Armeesprecherin Avital Leibovich. Dabei werde es aber nicht bleiben, fügte Leibovitch mit Blick auf Schmugglertunnel, Waffenlager und Hamas-Stützpunkte hinzu. "Es gibt sehr viele Ziele, die wir noch angreifen müssen."

Ihr Vorgesetzter Avi Benayahu ließ im Fernsehsender Channel Two durchblicken, dass die Streitkräfte der Invasion mit großem Respekt begegnen: "Das wird kein Schulausflug. Der Kampf wird wohl viele lange Tage dauern." Israels Verteidigungsminister Ehud Barak sagte, die Aktion gegen die Hamas "wird nicht kurz sein, und sie wird nicht einfach sein". Er fügte hinzu: "Wir wollen keinen Krieg, aber werden unsere Bürger nicht den anhaltenden Raketenangriffen der Hamas ausliefern." Nach Angaben des Ministers rechnet Israel auch mit dem Verlust eigener Soldaten bei der Operation. Barak erklärte zudem, Israel sei auch auf einer möglichen Gewalteskalation an der Grenze zum Libanon vorbereitet.

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert sagte laut einer Erklärung, die am späten Abend von seinem Büro in Jerusalem verbreitet wurde, man sei sich darüber im Klaren, dass mit der Bodenoffensive Tausende Soldaten einem großen Risiko ausgesetzt würden. "Ich möchte vor die israelische Öffentlichkeit treten können sowie vor alle Mütter im Lande und sagen, wir haben im vollen Verantwortungsbewusstsein gehandelt", betonte Olmert. "Am Ende haben wir aber den Punkt erreicht, an dem ich entschieden habe, die Soldaten auszusenden."

Die Regierung verfügte nach einer Sitzung des Kabinetts, dass Zehntausende Reservisten einberufen werden. Genaue Zahlen wurden am Samstagabend nicht bekanntgegeben. Aus Militärkreisen hieß es lediglich, die vor einigen Tagen gestartete Aktion zur Einberufung von 9000 Reservisten werde ausgeweitet.

Ein Hamas-Sprecher sagte, der Gaza-Streifen werde jetzt zum Friedhof für israelische Soldaten. In einer Fernsehansprache im Hamas-Sender Aksa-TV erklärte Ismail Raduan an die Adresse der israelischen Streitkräfte gerichtet: "Gaza wird für Euch nicht mit Blumen gepflastert sein, es wird mit dem Feuer der Hölle gepflastert sein." Zudem rief die Hamas zur Entführung von israelischen Soldaten auf. "Bereitet Euch auf eine Überraschung vor", hieß es in einer Botschaft, mit der die Hamas Radiofrequenzen der israelischen Streitkräfte kapern konnte. "Ihr werdet entweder getötet oder entführt, und ihr werdet psychische Schäden erleiden von dem Grauen, das wir Euch bereiten werden."

Der arabische Fernsehsender al-Dschasira meldete unter Berufung auf Aksa-TV, dass "der Widerstand" bisher fünf israelische Soldaten getötet habe. Widerstand bedeutet in diesem Zusammenhang, Hamas zusammen mit anderen militanten Gruppen im Gaza-Streifen. Die israelische Armee hat bislang jedoch noch keine eigenen Verluste gemeldet. Ihren Angaben zufolge sind in den ersten Stunden der Bodenoffensive 20 bis 30 Mitglieder der islamistischen Hamas getötet worden.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Nach den Worten seines Botschafters in Deutschland, Yoram Ben-Zeev, hat Israel nicht die Absicht, den 2005 geräumten Gaza-Streifen wieder dauerhaft zu besetzen. "Diese Operation ist nicht gedacht, um Gaza zurückzuerobern. Die israelische Armee hat keine Absicht dort zu bleiben", sagte Ben-Zeev laut einem Bericht der "Bild am Sonntag".

Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft äußerste sich in einer ersten Stellungnahme zum israelischen Einmarsch in den Gaza-Streifen folgendermaßen: "Im Moment, aus der Perspektive der vergangenen Tage, verstehen wir diesen Schritt als eine defensive, nicht als offensive Aktion", so ihr Sprecher Jiri Potuznik.

Sondersitzung des Weltsicherheitsrates

Der Weltsicherheitsrat will in einer Sondersitzung über die Verschärfung der Lage beraten. Das höchste UN-Gremium wurde für Samstagabend Ortszeit (Sonntag 1 Uhr MEZ) kurzfristig zu einem Treffen in New York einberufen. Einzelheiten wurden nicht mitgeteilt. Die Beratungen sollen hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Der Rat hat wegen der verhärteten Fronten in dem Konflikt bisher keine gemeinsame Linie finden können. Über einen kürzlich von den arabischen Staaten vorgelegten Resolutionsentwurf für eine Waffenruhe wurde nicht abgestimmt, weil die westlichen Staaten ihn als einseitig gegen Israel gerichtet kritisierten.

Nach Angaben von Augenzeugen begann der Artilleriebeschuss am Samstag gegen 16.30 Uhr Ortszeit und traf vor allem Ziele in Beit Hanun und Dschabalija im Norden des Gaza-Streifens sowie Chan Junis im Süden des Palästinensergebietes. Ein AFP-Reporter sah Dutzende Granaten, die im Norden des Gaza-Streifens einschlugen und nach dem Einschlag dichte Rauchwolken hinterließen. Er beobachtete auch Panzerverbände, die sich in Richtung Gaza-Streifen bewegten. Die Tageszeitung "Haaretz" berichtete in ihrer Online-Ausgabe unter Berufung auf Augenzeugen zudem von schweren Explosionen in der Stadt Gaza.

Bei dem Artillerie-Einsatz wurde nach palästinensischen Angaben auch ein Wohnhaus getroffen, zahlreiche Bewohner wurden verletzt. Nach Einschätzung von Beobachtern könnte der Artilleriebeschuss nach mehr als einwöchigen Luftangriffen den Auftakt zu einer Bodenoffensive der israelischen Armee im Gaza-Streifen bilden.

Bereits vor Tagen wurden Artillerie und Kampfpanzer an der Grenze zum Gaza-Streifen zusammengezogen und halten sich dort seither in Einsatzbereitschaft. Insgesamt halten sich rund zehntausend Soldaten an der Grenze zum Gaza-Streifen bereit, wie aus Militärkreisen verlautete.

Luftangriffsziele gehen aus

Militärexperten wiesen darauf hin, dass die Anzahl der israelischen Luftangriffe inzwischen abgenommen habe. In den ersten Tagen der Offensive seien noch 100 Ziele pro Tag angegriffen worden. Es habe den Anschein, dass es bald keine Angriffsziele aus der Luft mehr geben könnte, hieß es.

Zunächst hatten einige Experten noch gemutmaßt, die obersten Kommandeure der Streitkräfte seien sich nicht einig, ob ein Einmarsch ins Autonomiegebiet überhaupt noch sinnvoll sei. Zum einen befürchte man dann viele Todesopfer auf beiden Seiten, zum anderen werde die Hamas schon jetzt als weitgehend geschlagen betrachtet.

Die Luftwaffe bombardierte derweil mehr als 40 Einrichtungen der islamistischen Hamas. Dabei kamen nach palästinensischen Angaben bis zum Abend mindestens 26 Menschen ums Leben. In der nördlichen Stadt Beit Lahia wurde auch eine Moschee von einer Bombe getroffen. Mindestens 13 Menschen wurden getötet und 30 weitere verletzt, wie palästinensische Gesundheitsbeamte mitteilten. Die Offensive kostete bis Samstagabend mehr als 460 Menschen das Leben. Mindestens 100 der Toten waren nach Uno-Angaben Zivilpersonen, rund 2000 Menschen wurden verletzt.

Ungeachtet der Opferzahlen und Schäden ist die Hamas weiterhin nicht zum Einlenken bereit. Hamas-Politbürochef Chalid Maschaal kündigte an, seine Organisation werde nicht aufgeben und vor Israel kapitulieren. Zugleich warnte er vor einer Bodenoffensive im Gaza-Streifen. "Ihr Soldaten der Besatzungsmacht müsst begreifen, dass auf euch das dunkle Schicksal von Tod, Verletzung und Gefangennahme wartet", sagte er in Damaskus. In einer am Samstag vom Radiosender der Organisation verbreiteten Erklärung hieß es, sollten die israelischen Soldaten in den Gaza-Streifen einrücken, werde Gilad Schalit "neue Freunde" bekommen. Der israelische Soldat Schalit war im Juni 2006 im Gaza-Streifen von radikalen Palästinensern verschleppt worden.

Internationale Bemühung um Frieden

Unterdessen gingen die internationalen Bemühungen zur Eindämmung der Gewalt im Nahen Osten weiter. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier appellierte an die islamischen Staaten, all ihren Einfluss für eine Beendigung der Raketenangriffe radikaler Palästinenser auf israelisches Territorium geltend zu machen. Dies allein könne den Weg für eine Waffenruhe öffnen, in der diplomatische Aktivitäten für eine politische Lösung des Konflikts ergriffen werden könnten, sagte Steinmeier nach Angaben seines Ministeriums in einem Telefonat mit seinem türkischen Amtskollegen Ali Babacan.

Steinmeier machte noch einmal deutlich, dass der nächste Schritt zur Beendigung der Kampfhandlungen eine humanitäre Waffenruhe sein müsse, die die dringend erforderliche Versorgung der Zivilbevölkerung erlaube. Eine solche "humanitäre Waffenruhe" lehnt Israel bislang ab, weil nach Ansicht der Regierung im Gaza-Streifen keine humanitäre Krise ausgebrochen ist. Dagegen sprechen UN-Organisationen in einem neuen Bericht von einer "entsetzlichen" Lage.

US-Präsident George W. Bush machte in seiner wöchentlichen Radioansprache deutlich, dass er eine Waffenruhe nur dann für sinnvoll halte, wenn sichergestellt sei, dass sich die Hamas auch daran halte. Bush verlangte ein "dauerhaftes" Ende der Gewalt im Nahen Osten und eine Rückkehr "zum Pfad des Friedens".

Weltweit protestierten am Samstag erneut Zehntausende gegen den israelischen Militäreinsatz. Allein in Deutschland wurden weit mehr als 20.000 Demonstranten gezählt: In Frankfurt am Main kamen rund zehntausend Menschen zusammen, in Berlin gab die Polizei die Zahl der Demonstranten mit etwa 7000 an, in Düsseldorf waren es rund 4000. In Paris bekundeten nach Angaben der Veranstalter etwa 25.000 Menschen ihre Solidarität mit den Palästinensern. In Großbritannien versammelten sich in rund 20 Städten ebenfalls deutlich mehr als zehntausend Menschen zu Protestaktionen. Auch in Israel selbst gab es Demonstrationen, an denen sich vor allem israelische Araber beteiligten.

mik/fsc/AFP/dpa/AP

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