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Flüchtlinge in Wien: "Es gibt immer einen zweiten Weg"

Aus Wien berichtet

Flüchtlingskrise: In Wien staut es sich schon wieder Fotos
REUTERS

Sie wollen weiter - egal wie, zur Not wird getrickst: In Österreich warten Tausende Menschen auf den Transfer nach Deutschland. Manche geben sich als Syrer aus, um ihre Chancen auf Asyl zu erhöhen. Die Spannungen wachsen.

Ein kurzer Spaziergang am Wiener Bahnhof ist wie ein Trip durch die Krisen- und Armutsregionen der Welt.

Man trifft Syrer, Iraker, Pakistaner, Afghanen, Iraner, Algerier oder Albaner. Vor allem die Syrer macht diese Ländervielfalt wütend. Denn sie fürchten, dass die anderen ihnen die Flüchtlingsplätze in Europa wegnehmen könnten. Schließlich haben Menschen aus dem Bürgerkriegsland deutlich bessere Asylchancen.

Nun wird angeblich überall getrickst und geschummelt. "Ich hab doch gesehen, wie die in Griechenland alle vor mir 'Herkunftsland: Syrien' auf das Papier geschrieben haben", schimpft der 47-jährige Basil aus Hama. "Da gab es ägyptische Syrer, tunesische Syrer, ja sogar sudanesische Syrer! Ich schätze mal: 30 Prozent sind Syrer, 70 Prozent sind es nicht", sagt er. Viele echte Syrer sehen das ähnlich.

Ein Taxi nach dem nächsten trifft vor den Wiener Bahnhöfen ein. Männer mit leichtem Gepäck und Turnschuhen steigen aus, manchmal ganze Familien: Sie alle haben sich aus den verschiedenen Flüchtlingslagern aufgemacht, manche zu Fuß. Nun eben das letzte Stück zum Bahnhof mit dem Taxi. Sie sind auf der Durchreise nach West- und Nordeuropa.

Es ist schwer zu sagen, wie sich die Nationalitäten mittlerweile verteilen. Man trifft deutlich mehr angebliche Syrer als noch vor drei Wochen. Menschen, die kein Arabisch sprechen oder mit dem falschen Akzent. Solche, die sich nicht so ganz sicher scheinen, aus welcher Stadt sie stammen.

Basil allerdings kommt tatsächlich aus Syrien. Seine Familie hat er in einem Flüchtlingslager vor der türkischen Grenze zurückgelassen. Der Übergang ist legal eigentlich nicht möglich. Wer von Syrien in die Türkei will, braucht Schmuggler und muss gut zu Fuß sein. Viele andere Syrer haben bereits mehrere Jahre in der Türkei gelebt, meist in Istanbul.

Syrische Pässe sind sehr begehrt

Basil zeigt auf seinem Handy ein Foto seines Hauses, einer schicken, zweistöckigen Villa. Sie wurde von der syrischen Armee zerschossen. In Syrien hat Basil als Anwalt gearbeitet. Er erklärt, warum er lieber nach Deutschland will als nach Österreich, "obwohl Österreich ein sehr schönes Land ist und die Menschen sehr nett sind". Basil sagt: "Erstens: Es geht in Deutschland schneller, bis der Asylantrag bearbeitet ist. Zweitens: Der Familiennachzug ist leichter. Drittens: Ich halte die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt dort für besser."

So systematisch können es die wenigsten erklären. Wen es nach Deutschland zieht, der hat schon Freunde oder Verwandte dort. Oder hat gehört, dass alle dorthin wollen, also müsse es am besten sein.

Immer wieder stößt man auf die Frage der Herkunft, ob echt oder angedichtet. Syrische Reisepässe sind inzwischen auf der Balkanroute heiß begehrt, erzählt Hassan, 42, ursprünglich aus dem syrischen Afrin. So begehrt sogar, dass er seinen in Istanbul bei seiner Frau und den Kindern zurückließ und nur mit dem Ausweis loszog. Er fürchtete, Schmuggler könnten ihm den Pass wegnehmen und verkaufen wollen. Nun wartet er darauf, dass seine Frau ihm das Dokument per Kurierdienst nach Wien schickt. Dann will er weiter nach Deutschland.

Sie werden per Handychat vorgewarnt

Die deutschen Grenzkontrollen sorgen derzeit für einen vorübergehenden Stau an Österreichs Bahnhöfen: Am Montagabend glaubten die Flüchtlinge noch, die Grenze sei geschlossen. Ihre Panik wuchs. Könnten sie so kurz vor dem Zielort doch noch scheitern? Manche sind sich noch nicht sicher, wo genau sie hinwollen: Deutschland? Finnland? Schweden? Holland? Sie wollen sich von den Deutschen nicht ihre Wahlmöglichkeit nehmen lassen. Also erst einmal abwarten.

Doch am Dienstag haben Bekannte, die vor ihnen auf der Strecke waren, gemeldet: Die Deutschen lassen die Flüchtlinge weiterhin ins Land. Sie fragen auf einem Papier Namen, Geburtsdatum und Herkunftsland ab und bringen alle in ein Flüchtlingslager. Von dort lässt es sich wieder weiterreisen, denn Fingerabdrücke fürs europäische Datensystem werden erst später erfasst.

So etwas spricht sich schnell herum. Am Dienstagmittag zieht sich am Wiener Westbahnhof schon wieder eine rund hundert Meter lange Warteschlange durch die Bahnhofshalle. Die Flüchtlinge stehen an für Zugtickets nach Deutschland.

Drei Iraker sind auch dabei - doch sie wollen lieber nach Finnland. Warum, wissen sie nicht so genau, dort soll es gut sein. Dafür wissen sie, dass sie an der deutschen Grenze kontrolliert werden und in ein Erstaufnahmelager kommen. Aus dem wollen sie aber einfach weiterziehen. So hat es am Montag schon ein Freund von ihnen gemacht und sie per Kurzmitteilung vorgewarnt.

Sie wissen auch, dass Dänemark die Grenze zu Deutschland kontrolliert: An der Wand erklärt ihnen ein Schaubild auf Arabisch und Englisch, dass sie nicht mit dem Zug von Deutschland über Dänemark nach Schweden oder Finnland fahren, sondern die Fähre ab Deutschland nehmen sollen.

"Es gibt immer einen zweiten Weg", sagt einer der Iraker.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 341 Beiträge
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1. manche?
DJ Bob 15.09.2015
Es mehren sich berichte von echte Syrer die behaupten viels sind Irakis oder gar Leabanesen
2. Mal eine dumme Frage...
Phleon 15.09.2015
Was ist eigentlich mit der Schweiz?
3.
M. Michaelis 15.09.2015
Es geben sich schon die ganze Zeit fast alle als Syrer aus. Hinzu kommt dass gerade mal um die 20% irgendwelche Papiere haben, und ein Teil davon ist gefälscht. Man fragt sich schon wie das gehen soll. Zig Tausende ohne jede überprüfbare Identitätsnachweis. Man fragt sich auch was das für die Zukunft heisst wenn die bejubelten Neubürger ihren Aufenthalt mit Betrug und Missachtung jeglicher Gesetze der Aufnahmeländer beginnen.
4. Aha, also
zackenblitz 15.09.2015
Bundesbürger sagen und ihn dafür vor den Kadi zerren. Diese Menschen haben schon lange mitbekommen, dass sie es mit den Gesetzen in Germoney nicht so genau nehmen müssen. Auch das wird uns noch schwerstens auf die Füsse fallen! Aber nur weiter so!
5. Na, wann wird denn dieses Forum geschlossen?
Uurah 15.09.2015
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