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27. Juli 2010, 16:31 Uhr

Einsatz am Hindukusch

Warum die Nato aus Afghanistan abziehen muss

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke

Der Einsatz der westlichen Allianz am Hindukusch ist ein Fiasko, das belegen die Afghanistan-Protokolle ein weiteres Mal. Die ausländischen Truppen sind nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Die Chance auf militärischen Erfolg ist verstrichen - es ist höchste Zeit zu gehen.

Das schwerste politische Manöver ist die Kehrtwende, das Eingeständnis, dass von heute an nicht mehr richtig ist, was bis gestern unerschütterlich richtig war. Und wiederum am schwersten fällt dieses Manöver, wenn es sich dabei um Fragen von Krieg und Frieden handelt.

Winston Churchill, der alte Sturschädel, hat sich zeit seines Lebens geweigert einzusehen, dass er in jungen Jahren als Erster Lord der britischen Admiralität in den Dardanellen einen strategischen Fehler gemacht hatte, der zur Niederlage der Entente gegen die osmanische Allianz in der Meerenge 1915 führte. Es hat 30 Jahre gedauert, bis der frühere US-Verteidigungsminister Robert McNamara wenige Jahre vor seinem Tod den Vietnam-Krieg als "furchtbaren Irrtum" erkannte.

Die deutsche Regierung, die Nato und die westliche Staatengemeinschaft sollten sich das in Afghanistan ersparen. Sie sollten gemeinsam erkennen und sagen: Afghanistan, das wird nichts mehr. Wir sind gescheitert. Dieser Krieg ist verloren. Wir werden dieses Land nicht besenrein einer Selbstverwaltung übergeben können. Vielleicht hätten wir Erfolg haben können, wenn wir früher verstanden hätten, wie dieses Land funktioniert. Jetzt aber sind wir dort nicht mehr Teil der Lösung, sondern zunehmend Teil des Problems. Wir gehen da raus. Weiteres Blutvergießen ist nicht mehr zu verantworten. Die geheimen WikiLeaks-Papiere, die der SPIEGEL analysiert hat, bestätigen diesen Eindruck.

Seit beinahe zehn Jahren versucht die Allianz vergeblich, das Land in den Griff zu bekommen. In diesen zehn Jahren wurden die Ziele immer wieder verändert, aber keines erreicht. Die Intervalle zwischen den großen Afghanistan-Konferenzen von Berlin über Paris, London bis Kabul wurden immer kürzer. Die Liste der Probleme immer länger. Afghanistan ist nicht weniger potentielles Terrorrefugium als kurz nach den Anschlägen von 11. September 2001. Und nichts von dem, was an westlichem Kulturverständnis implantiert wurde, hat so tiefe Wurzeln geschlagen, dass es einen Abzug zu einem realistischen Datum überdauern würde. Außerdem: Mädchenschulen, Brunnen und Straßen sind erfreuliche Begleiterscheinungen eines Einsatzes. Sie begründen ihn aber nicht.

Afghanistan ist ein Alptraum

"Nichts ist gut in Afghanistan", hat Margot Käßmann vor einigen Monaten formuliert, und die Entrüstung war so außerordentlich, dass sie nurmehr erwies, welchen Nerv die damalige Bischöfin getroffen hatte. Ihre Einlassung wurde zu Recht als in den Details ahnungslos abgetan. Aber manchmal sieht man die Dinge auch klarer, wenn man einen Schritt weiter davon entfernt ist und sie mit Abstand betrachtet.

Afghanistan ist ein Alptraum, ein Friedhof der Supermächte. Nach den Briten und der sowjetischen Armee werden dort auch die Nato und die Vereinten Nationen als Supermächte ihren Nimbus verlieren. Die Truppenstärke der Amerikaner inklusive ihrer Verbündeter hat einschließlich der Privatarmeen der Sicherheitsfirmen in etwa den Stand der sowjetischen Besatzung, knapp 200.000 Mann. Mehr ist nicht möglich, nicht militärisch und nicht politisch, und es reicht eben doch nicht, wieder nicht. Die "Viel-hilft-viel"- und "Mehr-hilft-noch-mehr"-Strategie ist an ihr Ende gekommen. Afghanistan ist also der "imperial overstretch", die beteiligten Staaten haben sich einfach zu viel vorgenommen.

In der Verzweiflung gesprochener Unsinn

Für einen Auslandseinsatz muss eine Regierung, eine deutsche zumal, immer einen hohen Kredit bei der Bevölkerung aufnehmen. Wenn die Raten nicht zurückgezahlt werden, dann kündigt die Bevölkerung diesen Kreditvertrag irgendwann einseitig auf. Und ohne den Rückhalt der Bevölkerung ist der Einsatz wiederum nicht lange durchzuhalten. Unterbrochen ist dann gewissermaßen der Nachschub an der Heimatfront. An diesem Punkt ist nicht nur die deutsche Bundesregierung angelangt.

Politische Parallelen zu Vietnam drängen sich auf. Die westliche Staatengemeinschaft ist an einem Punkt angekommen, an dem sie zunehmend trotzig, verzweifelt und mit immer hohler klingenden Phrasen zum Durchhalten aufruft. Auch Kanzlerin Angela Merkel ist jüngst in ihrer Regierungserklärung nichts Besseres eingefallen als Peter Strucks Wort von der Verteidigung am Hindukusch.

Bevor es nur noch darum geht, das Gesicht zu wahren, sollte man dringend aufhören. Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger forderte 1971, den Krieg in Asien mit "Würde" zu verlieren. Für dieses Ziel dauerte der US-Krieg noch zwei Jahre länger und kostete Hunderttausende Menschen in Vietnam, Laos und Kambodscha das Leben. Kissingers zutiefst zynisches Wort hallt wider, wenn der Hauptmann der Reserve, Entwicklungsminister Dirk Niebel, im deutschen Fernsehen sagt, Deutschland müsse in Afghanistan bleiben, das sei das Land seinen gefallenen Soldaten schuldig.

Lauscht da einer eigentlich noch dem Unsinn hinterher, den er in seiner Verzweiflung erzählt?

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