Einsatz gegen Aufständische Briten trainieren saudische Elitetruppe

Auf dem G-8-Gipfel in Deauville solidarisierten sich auch die Briten mit der Demokratiebewegung in Nordafrika. Eine Zeitung enthüllte nun jedoch, dass eine Eliteeinheit des Regimes in Saudi-Arabien ausgerechnet von britischen Soldaten für den Kampf gegen Aufständische ausgebildet wird.

Nationalgarde des saudischen Königs: Seit Jahren ausgebildet von britischen Soldaten
REUTERS

Nationalgarde des saudischen Königs: Seit Jahren ausgebildet von britischen Soldaten


London - Es war eine der stärksten Symbolgesten des ansonsten eher unbedeutenden Treffens der wichtigsten Industrienationen im normannischen Seebad Deauville: Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und der britische Premierminister David Cameron verabredeten am Freitag einen gemeinsamen Besuch in der libyschen Rebellenhochburg Bengasi. Zuvor hatten sich die G-8-Führer in einer gemeinsamen Adresse mit der Demokratiebewegung in Nordafrika solidarisiert und 40 Milliarden Euro für den Aufbau der neuen Regierungen in Ägypten und Tunesien in Aussicht gestellt.

Doch bei seiner Rückkehr nach London wartete Ungemach auf den konservativen Premier: Die Tageszeitung "The Guardian" enthüllte am Wochenende, dass britische Militäreinheiten schon seit Jahren an Saudi-Arabien ausgeliehen werden, um dort die regimetreue Nationalgarde auszubilden und mit Waffen zu versorgen - ausgerechnet für den Kampf gegen Aufständische und Rebellen im eigenen Land, aber auch in Nachbarstaaten, wenn es dem strategischen Interesse dient.

Rund 1200 Mann der Elitetruppe, zu der auch Scharfschützen gehören, wurden im März auch bei den Aufständen im Königreich Bahrain eingesetzt, um die Rebellen niederzuschlagen und die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Laut "Guardian" hatte sich die britische Regierung damals angesichts des saudi-arabischen Truppeneinsatzes besorgt über den Umgang mit Menschenrechten geäußert. Paradox, wenn man bedenkt, dass es offenbar Briten waren, die den arabischen Soldaten die Spezifikationen des Straßen- und Häuserkampfs nähergebracht haben.

Der "Guardian" nutzte den sogenannten Freedom of Information Act, ein Gesetz, dass Medien zusichert, auch über klassifizierte Regierungsbelange Auskunft zu erhalten, um sich die Meldung bestätigen zu lassen. Das britische Verteidigungsministerium gab zu, dass britisches Militärpersonal, eine aus elf Personen bestehende Einheit namens British Military Mission, bis zu 20-mal im Jahr nach Saudi-Arabien entsandt würde, um die Nationalgarde im Umgang mit Waffen zu schulen, sowie die Truppe in genereller militärischer Taktik, Bombenräumung, Scharfschützentraining und der Reaktion auf Zwischenfälle zu unterrichten.

"Absolut heuchlerisch"

Das absolutistische Regime der Saudis, seit 2005 geführt von dem Monarchen Abdullah, hält sich die Leibgarde seit Jahrzehnten, um im Falle eines Volksaufstands oder Putsches nicht auf das reguläre Militär zurückgreifen zu müssen. Seit dem Ausbruch der Aufstände im nordafrikanischen Raum nutzt König Abdullah seine Elitesoldaten auch dazu, um andere Diktatoren im Kampf gegen Rebellen zu unterstützen, da ihm daran gelegen ist, das empfindliche Machtverhältnis in der Region nicht zu stören und vor allem den Einfluss des Erzfeinds Iran in Grenzen zu halten. Recherchen des "Guardian" ergaben, dass Großbritannien die saudische Garde bereits seit Mitte der sechziger Jahre unterstützt und trainiert.

Der Parlamentsabgeordnete Jonathan Edwards, Mitglied der walisischen Partei Plaid Cymru, sagte dem "Guardian", er halte es für "absolut heuchlerisch von unserer Regierung, egal ob Labour oder Conservative, darüber zu reden, die Freiheitsbewegungen im Nahen Osten zu unterstützen, gleichzeitig aber Spezialistentruppen von Diktaturen zu trainieren." Mit der Unterstützung solcher Regime zeige "unsere Demokratie vielen Menschen auf der ganzen Welt ihr schockierendes Gesicht", so Edwards gegenüber dem "Guardian".

Der Labour-Abgeordnete Mike Gapes, Spezialist für Auslandspolitik, sagte dem Blatt, es gehe bei dem Einsatz britischer Trainingskräfte in Saudi-Arabien darum, "eine schwierige Balance" aufrechtzuerhalten: "Einerseits hilft Saudi-Arabien dabei, die Bedrohung durch al-Qaida in Schach zu halten, andererseits ist ihr Sündenregister in Menschenrechtsfragen furchterregend." Das sei das ständige Dilemma im Umgang mit autokratischen Regimes, so Gapes: "Ignoriert man sie oder versucht man, sie zu verbessern?"

Die peinliche Enthüllung ruft nun Menschrechtsorganisationen auf den Plan: "Großbritanniens jahrelange wichtige Rolle beim Training in Sicherheitsbelangen hat die saudi-arabische Nationalgarde erst dazu befähigt, dabei zu helfen, den Volksaufstand in Bahrein zu unterdrücken", zürnte Nicholas Gilby von der Anti-Waffenhandel-Organisation Against Arms Trade laut "Guardian". Waffen und Equipment im Wert von bis zu 110 Millionen Pfund (rund 127 Millionen Euro) sollen britischen Unternehmen im vergangenen Jahr nach Saudi-Arabien exportiert haben.

bor



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insgesamt 89 Beiträge
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raka, 29.05.2011
1. .
Zitat von sysopAuf dem G-8-Gipfel in Deauville solidarisierten sich auch die Briten mit der Demokratiebewegung in Nordafrika. Eine Zeitung enthüllte nun jedoch, dass eine*Elite-Einheit des Regimes*in Saudi-Arabien ausgerechnet von britischen Soldaten für den Kampf gegen Aufständische ausgebildet wird. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765527,00.html
Da offenbart sich mal wieder die (unsere) Verlogenheit des Westens: Gaddafi muss nun weg, in dessen Staat es immerhin soviel Freiheit und Gleichberechtigung gibt für die Frauen wie sonst in keinem arabischen Land, schon gar nicht Saudi-Arabien. Dort werden die Herrscher gestützt gegen oppositionelle Bewegungen.
martian-spy-trap 29.05.2011
2. Und...
wieder einmal sieht man, wo die Interessen des Westens wirklich liegen und wie es mit der Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratisierungsprozessen bestellt ist. Widerliches Spiel!
talvisota 29.05.2011
3. Muss man das verstehen?
Der eine Diktator wird bombardiert, weil er sein Volk tyrannisiert! Dem anderen Diktator werden seine Schergen ausgebildet, damit er noch besser tyrannisieren kann!
Hape1 29.05.2011
4. Gratuliere
Man SpOn, nach eurer ganzen Libyenpropaganda hatte ich eigentlich nicht mehr daran geglaubt, aber ihr könnt ja doch noch guten, kritischen Journalismus. Hierfür mal von mir ein Lob. Weiter so. Guter Artikel. Zeigt er doch die Verlogenheit einiger Westmächte (hier GB).
UnitedEurope 29.05.2011
5. Kann passieren :D
Na wenn die mit britischen Waffen ausgerüstet wurden, braucht sich vor denen keine Sau zu fürchten ... Ach übrigens: Vor ein paar Jahren wurde berichtet, das dt. SEK-Beamte und GSG-9 Beamte in Libyen Truppen ausbilden. Wie das Leben doch manchmal so spielt :)
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