Einwanderung "Die jungen Afrikaner kommen. So oder so"

Zäune hin, Hilfen her - Migration aus Afrika lässt sich nicht aufhalten, sagt der Ökonom Michael A. Clemens. Er sieht das als Riesenchance - und nennt Beispiele.

Busreisende in Banjul, Gambia
AP

Busreisende in Banjul, Gambia

Ein Interview von


Zur Person
  • Kaveh Sardari
    Michael A. Clemens, 45, ist Ökonom und Migrationsforscher am Center for Global Development in der US-Hauptstadt Washington. Bis zum Jahr 2000 arbeitete er bei der Weltbank, promoviert wurde er 2002 an der Universität Harvard. 2013 erhielt er den Preis der britischen Royal Economic Society für seine Arbeit zu Entwicklungshilfe und Wachstum. Clemens ist auch bei Twitter

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung plant, das Wachstum in Afrika zu fördern. Das Versprechen lautet, dass dann weniger Afrikaner nach Europa kommen. Was halten Sie davon?

Clemens: Wenn erzählt wird, Mali, Niger oder der Senegal ließen sich in Kürze so entwickeln, dass die Leute von dort nicht mehr fortgehen, kann ich sagen: Das ist nicht möglich. Vielmehr ist es umgekehrt: Es passiert genau das Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Verbessert sich das Leben in Afrika, dann kommen mehr statt weniger Migranten?

Clemens: Ja, ganz sicher. Wenn ein armes Land zu einem Land mit mittlerem Einkommen wird, nimmt die Auswanderung stark zu, nicht ab. Und zwar nicht nur ein bisschen, sie verdreifacht sich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Clemens: Migrieren ist teuer, es kostet Tausende Dollar. Mehr Geld kann genutzt werden, um die teure Reise nach Europa zu finanzieren. Steigt das Einkommen, geben die Menschen außerdem zuerst mehr für ihre Kinder aus, für deren Bildung und Gesundheit.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das auf Migration aus?

Clemens: Dank des wirtschaftlichen Aufschwungs der vergangenen 20 Jahre ist die Kindersterblichkeit in Afrika rapide gefallen. Das ist wunderbar und auch ein Erfolg der Entwicklungshilfe. Zwar sinken die Geburtenraten mit steigendendem Wohlstand auch, aber später. So entsteht eine demografische Blase.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die?

Clemens: Demografen rechnen in den nächsten gut 30 Jahren mit zusätzlichen 800 Millionen Menschen im Afrika südlich der Sahara, die Arbeit suchen. Das ist das 24-fache der derzeitigen arbeitsfähigen Einwohner Großbritanniens. Die gehen natürlich nicht alle nach Europa - viele werden dafür weiter zu arm sein. Aber ein bestimmter Bruchteil wird gehen.

SPIEGEL ONLINE: Kehrt sich der Effekt irgendwann um?

Clemens: Zwischen 5000 und 8000 Dollar Pro-Kopf-Einkommen im Jahr kommt der Wendepunkt. Wenn die Wirtschaft darüber hinaus weiterwächst, geht der Auswanderungsdruck zurück. Das werden Sie, ich und die Politiker, die jetzt falsche Versprechungen machen, für das südliche Afrika nicht mehr erleben. Und bis dahin wird es Migration in einem Ausmaß geben, weitaus größer als wir das bisher kennen.

SPIEGEL ONLINE: Böse Menschen könnten jetzt sagen: Dann gibt es eben gar keine Hilfe mehr.

Clemens: Das wäre auf irritierende Weise unethisch, und widerspräche auch noch Ihrem Grundgesetz, Artikel 1, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Ein Deutscher lebt von 115 Euro am Tag, in Niger sind es 2,50 Euro, und jedes zehnte Kind stirbt vor seinem fünften Geburtstag. Und hinzu kommt, dass Deutschland schrumpft, die Zukunft hängt von Einwanderung ab. Entwicklungshilfe zu streichen, um arme Länder arm zu halten und so Migration zu verhindern, wird die Welt ärmer machen, und damit auch Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird dann behauptet, eine Senkung der Migration lasse sich kurzfristig mit mehr Wohlstand erreichen?

Clemens: Das Schema ist in allen westlichen Industrienationen gleich: Rechte Politiker schüren die Angst vor Migration und schlagen vor, die Leute mit Zäunen und Waffen fernzuhalten. Linke Politiker schüren die Angst meist auch und versprechen weniger Migration durch Entwicklungshilfe. Beide haben kein Interesse zu erzählen, was wahr ist: Es gibt keine Zweifel an der afrikanischen Wanderungswelle in den kommenden Jahrzehnten. Sie wird nicht ausbleiben, weil Westafrika ein so wohlhabender Ort wird, dass es keine Anreize mehr gibt fortzugehen. Das ist ein Trugbild.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist der Fehler in der Annahme?

Clemens: Die Behauptung, Hilfe stoppt Migration, ist intuitiv richtig, aber nur auf sehr lange Sicht. In einigen Generationen kann das gelingen, es ist natürlich möglich, dass afrikanische Länder wohlhabender werden. Botswana, Tunesien und Mauritius haben das geschafft. Aber in den ärmsten Länder wird das - wenn überhaupt - frühestens zwischen 2080 und 2100 passieren.

SPIEGEL ONLINE: Und bis dahin?

Clemens: Die jungen Afrikaner kommen, um in Europa zu arbeiten. So oder so. Sie werden Teil von Europas erwerbstätiger Bevölkerung sein. Die Frage ist: Werden sie Fähigkeiten mitbringen, die Europa dringend braucht? Oder werden sie auf den Bürgersteigen stehen und Regenschirme verkaufen? Das richtige Ziel wäre: Entwicklungshilfe dafür auszugeben, um die Fähigkeiten unter potenziellen Migranten zu entwickeln, die hier benötigt werden.

SPIEGEL ONLINE: An welche Branchen denken Sie?

Clemens: In Europa werden dringend Altenpfleger gebraucht, die Ausbildung ist nicht so kompliziert, und sie wäre in Afrika noch dazu sehr billig. Auch die deutsche Sprache lernt sich schnell in ein, zwei Jahren. Intelligente junge Leute kriegen auch eine Pflegeausbildung in drei Jahren hin. Das wird für Deutschland bislang in Pilotprojekten in Asien oder auf dem Balkan gemacht, aber leider nicht in Afrika. Es wäre ein sehr profitables Investment, der Gewinn wäre enorm. Aber sie können in die Büros der wohlmeinendsten Politiker gehen: Fast niemand will potenzielle Migranten ausbilden.

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