Republikaner-Parteitag in Tampa: Eklat bei Romneys Krönungsshow

Aus Tampa, Florida, berichtet

Die Republikaner haben Mitt Romney zum Präsidentschaftskandidaten gewählt, doch die Inszenierung auf dem Parteitag von Tampa verlief nicht so glatt wie in früheren Jahren. Proteste im Plenum sorgten für einen Eklat - bis die Parteispitze gnadenlos durchgriff.

DPA

Am Ende ist es New Jersey. Der oft verhöhnte "Gartenstaat" an der US-Ostküste, Heimat der Chemiefabriken, Solarien und Polterpolitiker: Dank seiner Stellung im Alphabet fällt ihm rein zufällig der erste Höhepunkt des Abends zu.

Der Wall-Street-Händler Todd Christie ergreift das Mikrofon. New Jersey, ruft der Bruder des republikanischen Gouverneurs Chris Christie, sei stolz darauf, "alle seine 50 Stimmen für den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten abzugeben, Gouverneur Mitt Romney!"

Natürlich ist Romney noch nicht der nächste Präsident, natürlich sind diese 50 Stimmen nur die der Parteitagsdelegation aus New Jersey. Trotzdem wogt Jubel durch die Halle, allerdings auffallend zahm, eine Pflichtübung fast. Überall schnellen Schildchen in die Höhe, vorgedruckt und vorher verteilt von den Organisatoren: "Mitt."

Es ist 17.40 Uhr in Tampa, als Mitt Romney, nach sechs Jahren Wahlkampf und einem verpassten Anlauf 2008, am Dienstag endlich offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner gekürt wird. Am ersten Programmtag des Nominierungsparteitags gibt eine Staatendelegation nach der anderen ihr Votum zu Protokoll, von Alabama bis Wyoming.

Der zeremonielle Zählappell ("roll call") zieht sich über Stunden. Erst New Jersey bringt Romney über die Mehrheitsschwelle von 1144 Stimmen, die ihm nicht nur die Nominierung garantiert, sondern auch rund 184 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden, die bisher blockiert waren. "Over the top", prangt die programmierte Vollzugsmeldung von den elektronischen Bildschirmen hinter der Bühne.

Krönung mit Hindernissen

Das Ritual ist minutiös für die TV-Kameras durchchoreografiert. Romney, der Sieger der Vorwahlen vom Winter, ist der einzige Kandidat, der zur Wahl steht. Nichts ist spontan, Überraschungen sind unerwünscht.

Und doch gibt es die - und zwar böse.

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US-Republikaner: Romney-Kür in Tampa
Trotz aller Manipulationen der Parteitagsregie läuft Romneys Nominierung zeitweise aus dem Ruder, gerät zur Krönung mit Hindernissen. Die Illusion der Einheit zerplatzt, wenn auch nur für einige schlagzeilenträchtige Minuten.

Dutzende Anhänger des Radikalliberalen Ron Paul aus Texas, der Romney in den Vorwahlen unterlag, fühlen sich hintergangen: Sie buhen, brüllen, stampfen - und werden am Ende kurzum vor die Tür gesetzt. "Schande für die Republikaner!", ruft einer noch. "Wenn Romney diese Partei haben will, dann soll er sie haben!"

Einen solchen Eklat haben US-Politveteranen seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Proteste, Widerspruch, Kaltstellung: Das sind kaum die Szenen der Parteidisziplin, die sich die Republikaner für diesen großen Moment versprochen haben.

Die verpatzte Wahl offenbart erneut die Selbstzweifel der US-Konservativen - und wie leidenschaftslos sie hinter dem Kandidaten stehen. Es sei nun einmal schwer, sich in Romney "zu verlieben", gestand selbst John Boehner, der Sprecher des Repräsentantenhauses, im Juli vor Parteispendern. Und das gilt bis heute.

Der Tumult in Tampa bahnt sich schon vor dem Beginn der Tagesordnung an. Da erscheint Ron Paul spontan in der zum Patriotenplenum umfunktionierten Eishockeyhalle. Der 77-Jährige ist für ein Interview mit dem konservativen TV-Kabelsender Fox News da. Genüsslich bahnt er sich den Weg durch den schnell wachsenden Pulk der Kameraleute.

"Was machen Sie hier?", ruft ihm jemand zu. Paul: "Ich bin gekommen, um meine Freunde zu sehen." Seine Botschaft heute? "Die gleiche Botschaft wie seit 35 Jahren." Eine andere Botschaft, später auf Fox News, gilt Mitt Romney, dem er die Unterstützung verweigert: "Werten Sie mich als unentschlossen."

Insider siegen, Underdogs haben keine Chance mehr

Seine Fans sind ekstatisch, skandieren: "Lasst ihn reden! Lasst ihn reden!" Ein Delegierter aus Hawaii wirft Paul einen Lei, den traditionellen Blumenkranz, um den Hals, ein anderer steigt auf einen Stuhl: "Wir werden Geschichte schreiben! Wir sind die Zukunft!"

Doch so einfach ist das leider nicht. Das Partei-Patriarchat duldet keinen Widerspruch bei seiner millionenschweren Propaganda-Party.

Also boxen sie als erstes Änderungen der Geschäftsordnung durch, um Abweichler mundtot zu machen - nicht nur beim Parteitag, wo vielen Paul-Jüngern die Delegiertensitze aberkannt werden, sondern auch in Zukunft bei Vorwahlen: Insider wie Romney siegen, Underdogs wie Paul haben keine Chance mehr.

"Die Partei versucht, unsere Meinung zu unterdrücken", beschwert sich Brian Daugherty aus Maine, dessen Delegation von zahlreichen Paul-Vertretern "gesäubert" wurde, wie er sagt. "Ich stamme aus der Sowjetunion", sagt Yelena Vorovye aus Minnesota. "Das sieht mir ganz nach einem kommunistischen Regime aus!"

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Parteitag der Republikaner: Alle für Romney
Als Boehner die Änderungen im Plenum zur Abstimmung stellt, scheinen ebenso viele Delegierte "nein" zu grölen wie "ja". Doch Boehner erkennt nur die Ja-Stimmen an, trotz ohrenbetäubender Buhrufe. Republikaner-Chef Reince Priebus ruft vergeblich zur Ruhe. Sicherheitsbeamte umschwärmen die Störenfriede, drängen sie raus. Vor laufenden Kameras kommt es fast zu Handgreiflichkeiten.

Als schließlich wieder Ruhe einkehrt, nimmt das Drehbuch unweigerlich seinen Lauf. Beim "roll call" geben viele Staaten zwar noch Stimmen für Paul ab. Doch die Parteileitung registriert immer nur die Stimmen für Romney. Pauls Stimmen werden gnadenlos ignoriert.

Auch die Tea Party ist empört. Deren Dachorganisation "FreedomWorks" kritisiert die Gleichschaltung. Selbst Sarah Palin, die von einer Reise nach Tampa abgesehen hat, spricht von einem "direkten Angriff auf Grassroots-Aktivisten durchs Republikaner-Establishment".

Doch bald ist jede Erinnerung an die Unruhe verschwunden. Alle Redner schwenken auf Linie, dreschen mit identischen Soundbites auf US-Präsident Barack Obama ein, während Romneys Gattin Ann dem Kandidaten eine Liebeserklärung vorträgt. Dann erscheint Romney selbst auf der Bühne, küsst seine Frau, winkt - und verzieht sich in die VIP-Loge.

Ron Paul sitzt da längst schon wieder im Flieger nach Texas.

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insgesamt 198 Beiträge
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1. optional
forkeltiface 29.08.2012
Wie lange will sich SPON an dieser Art von "Journalismus" beteiligen? Ich kann mich nicht erinnern, dass MSNBC - klare Republikaner Gegner - jemals so einseitig und diffamierend über die Republicans geschrieben haben. Auch Fox News als Republikaner nah hat bei Berichten nie versucht in jedem Attribut eine Abwertung rein zu bringen, wenn sie über die Democrats schreiben.
2.
Matthias Künzer 29.08.2012
Zitat von sysopDPADie Republikaner haben Mitt Romney zum Präsidentschaftskandidaten gewählt - doch die Inszenierung auf dem Parteitag von Tampa verlief nicht so glatt wie in früheren Jahren. Proteste im Plenum sorgten für einen Eklat, bis die Parteispitze gnadenlos durchgriff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852649,00.html
Die unverständliche Übersetzung "Werten Sie mich als unentschlossen an." des Ron-Paul-Zitats hieß im Original "Put me down as undecided"; siehe Rep. Ron Paul: ‘Put Me Down As Undecided’ | Fox News Insider (http://foxnewsinsider.com/2012/08/28/rep-ron-paul-put-me-down-as-undecided/) .
3. Überraschend
thomasp1965 29.08.2012
ist das nicht. Big Money möchte, wenn es dafür bezahlt hat auch entsprechendes Verhalten, wenn man sich schon einen Kandidaten aus den Reihen gekauft hat. Störende innerparteiliche Opposition? Weg damit... Das erinnert an Deutschland's Merkel CDU, wo inzwischen einen ähnlicher Umgang mit innerparteilicher Opposition praktiziert wird und im Bundestag, wo wir bei vielen Entscheidungen auch nordkoreanische Demokratie praktiziert sehen. Man vergisst eben zu leicht, daß Demokratie ohne Opposition und andere Meinungen eben keine ist...sondern Diktatur.
4. Was wirklich passierte:
klausd11 29.08.2012
Im Staat Maine wurden 20 Delegierte fuer Ron Paul ordnung- und regelgemaess gewaehlt. Das passte den Diktatoren der republikanischen Partei nicht: Die Delegation aus Maine wurde einfach nicht von der Parteispitze anerkannt. Selbst der zum Establishment gehoerende Chef der Partei von Maine war darueber so desillusioniert, dass er seine Teilnahme am Parteitag absagte.
5. Richtigstellung
henrypimpernell 29.08.2012
Mitt Romney ist nicht Präsidentschaftskandidat, sondern ein potentieller Käufer des Amts. Kandidaten gibt es nur in Demokratien.
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    Vom Parteitag der US-Republikaner in Tampa, Florida, berichten die SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten Sebastian Fischer (r.) und Marc Pitzke (2. v. r.) sowie die Videoreporter Martin Heller und Sandra Sperber.


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