Eklat um YSL-Auktion Pekings Propagandisten rechnen mit Frankreich ab

Chinesische Zeitungen schüren die Wut, und in Internet-Foren rumort es: Bei der Auktion der Sammlung von Modeschöpfer Yves Saint Laurent wurden zwei Figuren aus dem Pekinger Kaiserpalast versteigert. Raubgut, sagt die Regierung - und nutzt den Fall für eine Abrechnung mit Sarkozys Frankreich.

Von , Peking


Peking - In China ebbt die Aufregung über die Versteigerung der Kunstwerke von Yves Saint Laurent in Paris nicht ab. Über fünf Spalten titelte das englischsprachige KP-Organ "China Daily" am Freitag auf der ersten Seite: "Christie's nach dem Verkauf abgemahnt". Die Geschäfte des Auktionshauses in China und Hongkong würden die Folgen seines "widerspenstigen" Verhaltens, das sich gegen den Geist internationaler Konventionen richte, zu spüren bekommen.

Im chinesischen Internet tobt die Debatte über die Versteigerung der Sammlung des im Juni 2008 verstorbenen Modeschöpfers. "Ist es legal in Frankreich, einem sogenannten zivilisiertem Land, mit Diebesgut zu handeln?", empörte sich zum Beispiel ein Pekinger auf der Website von "Sina.com".

Grund der Aufregung ist der Verkauf von zwei Bronzeköpfen, einer Ratte und eines Hasen, aus dem alten Pekinger Sommerpalast. Der bislang unbekannte Käufer zahlte mehr als 31 Millionen Euro.

Pekinger Funktionäre hatten das Auktionshaus zuvor aufgefordert, die beiden Stücke an die Volksrepublik zurückzugeben. Sie seien gestohlen worden, als die Truppen der Franzosen und Briten im Jahr 1860 den Sommerpalast des Kaisers Xianfeng niederbrannten und gehörten deshalb nach China. Durch Christie's Versteigerung würden die "Gefühle des gesamten chinesischen Volkes verletzt", hieß es.

81 chinesische Anwälte hatten versucht, den Verkauf zu verhindern. Ein französisches Gericht bestätigte jedoch die Rechtmäßigkeit der Versteigerung. Eine offizielle Intervention der chinesischen Regierung bei den Behörden in Paris, die Auktion der Köpfe zu stoppen, gab es aber offenkundig nicht.

Symbol der Demütigung

In der offiziellen Geschichtsschreibung ist die Zerstörung des alten Sommerpalastes zum Symbol für die Demütigung Chinas durch den Westen geworden. Deshalb verlangen die Anwälte, die Ausländer sollten sich für den Raub bei den Chinesen "entschuldigen".

Einige Internet-Nutzer sehen den Fall allerdings gelassener und werfen Eiferern "kindischen Nationalismus" vor. Es gehe schließlich nur um ein Stück Kupfer, schreibt ein Diskutant. "Wir sollten den Müllmann fragen, wie viel er wert ist."

Im Jahr 2000 waren schon einmal zwei ähnliche Figuren in Hongkong versteigert worden. Auch damals reklamierte Peking sie für sich, vergeblich. Schließlich ersteigerte das chinesische Rüstungsunternehmen Poly die Figuren.

Woran die chinesischen Medien sich derzeit allerdings nicht erinnern wollen: Es waren nicht nur die Alliierten Truppen, die den Sommerpalast ausraubten, nachdem sie die Anlage aus Rache für die Ermordung ihrer Unterhändler gebrandschatzt hatten.

Als die Flammen verloschen waren, holten sich bald die Bauern aus den umliegenden Dörfern alles, was nicht niet- und nagelfest war. Später geriet das Gelände in Vergessenheit. Die kleine Schar der Eunuchen, die das Gelände bewachten, konnten Plünderer nicht aufhalten, schreibt der britische China-Experte Jasper Becker in seinem Peking-Buch "City of Heavenly Tranquillity" ("Stadt der himmlischen Ruhe"): "Diebe kletterten nachts über die Mauern und nahmen, was sie greifen konnten. Bauern zerschlugen schwere, polierte Möbel und Marmor, rissen die lackierten Schindeln heraus."

Zwei von zwölf Figuren

Es ist nicht bekannt, wie Yves Saint Laurent an die zwei Bronze-Figuren gekommen ist. Sie stammen von einem Brunnen, den der französische Jesuiten-Pater Michel Benoit für den chinesischen Kaiser im alten Sommerpalast gebaut hatte. Die Figuren selbst wurden vermutlich von einem Italiener entworfen. Die zwölf Tiere symbolisierten die Jahreszeiten, aus ihnen sprudelte zu bestimmter Uhrzeit Wasser.

Die britische Autorin Hope Danby forschte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts über die Geschichte des Sommerpalastes und beschrieb in ihrem 1950 veröffentlichten Buch "Der Garten der perfekten Helligkeit", dass eine Kaiser-Gemahlin diese Bronzetiere so hässlich fand, dass sie befahl, sie zu zerstören - 20 Jahre bevor die alliierten Soldaten den Sommerpalast niederbrannten. Wissenschaftler zweifeln diese Version allerdings an, weil es keine Aufzeichnungen darüber gibt.

Nationalistische Gefühle sind derzeit in China leicht zu entfachen. Offenbar dient die offizielle Aufregung über vor 150 Jahren von Kolonialisten und Imperialisten geraubte Kulturgüter außenpolitischen Zwecken der Gegenwart. Frankreich ist bei der KP derzeit wenig gelitten, weil Präsident Nicolas Sarkozy im vorigen Jahr den von Peking verhassten Dalai Lama traf. Der Partner von Yves Saint Laurent, Pierre Bergé, goss nun noch Öl ins Feuer, als er anbot, die Köpfe im Gegenzug für die "Freiheit für Tibet" an China zurückzugeben.

Den Ärger Pekings bekamen vor wenigen Tagen einmal mehr europäische Botschafter in Peking zu spüren. Der Berater des Außenministeriums, Mei Zhaorong, hielt ihnen bei einer Buchvorstellung über Chinas EU-Politik in der Pekinger Akademie für Sozialwissenschaften nach Berichten von Teilnehmern eine "rüde und selbstgerechte" Standpauke.

"Alles, was derzeit in Frankreich passiert, ist schlecht", sagt ein europäischer Diplomat in Peking. Und wenn es der Verkauf eines Hasen und einer Ratte aus Bronze ist.



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