Eklat bei Merkel-Reise: Petersburger Scherbenhaufen

Von , Moskau

Merkel in Russland: Eklat um die Grußworte Fotos
AP

Droht eine neue Eiszeit zwischen Moskau und Berlin? Der Streit um Grußworte zu einer Beutekunst-Ausstellung hat einen Eklat ausgelöst. Kein Wunder, das Thema ist einer der sensibelsten Bereiche einer belasteten Beziehung. Die Misstöne häufen sich.

Es war gedacht als Höhepunkt eines lange vorbereiteten deutsch-russischen Prestige-Projekts. Doch die geplante gemeinsame Eröffnung einer Ausstellung im St. Petersburger Winterpalais durch Wladimir Putin und Angela Merkel endete so, wie es in letzter Zeit immer endet, wenn Kanzlerin und Präsident zusammenkommen: im Zwist.

Der Termin zur Eröffnung der Ausstellung mit dem Titel "Bronzezeit - Europa ohne Grenzen" wurde kurz vor dem Abflug der Kanzlerin nach St. Petersburg ersatzlos gestrichen. Angela Merkel ist zwar nach Russland geflogen. Sie führt eine Delegation deutscher Wirtschaftsvertreter am St. Petersburger International Economic Forum an, und dort demonstrierten sie und Putin zumindest auch oberflächlich Einigkeit. Putin warb um deutsche Investoren, Merkel pries den freien Handel. Die Kanzlerin wird aber früher als geplant zurückfliegen. Und die Ausstellung meiden.

Grund war der Ärger des Kanzleramts über den Kreml, der kurzfristig geplante Grußworte der Kanzlerin und des Präsidenten zur feierlichen Eröffnung der Schau in der Eremitage gestrichen hatte - angeblich weil Putin es zeitlich nicht schaffe, wie Vize-Regierungssprecher Georg Streiter am Mittag mitteilte. Allerdings waren ohnehin keine langen Reden, sondern lediglich kurze Beiträge von wenigen Minuten vorgesehen. Man habe den Termin schließlich "in gegenseitigem Einvernehmen" komplett abgesagt, sagte Streiter. Eine Eröffnung, die nur darin bestanden hätte, ohne jede Einordnung "kurz durch die Ausstellung zu hetzen", wäre nicht angemessen gewesen, hieß es.

"Kriegsbedingt nach Russland verlagerte Objekte"

Bewerten wollte die Bundesregierung die russische Absage der Grußworte offiziell nicht. Streiter betonte jedoch, dass Merkel in ihrem Beitrag wohl die deutsche Haltung zur Beutekunst bekräftigt hätte - und deren Rückgabe aus russischen Beständen anmahnen wollte. Womöglich wollte Putin seinem Gast diese Gelegenheit nicht geben.

Im Winterpalast soll unter anderem der Eberswalder Goldschatz gezeigt werden, rund 3000 Jahre alter Schmuck. Seit 1945 galt der Schatz als verschollen, bis ihn 2004 Journalisten von SPIEGEL TV im Lager des Moskauer Puschkin-Museums entdeckten.

Die Beutekunst gehört zu den sensibelsten Bereichen in den deutsch-russischen Beziehungen. In Russland ist für Kunstwerke und Museumsstücke, die 1945 aus Ostdeutschland von Sowjetsoldaten abtransportiert worden, der Begriff "Trophäenkunst" gebräuchlich. Moskau sieht darin eine Entschädigung für von Deutschen angerichtetes Leid. "Man darf nicht einfach ein Land überfallen, seine Museen zerstören und versuchen, die Wurzeln seiner Kultur auszumerzen", hat Irina Antonowa, die Leiterin des Moskauer Puschkin-Museums, dem SPIEGEL gesagt. Deutschlands Verluste seien eine "Lektion für die ganze Welt".

Umso aufwendiger waren die über Jahre andauernden Vorbereitungen der Ausstellung in St. Petersburg, an der neben der Bundesregierung auch deutsche Museen und das deutsch-russische Forum Petersburger Dialog seit Jahren beteiligt waren. Merkels zuständiger Staatsminister Bernd Neumann mühte sich aus Rücksicht auf die Russen, den Begriff Beutekunst zu vermeiden. Von "kriegsbedingt nach Russland verlagerten Objekten" war stattdessen die Rede.

Die Organisatoren der Schau stehen nun vor einem Scherbenhaufen. Die Schaden, den der offen ausgetragene Eklat den deutsch-russischen Beziehungen zufügt, ist nicht abzusehen.

Schwieriges Jahr in deutsch-russischer Beziehung

Die Ausstellung hätte den feierlichen Abschluss des "Deutschlandjahres in Russland" bilden sollen. Seit Juni 2012 warb Berlin mit tausend Veranstaltungen zwischen Wladiwostok und Kaliningrad für deutsche Sprache, Kultur und Wirtschaft. In Erinnerung aber bleiben werden die vergangenen zwölf Monate auch als Seuchenjahr der deutsch-russischen Beziehungen.

Es begann damit, dass Joachim Gauck und Putin partout keinen Termin finden konnten für den ersten Besuch des Bundespräsidenten in Russland. Das lag auch daran, dass der ehemalige KGB-Oberst Putin wenig Lust hat, den Ausführungen des ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers Gauck zum Thema Freiheit lauschen zu müssen.

Im Sommer dann ließ der Kreml Verschärfungen des Demonstrationsrechts und der Gesetze für Nichtregierungsorganisationen durch das Parlament peitschen. In der Folge gerieten auch deutsche Stiftungen in Russland ins Visier der Staatsanwaltschaft.

Auf die Welle repressiver Gesetze in Russland reagierte der Bundestag mit einer Resolution. Die Parlamentarier warnten vor einer "wachsenden Kontrolle aktiver Bürger" in Russland und einer Kriminalisierung von Menschenrechtlern.

"Hund kläfft, Karawane zieht weiter"

Der Kreml nahm daraufhin Merkels Russland-Beauftragten unter Feuer. Andreas Schockenhoff (CDU) war einer der Initiatoren der Bundestagsinitiative und wurde dafür von den Russen hart angegangen. "Der Hund kläfft, aber die Karawane zieht weiter", ätzte das Außenministerium in Moskau und ließ wissen, man werde Schockenhoff nicht mehr als Gesprächspartner akzeptieren.

Zuletzt schien es fast, als habe Deutschland als Lieblingsfeind des Kreml Amerika abgelöst. Moskau hat die Tonlage gegenüber Berlin gewechselt, von freundschaftlich auf verletzend. Deutlich zeigte sich das beim vom Kreml kontrollierten Fernsehen. Russlands Erster Kanal zog die Kanzlerin während seiner Silvestergala vor Millionenpublikum durch den Kakao, als Mannsweib mit Vorliebe für zackiges Marschieren. Der Inlandsgeheimdienst FSB versuchte zuletzt, russische Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau abzuschöpfen.

Hinter den Kulissen erweisen sich die Arbeitsbeziehungen als durchaus robust. Selbst CDU-Mann Schockenhoff war im Frühjahr in Moskau und wurde empfangen, in der Duma - und sogar im Außenministerium, das ihn zuvor medienwirksam zur Persona non grata erklärt hatte. Kanzleramt und Kreml-Verwaltung stehen in Kontakt, und für zwei Politiker, die sich erkennbar wenig leiden können, treffen sich Merkel und Putin überraschend oft. Der Gipfel in St. Petersburg ist das fünfte Treffen seit Juni 2012.

Merkel mit dem Beil in der Hand

Moskaus rhetorische Kavallerie aber hat sich auf Berlin eingeschossen. EU-Mitglied zu sein "bedeutet, dass man sich Deutschland unterwerfen muss", stichelte Alexej Puschkow, Chef des Außenausschusses des Parlaments.

Das Kreml-nahe Massenblatt "Komsomolskaja Prawda" druckte im Internet kursierende Fotomontagen, die Angela Merkel angeblich an einem FKK-Strand zeigen sollen. Das Magazin "Odnako", Leitmedium von Moskaus Falken, hob die Kanzlerin auf den Titel - als Schlachterin Zyperns, mit einem blutigen Beil in der Hand.

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Mitarbeit: Philipp Wittrock

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 130 Beiträge
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1. cool down
eifelwissen 21.06.2013
Deutschland und Russland haben seit Jahrhunderten sehr gute Beziehungen, Freundschaften untereinander. Deutsche waren sogar Zar und Ministerpraesidenten dort. Man sollte sich ruhig einmal daran erinnern, und nicht nur wenigen Hitzkoepfen, zu denen sicher auch der derzeitige *Zar* zaehlt, zu viel Aufmerksamkeit schenken.
2. und wir hängen
jayram 21.06.2013
am Rohstoff und Energietropf dieser neustalinistschen Regierung und verschlafen und zerstreiten die Energiewende, wie kurzsichtig ist unser Staatswesen geworden?
3. Erfreulich
mps58 21.06.2013
Es ist doch sehr erfreulich, dass sich unsere Bundeskanzlerin vorrangig um die Interessen Deutschlands kümmert und nicht um die Russlands wie ihr Vorgänger Gas-Gerd Schröder und seine Steinmeier/brücks.
4. Unnachgiebigkeit gegenüber Putin ist richtig
sohst 21.06.2013
Wie auch der britische "Economist" neulich in einem eigenen Artikel feststellte, ist die deutlich kritische Haltung Merkels gegenüber Putin nicht nur richtig, sondern überhaupt die einzige Chance des Westens, den zunehmend selbstverliebten und autoritären Putin etwas zu bremsen. Narzisstische Personen reagieren auf Kritik zwar übertrieben beleidigt, wie aus der einschlägigen psychologischen Literatur hinreichen bekannt ist, und sind auch sehr nachtragend, sie sind aber gleichzeitig deshalb auch sehr darauf bedacht, jegliche Kritik zu vermeiden. Deshalb: Weiter so, Frau Merkel. Nur immer 'ran an die eitlen Despoten. Sie brauchen es.
5. Blut = Gold !
Sabi 21.06.2013
Diese Sprache gehört nur noch den Kaltekriegern und ex-KGBlern !
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