Elendsviertel in Bagdad: "Wir brauchen einen Gandhi"
Sie leben auf Müllkippen, trinken verseuchtes Wasser, leiden an Krankheiten. Demokratie und Wohlstand versprach George W. Bush den Irakern, als er in den Krieg gegen Saddam Hussein zog - doch Millionen Menschen hausen noch heute im Elend. Ein Besuch in Bagdads Slums.
Nachts, wenn Familie Saad schläft, kommen die Ratten. Sie zwängen sich durch die Zwischenräume im Elektroschrott, den Vater Saad Kadi Saad als Mauer um sein Stück Müllhalde aufgetürmt hat. Sie huschen um die zerfetzte Doppelmatratze, auf der sich die fünf Menschen drängen. Sie tummeln sich beim Plumpsklo, wenige Schritte vom Freiluftbett entfernt.
Sadr City ist Bagdads Arme-Leute-Viertel. Etwa drei Millionen Menschen drängen sich in dem von schiitischen Islamisten kontrollierten Vorort im Osten der irakischen Hauptstadt. Blutige Kämpfe tobten dort, immer wieder erschüttern Anschläge das Viertel. Die Straßen bilden ein gleichmäßiges Schachbrettmuster; in den sechziger Jahren sollten hier Bauern aus Iraks Provinz ein neues, modernes Zuhause finden. Heute leben manchmal fünf Familien zusammen in den kleinen Wohnungen, und im Rinnstein steht die Kloake.
Die Saads würden sich glücklich schätzen, in Sadr City zu wohnen. Stattdessen leben sie im und vom Müll, den das Elendsviertel produziert.
Um zu ihrer Behausung zu gelangen, muss man am Rand von Sadr City durch ein Loch in einer Sprengmauer krabbeln, Direkt dahinter beginnt ein Slum, der auch in Kalkutta liegen könnte. Wer hier wohnt, ist ganz unten angekommen.
Geschwüre an den Füßen und auf der Kopfhaut
Die Siedlung auf der Müllhalde, in der die Ärmsten der Armen Bagdads wohnen, wird Teneke-Dorf genannt. Teneke ist das arabische Wort für die Metallkanister, in denen Motoröl verkauft wird. Einmal leer, gelten sie in Deutschland als Sondermüll. Im Irak, der eines der reichsten Ölvorkommen der Welt hat, haben sich viele Slumbewohner Hütten aus ihnen gebaut.
"Wir leben vom Verkauf von Getränkedosen, die wir aus dem Abfall sammeln", sagt Vater Saad. Er ist hungrig, denn wie immer gibt es zu wenig Essen im Haus. Das bisschen Reis, das Mutter Zeinab gekocht hat, sollen die drei Kinder bekommen. Etwa alle drei Tage haben die Saads einen Sack mit Dosen voll, der ihnen umgerechnet drei Euro bringt. Für Gemüse reicht das nicht immer, für Fleisch nie.
Die Saads sind in die Armut hineingeboren, doch sie hoffen, dass es die Kinder einmal besser haben. "Unser Sohn Haidar soll in die Schule gehen", sagt der Vater. Er wäre der erste seiner Familie, der das schafft.
Haidar hat Geschwüre. Seit die Saads vor zwei Jahren aus der Provinz in die Stadt und in den Müll gezogen sind, hat der Sechsjährige eitrige Entzündungen an den Füßen und auf der Kopfhaut.
Unterstützung für den Königsmacher
"Ich habe die Sadristen gewählt", sagt Vater Saad stolz. Deren Führer Muktada al-Sadr, populistischer Geistlicher und ehemaliger Chef der blutrünstigen Mahdi-Milizen, ist durch den knappen Wahlausgang im Irak vor fünf Monaten zum Königsmacher im Parlament geworden. Die Sadristen setzten dabei auf eine Strategie, die schon anderswo in Nahost zum Erfolg führte, ob bei der palästinensischen Hamas oder der libanesischen Hisbollah. Man gibt sich religiös, die Führer leben zumindest nach außen bescheiden und zeigen sich volksnah.
Die Sadristen und andere Arme-Leute-Parteien sind die Hoffnungsträger der rund sieben Millionen Iraker, die nach Uno-Angaben unterhalb der Armutsgrenze von zwei Dollar pro Kopf und Tag leben. Dass es so viele sind, ist schwer nachzuvollziehen. Allein die USA haben in den vergangenen sieben Jahren rund 53 Milliarden Dollar in den Irak gesteckt. Sie wollten mit einer Art modernem Marshall-Plan einen Wirtschaftsboom anstoßen, getragen von gesunder Landwirtschaft und einer starken Mittelklasse. Die Realität sieht anders aus.
Jeder vierte Haushalt hat kein fließendes Wasser. Etwa 60 Prozent der Abwässer werden ungeklärt in die Wüste geleitet. Die Stromversorgung ist selbst in Bagdad zeitweilig auf drei Stunden am Tag zurückgegangen, was jedes normale Geschäftsleben in der Hauptstadt unmöglich machte.
Grund für die Misere ist der politische Stillstand. Die Regierung ist handlungsunfähig, das Parlament hat seit neun Monaten kein neues Gesetz verabschiedet. Hinzu kommen Korruption und Verschwendung. Laut Transparency International ist der Irak eines der fünf korruptesten Länder weltweit. Von den mehr als 50 Milliarden Dollar, die die USA für den Wiederaufbau des Irak zur Verfügung gestellt haben, sind mehr als zehn Prozent verschleudert worden - das ergab eine Prüfung durch ein US-Kontrollgremium. Insgesamt wurden demnach mehr als fünf Milliarden Dollar Steuergelder in Vorhaben investiert, die als überflüssig oder zumindest sehr fragwürdig eingestuft werden. Ein großer Teil des Wiederaufbaugelds sei in die falschen Taschen und Projekte geflossen, kritisiert Christine McNab vom Uno-Entwicklungsprogramm für Irak.
"Der Hunger ist stark"
"Hilf dem Irak, hilf dir selbst!" appelliert ein Plakat am Eingang von Sadr City. Genau das versucht Ali Kamel. Den Glauben, dass sich ein Politiker für ihn einsetzen könnte, hat er längst verloren. Also schleppte er sich unlängst auf seinen wunden Füßen aus Sadr City ins Stadtzentrum, um auf dem Tahrir-Platz zu demonstrieren.
In der kleinen, feuchten Einzimmerwohnung, in der er und seine Frau mit vier Kindern hausen, zeigt er das beschriftete Bettlaken, das er bei dem Protest mit Hilfe seines zehnjährigen Sohnes hochhielt. "Der Hunger ist stark", steht da auf Arabisch und in ungelenkem Englisch. "Mein Problem begann 1990, und ich habe es bis heute nicht lösen können."
1990 war das Jahr, in dem der damals noch gesunde Kamel seine Beschäftigung in Saddam Husseins Armee verlor. Sein Onkel wurde damals hingerichtet, weil er Mitglied der verbotenen islamischen Dawa-Partei war - der Neffe verlor im Zuge der Strafaktion seine Stelle beim Militär.
Beim US-Einmarsch 2003 jubelte Kamel deshalb. Endlich wurde der verhasste Diktator gestürzt. Als 2006 auch noch Nuri al-Maliki, Chef der Dawa-Partei, zum Ministerpräsidentengewählt wurde, hoffte Kamel auf Rehabilitation, auf Wiedergutmachung. "Doch keiner hat mir was gegeben", sagt der 50-Jährige heute. "Keinen Job, keine Hilfe."
Die Politiker kämpfen um Geld für ihre Stämme
Kamels Frau Um Zajad hat Brustkrebs. Seine eigenen Füße sind übersät mit schwärenden Wunden. Beide vermuten, dass das Leitungswasser sie krank gemacht hat. Es stinke nach Fäkalien und nach Chemie, sagen sie. Doch die Kamels können sich kein abgefülltes Wasser leisten.
Dass die beiden Schwerkranken ihren vier Kindern zumindest einmal am Tag etwas zu essen vorsetzen können, verdanken sie ihrem Stamm. Wo jedes andere soziale Netz versagt, sind es diese Verbände von teils bis zu mehreren Millionen weitläufig verwandten Menschen, die als Solidargemeinschaften funktionieren.
Stammesstruktur bedeutet allerdings auch Vetternwirtschaft, die jeden Versuch der Demokratisierung zum Scheitern verurteilt. Die Stämme seien einer der Gründe, warum es mehr als fünf Monate nach der Wahl immer noch keine Regierung gebe, sagt ein europäischer Diplomat in Bagdad. "Die Männer an der Spitze versuchen, so viel Macht an sich zu reißen wie möglich." Denn Macht bedeute Geld, das die Politiker an ihre Anhänger und Stammesbrüder verteilen könnten. "In so einem Klima kann kein Politiker eine Koalition bilden. Der eigene Stamm sähe jeden Kompromiss als Einkommensverlust, und das würde dem Anführer nicht verziehen."
Nicht wenige Iraker sehen die Möglichkeit, dass ein neuer Bürgerkrieg diese Strukturen beseitigen würde. Doch Kamel, trotz seines Elends ein Optimist, glaubt an einen anderen Weg. "Wir brauchen einen Mahatma Gandhi", sagt der Familienvater. "Einen, der das Leiden seines Volkes sieht und beschließt, es friedlich zu beenden."
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Fläche: 434.128 km²
Bevölkerung: 31,672 Mio.
Hauptstadt: Bagdad
Staatsoberhaupt: Dschalal Talabani
Regierungschef: Nuri al-Maliki
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