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Elfenbeinküste: "Ouattara ist genauso blutrünstig wie sein Widersacher"

Angst und Gewalt bestimmen das Leben der Menschen in der Elfenbeinküste, wo ein blutiger Machtkampf tobt. Jens-Uwe Hettmann leitet in Abidjan das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seine Warnung: Selbst wenn es gelingt, den Despoten Gbagbo zu stürzen, wendet sich damit nichts zum Guten.

Abidjan: Brutaler Kampf um die Macht Fotos
AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr Hettmann, der abgewählte Präsident der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, hat sich angeblich in seinem Palast verschanzt, der Machtkampf in der Elfenbeinküste ist eskaliert. Wie ist die Situation in Abidjan?

Hettmann: Ich bin vor einigen Tagen nach Ghana ausgewichen, stehe aber in ständigem Kontakt mit meinen Verwandten und Kollegen in Abidjan. Es liegt eine bleierne Stimmung über der ganzen Stadt, alle haben Angst. Die humanitäre Lage ist extrem angespannt, es gibt kein Bargeld mehr, Banken und Märkte sind geschlossen, die Menschen hungern und haben Durst. Die Wasserversorgung ist gestört. Die medizinische Versorgung ist komplett zusammengebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Toben dort noch Straßenschlachten, in die Zivilisten mit hineingezogen werden?

Hettmann: Im Moment deutlich weniger, auch Plünderungen scheinen abzunehmen. In den vergangenen Wochen lebten die Menschen dagegen in ständiger Angst, auf der Straße erschossen zu werden. Entscheidend spitzte sich die Lage durch den Generalangriff der Ouattara-Leute vergangene Woche zu. Gbagbos junge Schergen horteten immer mehr automatische Waffen, sie sind extrem brutal. Sämtliche Regeln der Zivilisation waren außer Kraft gesetzt. Die Kämpfe konzentrieren sich jetzt auf die letzten Symbole der Macht, die Gbagbo vermeintlich noch unter Kontrolle hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie politisiert ist die Bevölkerung?

Hettmann: Gbagbo und Ouattara haben die Menschen sehr polarisiert, ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass die Bevölkerungsgruppen aufeinander losgehen und es zu einem klassischen Bürgerkrieg kommt. Die Elfenbeinküste ist nicht Ruanda, es geht hier nicht so sehr um ethnische Konflikte, sondern vor allem um den Machtkampf zweier Politiker, die um jeden Preis auf den Präsidentenstuhl wollen, selbst wenn sie dafür bis zu den Knien durch Blut waten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Französische Truppen greifen Gbagbos Palast an, wollen mit aller Macht den Wahlsieger Ouattara stärken - was halten Sie von dem Einsatz?

Hettmann: Das ist eine heikle Frage. Denn hinter dem Engagement der Franzosen stecken offensichtlich auch wirtschaftliche Interessen. Mit Ouattara unterstützen die Franzosen einen Mann, der genauso blutrünstig ist wie Gbagbo.

SPIEGEL ONLINE: Ouattara wird die Elfenbeinküste also nicht befrieden?

Hettmann: Ich halte das für extrem schwierig. Zwar hat Ouattara anders als Gbagbo ökonomischen Sachverstand, weiß, wie man einen Staat effizient organisiert, hat internationale Kontakte und könnte Investoren ins Land holen und deshalb der Elfenbeinküste eine bessere Zukunft bieten als Gbagbo. Aber Ouattara spaltet das Land genauso wie sein Widersacher, er steht ihm in Brutalität in nichts nach.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste er als erstes verändern?

Hettmann: Ouattara hat im Süden des Landes keinerlei Rückhalt. Er müsste dort sehr schnell die Lage der Menschen verbessern, die extrem hohe Arbeitslosigkeit bekämpfen, Schulen eröffnen. Das ist kaum zu schaffen - es droht außerdem die Rebellion der alten Gbagbo-Anhänger. Es gibt eine unkontrollierte Proliferation von Sturmgewehren und Kriegswaffen. Es ist kaum abzusehen, auf welche Weise die Gbagbo-Leute ihre Rachegelüste ausleben könnten.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre die Alternative?

Hettmann: Die konstruktivste Rolle in dem Konflikt haben bislang islamische und christliche Würdenträger gespielt. Sie haben großen Rückhalt in der Bevölkerung und könnten einen nationalen Rat anführen, der das Land wieder zur Ruhe bringt, die Infrastruktur aufbaut. Es gibt außerdem in der Generation der 40- bis 50-Jährigen einige Politiker, darunter der Parlamentspräsident, denen eine Einigung des Landes zuzutrauen wäre, die nicht nur in Machtkategorien denken. Entscheidend ist aber: Gbagbo, Ouattara und Bédié - die Erben des Staatsgründers Houphouet Boigny - müssten sich vollkommen zurückziehen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Signale muss die internationale Gemeinschaft senden?

Hettmann: Ich warne davor, weiter Druck zu machen, dass es möglichst schnell Wahlen geben muss. Wir haben gesehen, was dabei herauskommt. Natürlich wollen die Menschen in der Elfenbeinküste eine demokratische Wahl, aber es sind nicht Wahldaten entscheidend, sondern die Rahmenbedingungen, damit diese Ergebnisse eine Chance auf Erfolg haben. Das wurde bislang von der internationalen Gemeinschaft generell nicht hinreichend berücksichtigt. Mittelfristig - damit meine ich die nächsten vier bis fünf Jahre - darf es in der Elfenbeinküste keine Wahlen geben.

SPIEGEL ONLINE: Wann werden Sie in die Elfenbeinküste zurückkehren?

Hettmann: Im Moment ist nicht daran zu denken. Vermutlich werde ich in Abstimmung mit dem Afrikareferat der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Aufklärungsreise dorthin unternehmen, sobald die Lage dies zulässt. Erst wenn klar ist, ob und wie wir unsere Arbeit wieder aufnehmen können, kann die Frage einer dauerhaften Rückkehr entschieden werden.

Das Interview führte Anna Reimann

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insgesamt 41 Beiträge
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1. weitere Hintergründe zum Konflikt....
nethopper01 08.04.2011
Udo Ulfkotte liefert in seinem Artikel "Tagebuch eines Christen: Hilfe, ich bin entartet!" zusätzliche Aspekte, die kaum bekannt sind. Die Passagen wurden von mir für den Forumsbeitrag gekürzt. Im Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste kämpfen nicht zwei Politiker oder Parteien gegeneinander, sondern zwei Religionen: Muslime gegen Christen. Der von europäischen Regierungen hofierte und unterstützte Herr Alassane Ouattara ist nämlich Muslim und seine muslimischen Kämpfer machen Jagd auf Christen. Nur außerhalb Europas berichten Medien über die barbarischen Christen-Massaker in der Elfenbeinküste und ihre Jagd auf christliche Priester. Im WO Artikel wird behauptet, bei den Präsidentschaftswahlen vom Herbst in der Elfenbeinküste habe der Moslem Ouattara die Macht gewonnen. Die Wahrheit lautet: Auf westlichen Druck wurde Ouattara weltweit als Wahlsieger anerkannt, obwohl starke Zweifel am Wahlergebnis bestehen: Der angebliche Wahlsieg beruht auf durchsichtigen 90-Prozent-Ergebnissen in mehreren Wahlkreisen, die von Ouattara nahestehenden Milizen kontrolliert werden. Wahlbeobachter waren dort nicht zugelassen; eine Neuauszählung der Stimmen, die etwas größere Klarheit hätte bringen können, hat der UN-Generalsekretär auf Druck des Westens ausdrücklich abgelehnt.
2. Das Problem ist ...
ugt 08.04.2011
... Hausgemacht. Europa hat im letzten und vorletzen Jahrhundert die Grenzen gezogen und nach der Kolonialzeit immer noch mit seinen Fingern in der Politik dieser Länder rumgewurstelt. Jeder Irre der Rohrstoffe verkauft hat wurde toleriert und mit Waffen versorgt.
3. Mal ehrlich.....
lemming51 08.04.2011
....auch auf die Gefahr hin, hier gleich zensiert und/oder von den üblichen Aufrechten und zutiefst Betroffenen zerrissen zu werden: ersetzen wir in Afrika nicht jedes Mal einen blutrünstigen Tyrannen gegen einen anderen, noch blutrünstigeren, Tyrannen ??!! Dieser Kontinent ist doch, von Ausnahmen abgesehen, völlig unregierbar geworden.
4. Endlich
senufo 08.04.2011
Zitat von sysopAngst und Gewalt bestimmen das Leben der Menschen in der Elfenbeinküste, wo ein blutiger Machtkampf tobt. Jens-Uwe Hettmann leitet in Abidjan das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seine Warnung: Selbst wenn es gelingt,*den Despoten*Gbagbo zu stürzen, wendet sich damit nichts zum Guten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755598,00.html
Einmal ein Betrag der von Sachkenntnis zeugt. Auch wenn ich der Meinung bin, dass Ouattara weniger Dreck am Stecken hat. Man kann ihm beispielsweise nicht vorwerfen, dass der die nationalistische Karte ausgespielt hat. Dass die Dozos nun die Konten regeln, geht wohl kaum auf seinen Befehl zurück.
5. Nicht gut
panzerknacker51, 08.04.2011
Da die Repräsentanten solcher Organisationen wie Goethe-Institut und Friedrich-Ebert-Stiftung in der Regel überparteilich arbeiten und von daher schon zu Diplomatie verpflichtet sind, lassen die hier getätigten Aussagen keinen Zweifel daran, daß die Lage mehr als ernst ist. Allein die Bemerkung, daß Wahlen, die diese Bezeichnung auch verdienen, wohl nicht in den nächsten fünf Jahren zu erwarten und auch nicht begrüßenswert seien, spricht Bände. Übersetzt bedeutet dieses Interview für mich: Die Lage ist auf absehbare Zeit völlig hoffnungslos.
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Zur Person
Jens-Uwe Hettmann, 56, ist mit Unterbrechungen seit 2001 Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Abidjan. Zuvor arbeitete Hettmann für die SPD-nahe Stiftung in zahlreichen anderen afrikanischen Ländern, darunter in Mali, Senegal, Tansania, Mauritius, Nigeria und Guinea.

Fläche: 322.462 km²

Bevölkerung: 21,295 Mio.

Hauptstadt: Yamoussoukro / Regierungssitz: Abidjan

Staatsoberhaupt:
Alassane Ouattara

Regierungschef:
Daniel Kaban Duncan

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