Elfenbeinküste: Uno fürchtet Jagd auf Gbagbo-Anhänger

Despot Laurent Gbagbo steht unter Arrest, doch der blutige Machtkampf in der Elfenbeinküste geht weiter: Die Vereinten Nationen warnen jetzt vor einer Jagd auf Anhänger des ehemaligen Präsidenten - denn auch die Truppen des neuen Staatschefs Ouattara haben einen zweifelhaften Ruf.

Zerstörter Vorort von Abidjan: Von stabilen Verhältnissen weit entfernt Zur Großansicht
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Zerstörter Vorort von Abidjan: Von stabilen Verhältnissen weit entfernt

New York/Abidjan - Auch nach der spektakulären Festnahme des ivorischen Despoten Laurent Gbagbo bleibt die Lage in der Elfenbeinküste angespannt: Berichten zufolge wagen die Bewohner einiger Stadtviertel der Metropole Abidjan noch immer nicht, ihre Häuser zu verlassen. Am Dienstag schwiegen die Waffen in der wochenlang umkämpften Hafenstadt zwar, doch viele Stadtteile gelten weiter als unsicher. Einem Appell der Uno zufolge ist die Gefahr neuer blutiger Auseinandersetzungen auch nach der Machtübernahme des rechtmäßig gewählten Präsidenten Alassane Ouatarra nicht gebannt.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte am Mittwoch Wahlsieger Ouattara vor einer Verfolgung seiner politischen Gegner. Ouattara müsse dafür sorgen, dass den Anhängern seines Gegenspielers Laurent Gbagbo nichts passiere, sagte ein Uno-Sprecher am Dienstag in New York. Das habe Ban in einem langen Telefongespräch mit Ouattara deutlich gemacht.

Jedes weitere Blutvergießen in dem westafrikanischen Land müsse jetzt verhindert werden, sagte der Uno-Generalsekretär. Ouattaras wichtigste Aufgabe sei es jetzt, das Land zu einen. Allerdings ist auch der neue Präsident umstritten. Nicht nur Gbagbos Sicherheitskräfte sollen Verbrechen begangen haben. Im Westen des Landes wurden nach dem Fund Hunderter Leichen auch Ouattaras Truppen ethnischer Morde bezichtigt.

Von stabilen Verhältnissen kann weiter nicht die Rede sein: Ouattara ist noch immer nicht in den Präsidentenpalast umgezogen, sondern hat sein Hauptquartier weiterhin im Golf Hotel in Abidjan. Dort hat auch die Uno-Mission des westafrikanischen Landes Unoci ihren Sitz.

Gbagbo war am Montag nach einer mehrtägigen Belagerung im Bunker seiner Residenz in Abidjan von den Truppen Ouattaras festgenommen worden. Anschließend wurde der Despot mit seiner Frau ebenfalls in das Golf Hotel gebracht. Nach Angaben der Uno befindet Gbagbo sich noch immer in dem Hotel.

"Land ist zweigeteilt"

Das Lager Gbagbos machte deutlich, dass es die Niederlage nicht akzeptieren werde und warf der französischen Armee, die an der Festnahme Gbagbos maßgeblich beteiligt gewesen sein soll, einen "Staatsstreich" vor. "Wir verurteilen diese Operation, die darauf zielt, Herrn Ouattara mit Gewalt einzusetzen. Sie löst kein Problem, weder das der Legitimität noch das der konstitutionellen Legalität", sagte der Führer der Ivorischen Volksfront, Pascal Affi N'Guessan. Er verlangte die Freilassung Gbagbos und die Eröffnung eines Dialogs. "Das Land ist zweigeteilt. Man kann nicht mit Gewalt die Anhänger Laurent Gbagbos zwingen, Ouattara zu unterstützen."

Die internationalen Bemühungen für einen Wiederaufbau laufen indes auf Hochtouren. US-Präsident Barack Obama sicherte Ouattara in einem Telefonat Unterstützung zu. Die Präsidenten versicherten sich gegenseitig, dass alle etwaigen Gräueltaten aufgeklärt und die Täter zur Verantwortung gezogen werden müssten - egal auf welcher Seite des Konflikts sie gestanden hätten. Sowohl die Vereinten Nationen sowie der Internationale Strafgerichtshof sollten bei Ermittlungen unterstützt werden.

Die Europäische Union unterstützt den Wiederaufbau in der Elfenbeinküste mit 180 Millionen Euro. Mit dem Geld sollen vor allem Medikamente, Wasser und Sanitäreinrichtungen bereitgestellt und die Landwirtschaft unterstützt werden. Zudem würden damit Schulden der Elfenbeinküste bei der Europäischen Investitionsbank beglichen. Die französische Regierung kündigte am Dienstag eine Sonderhilfe in Höhe von 400 Millionen Euro an. Mit dem Geld sollten in einem ersten Schritt die dringendsten Bedürfnisse der Bevölkerung gestillt werden, ließ Wirtschaftsministerin Christine Lagarde mitteilen.

USA diskutierten Gastprofessur Gbagbos

Während des Machtkampfs waren nach Uno-Schätzungen allein in den vergangenen Tagen fast 540 Menschen getötet worden. Mehr als eine Million Menschen sind vor der Gewalt geflohen, vor allem aus Abidjan. Ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) ging von einer weit höheren Dunkelziffer aus.

Das US-Außenministerium bestätigte unterdessen Berichte, nach denen Gbagbo nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 28. November eine Gastprofessur an einer US-Universität angeboten worden sei. Bei Kontakten mit dem "Umfeld des Präsidenten" seien auch Posten diskutiert worden, die Gbagbos akademischen Hintergrund berücksichtigt hätten, sagte Sprecher Mark Toner.

Ein Angebot einer Gastprofessur an ausländische Staatsführer setze jedoch voraus, dass diese sich nicht dem demokratischen Übergang widersetzen. "Der Zug ist abgefahren", kommentierte Toner Gbagbos aktuelle Chancen auf den Posten.

amz/dpa/AFP

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Überraschungscoup: Despot Gbagbo in Gewahrsam

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Fläche: 322.462 km²

Bevölkerung: 19,738 Mio.

Hauptstadt: Yamoussoukro / Regierungssitz: Abidjan

Staatsoberhaupt:
Alassane Ouattara

Regierungschef:
Daniel Kaban Duncan

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