Zum Tod von Elie Wiesel Verstummt

Er war eine der letzten prominenten Stimmen, die den Holocaust überlebt haben. Und bis zuletzt sah Elie Wiesel seine Pflicht darin zu erinnern, zu mahnen - und zu kämpfen. Ein Nachruf.

Elie Wiesel (2011 in New York)
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Elie Wiesel (2011 in New York)

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"Ich sah nur noch den roten Mantel meiner kleinen Schwester, den sie gerade erst geschenkt bekommen hatte."

So erinnerte sich Elie Wiesel vor zehn Jahren in einem SPIEGEL-Interview an die Ankunft in Auschwitz-Birkenau am 22. Mai 1944. Schon nach wenigen Minuten waren alle deportierten jüdischen Familien auseinandergerissen, der 15-jährige Elie und sein Vater konnten sich nicht einmal von der Mutter und den drei Schwestern verabschieden.

Tzipora, seine kleine Schwester, war acht Jahre alt. Sie wurde wenig später von der SS ermordet.

Elie Wiesel hat über seine Erlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz und später in Buchenwald ein Buch geschrieben, sein erstes. Viele Bücher folgten. "Die Nacht zu begraben, Elischa", so lautete zunächst der Titel der deutschen Übersetzung. Auch seine Mutter starb noch in Auschwitz, Elies Vater erlag in Buchenwald den KZ-Strapazen, die beiden älteren Schwestern überlebten.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später stand Elie Wiesel am 27. Januar 2000 vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Er war inzwischen ein hoch dekorierter Autor, Friedensnobelpreisträger und Menschenrechtsaktivist. "Bis zum Ende der Zeiten wird Auschwitz Teil Ihrer Geschichte sein, so wie es Teil der meinigen sein wird", sagte Wiesel. Man hatte ihn eingeladen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Aber Wiesel sagte auch: "Ich glaube nicht an Kollektivschuld." Denn: "Die Kinder der Mörder sind keine Mörder, sondern Kinder."

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So ist Wiesel umgegangen mit seiner und der deutschen Geschichte: Natürlich konnte er keines von beidem vergessen. Ein Leben in Deutschland war für ihn unvorstellbar, aber er hat den Deutschen abgenommen, dass sie andere geworden sind. Jedenfalls die meisten von ihnen. Nur: Die Erinnerung an die deutschen Taten während der Nazi-Herrschaft, an den Mord von Millionen Juden und das Töten von zig Millionen weiteren Menschen, die sah er als beiderseitige Verpflichtung.

"Erinnerung ist die Pflicht von guten Menschen"

Ein knappes Jahrzehnt später war Wiesel wieder in Deutschland, gemeinsam mit US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel besuchte er im Juni 2009 die Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg oberhalb von Weimar. Wiesel war nun schon ein alter Mann, die Erinnerung an die Befreiung des Lagers, seine Befreiung, lag fast 65 Jahre zurück. Aber der Schrecken vergeht nicht. "Erinnerung ist die Pflicht von guten Menschen", sagte Wiesel damals in Richtung seiner Begleiter.

Die Erinnerung hat ihn getrieben, aus dem Holocaust-Überlebenden wurde eine der wichtigsten Holocaust-Stimmen. Und sie hat ihn wohl Zeit seines Lebens zweifeln lassen. Denn Wiesel stammte aus einer jüdisch-orthodoxen Familie, seine Jugend im heute rumänischen Siebenbürgen-Städtchen Sighet war tief religiös. Aber wo war Gott in Auschwitz? Mancher jüdische Überlebende ist vom Glauben abgefallen oder hat endgültig damit gebrochen - Wiesel blieb bei seinem Gott. Es war allerdings keine einfache Beziehung mehr.

Die Stimme Wiesels wurde lauter, je länger er lebte. Vielleicht, weil Wiesel zunächst jahrelang geschwiegen hatte. Erst nach seinem Umzug von Frankreich - wo er nach der Befreiung in Buchenwald studiert und dann als Journalist gearbeitet hatte - in die USA machte sich Wiesel einen Namen, 1978 ernannte ihn der damalige Präsident Jimmy Carter zum Vorsitzenden des Holocaust Memorial Council, das den Boden für das US Holocaust Museum in Washington bereitete.

Wiesel schrieb nun nicht nur immer weitere Bücher und unterrichtete an Universitäten, er mischte sich auch politisch ein: engagierte sich gegen die Apartheid in Südafrika, die Unterdrückung von Indios in Südamerika oder die der Kurden. Mit dem Geld für den Friedensnobelpreis 1986 gründete Wiesel eine Stiftung zum Kampf gegen Ungerechtigkeit und Intoleranz.

Wiesel war zur Not auch für den Krieg

Der Kampf konnte zur Not auch militärischer Natur sein: Wiesel unterstützte den Kosovokrieg der Nato genau wie den Irakkrieg der Regierung von George W. Bush - beides brachte ihm auch harsche Kritik ein. Wiesel hatte aus dem Holocaust die Lehre gezogen, dass Kriege als ultima ratio vertretbar sind: Frieden schaffen mit Waffen. Auch sein vehementer Einsatz für die Interessen Israels sorgte immer wieder für Kontroversen - zuletzt appellierte Wiesel an den US-Kongress, das von Präsident Obama verhandelte Anti-Atom-Abkommen mit Iran zu stoppen.

Und was hat das alles genützt? "Die Welt ist seit dem Holocaust kein besserer Ort geworden", sagte Wiesel 2012 der "Jüdischen Allgemeinen". Und er fragte zurück: "Sagen Sie es mir: Was habe ich schon erreicht?" Viele seiner prominenten Mit-Überlebenden haben sich das gefragt. Dabei ist die Frage doch eine andere: Was hätte die Welt über den Holocaust ohne Wiesel erfahren - und ohne Stimmen wie Primo Levi, Jorge Semprún oder Imre Kertész?

In "Die Nacht" schreibt Wiesel über die Ankunft in Auschwitz: "Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie."

So lange zu leben, ist ihm erspart geblieben. Elie Wiesel starb am Samstag im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in New York City.


Lesen Sie hier ein Interview, das der SPIEGEL 2006 mit Elie Wiesel führte:

70 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz haben ehemalige Häftlinge bei einestages über ihre Erlebnisse berichtet. Auch Elie Wiesel hat seine Geschichte erzählt. Lesen Sie sie hier:

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