Eliot Spitzer im New Yorker Wahlkampf: Der Callgirl-Sünder greift wieder an

Von , New York

Die Affäre Spitzer: Skandal um Schäferstündchen mit "Kristen" Fotos
REUTERS

Er vergnügte sich mit Prostituierten, dass er immer mit schwarzen Socken ins Bett ging, beschäftigte die US-Klatschpresse über Monate: 2008 war die Karriere von New Yorks Gouverneur Eliot Spitzer beendet. Jetzt will er Finanzchef der Stadt werden. Die Demokraten sind entsetzt.

Was denn, ist das wirklich schon mehr als fünf Jahre her? Die Eskapaden auf Hotelzimmer 871, der "Emperors Club VIP" mit seinen 5500-Dollar-pro-Stunde-Callgirls, der "Klient Nr. 9", der beim Sex die schwarzen Socken anbehalten hat: In New York sind die schlüpfrigen Daten der Affäre Eliot Spitzer längst zu geflügelten Worten geworden, die bis heute durch die Klatschspalten geistern.

Der Prostitutionsskandal, der den New Yorker Gouverneur Spitzer 2008 zu Fall brachte, ist purer amerikanischer Polit-Pop. Vor allem dank seines schillernden Charakters: Callgirl Ashley Alexandra Dupré, das als "Playboy"-Model Kurzkarriere machte; Puffmutter Kristin Davis, die von der Haft in die Politik wechselte; "Informant" Kristin Davis, der hauptberuflich die Republikaner beriet.

Und jetzt kommen sie alle wieder. Zumindest hat die New Yorker Boulevardpresse plötzlich eine gute Ausrede, alle Facetten des Falls neu auszuleuchten: "Klient Nr. 9" Spitzer plant sein Comeback - als Kommunalpolitiker.

In einer Kampagne koordinierter Interviews mit Lokalmedien kündigte Spitzer am Montag an, für den Posten des Rechnungsprüfers von New York zu kandidieren - ein eher obskures Verwaltungsamt, das er mit seinem notorischen Aktivismus neu definieren würde. Es wäre ein zweites Leben für den Demokraten, der tief stürzte: Generalstaatsanwalt, "Sheriff der Wall Street", Gouverneur - Sex-Freier.

Die Bestallung des Rechnungsprüfers erfolgt im Rahmen der New Yorker Bürgermeister- und Stadtratswahlen im November. Diese werden so vollends zum Laufsteg reformierter Skandalnudeln: Im Mai stieg auch der demokratische Ex-Kongressabgeordnete Anthony Weiner, der sich 2011 mit Nacktfotos um die nationale Karriere getwittert hatte, ins Kommunalrennen ein - und liegt inzwischen gleichauf mit der eigentlichen Spitzenreiterin, der offen lesbischen Stadtratssprecherin Christine Quinn.

Dass Amerika Sex-Sündenfälle in der Politik schnell verzeiht, ist spätestens seit Bill Clinton bekannt. Auch Mark Sanford, der ehebrechende Ex-Gouverneur von South Carolina, ließ sich nach kurzer Pietätsfrist wieder ins US-Repräsentantenhaus wählen. Aber dass ausgerechnet New York Citys Bürgermeisterwahl nun zum schrillen Jahrmarkt demontierter Eitelkeiten verkommt, irritiert nicht zuletzt das örtliche Establishment.

"Jetzt muss sich nur noch Vito Lopez als Ombudsmann bewerben, und man kann's die Pervers-Partei nennen", zitiert das konservative Boulevardblatt "New York Post" genüsslich einen Rathausfunktionär. Lopez, vormals Demokratenchef in Brooklyn und Abgeordneter im Parlament des Bundestaats New York, wurde kürzlich zu einer Strafe von 330.000 Dollar verurteilt, weil er mindestens vier Mitarbeiterinnen begrabscht und anderweitig sexuell belästigt hatte. Auch er kandidiert jetzt wieder - als Stadtrat.

Die Demokraten in der Metropole distanzieren sich

Kein Wunder, dass sich New Yorks Demokraten panisch von dem unerwünschten Konkurrenten Spitzer distanzieren. Nicht nur Quinn stellte sich prompt erneut hinter den "anderen" Rechnungsprüfer-Aspiranten Scott Stringer, den farblosen Stadtteilpräsidenten Manhattans: Er habe "die höchsten ethischen Standards".

Spitzer, 54, weiß, dass er in diesem Bereich durchfällt. "Ich hoffe auf Vergebung, ich bitte darum", sagte er der "New York Times". In anderen Interviews sprach er von einer "zweiten Chance": "Ich habe das Fehlverhalten zugegeben und schaue nach vorne."

Ob die Wähler da mitziehen, bleibt in diesem Fall aber fraglich. Die letzten Umfragen sprachen klar gegen Spitzer. Er selbst illustrierte seine Zuversicht mit dem einsamen Zuspruch einer fremden Frau im Park: "Nobody is perfect."

Spitzers "Fehlverhalten" war dramatischer als das Weiners, der nur virtuell fremdging. Was auch daraus hervorgeht, dass Spitzer und Ehefrau Silda seit dem Skandal getrennt leben. Zu den neuen Plänen ihres Mannes schweigt Silda Spitzer: Bei telefonischen Anfragen der Lokalzeitungen legte sie kommentarlos auf.

80.000 Dollar in fünf Jahren für leichte Mädchen

Die Details des Falls hallen bis heute nach. Von der filmreifen Location des Mayflower Hotel unweit dem Weißen Haus bis zu Spitzers Gesamtausgaben für Sexdienste - mutmaßlich 80.000 Dollar in sieben Jahren, als Gouverneur und zuvor als Generalstaatsanwalt für den Staat New York.

Der Kontrast hätte kaum krasser sein können: Spitzers Image als Law-and-Order-Pitbull - und seine Techtelmechtel. Es reichte, seinen makellosen Ruf als Jäger reicher Wall-Street-Schurken zu zerstören.

Als Rechnungsprüfer hätte Spitzer wieder eine Bühne, sich zu profilieren: Der "Comptroller" regelt nicht nur den städtischen Haushalt, sondern auch den Rentenfonds - angelegt bei der Wall Street. Die darf sich also erneut fürchten: Der Job sei "reif für eine größere und aufregendere Auslegung der Jurisdiktion", drohte Spitzer bereits. Doch erst einmal muss er bis Donnerstag 3750 Unterschriften sammeln.

Außerdem gibt es da noch eine andere Bewerberin um das Amt - Spitzers damalige Lieblingszuhälterin Kristin Davis. Die kandidiert für die Liberalisten und begrüßte den alten Freund standesgemäß auf Twitter: "Nur zu!"

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Und so was passiert
karl-der-gaul 08.07.2013
im angeblichen puritanischen USA, soll toll werden im wahlkampf.
2.
spon-facebook-10000123096 08.07.2013
Der Mann hat immerhin sein Geld unters Volk gebracht :). Seiner Frau gegenüber ist das natürlich alles andere als fair gewesen und von daher zurecht ein Skandal.
3. Haha,
colognist 08.07.2013
coole Socke... ob er sein (hoffentlich privates) Geld im Puff durch bringt ist mir relativ wurscht, dass er dabei seine Frau hintergangen hat eher nicht. Bleibt die psychologisch orientierte Frage offen, mit welchen Selbstverständnis sich solche Socken im Spiegel betrachten?
4. Wenigstens...
Airkraft 08.07.2013
Wenigstens keine Tennissocken - Absolution erteilt ;-)
5. Sünde?
Pinsel 08.07.2013
"Der Callgirl-Sünder greift wieder an." Mit einem Callgirl zu schlafen ist eine Sünde? Wußte ich gar nicht. In Deutschland zahlen Callgirls jedenfalls Steuern aus dem Gewerbe und ist es insoweit anerkannt.
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