EU-Parlamentarier Brok "Ich hätte noch einmal gewinnen können"

Elmar Brok hört auf: Der dienstälteste EU-Abgeordnete kandidiert im Mai nicht mehr fürs Europaparlament - und verzichtet damit auf eine Kampfabstimmung. Den Rückzug aus der Politik aber plant der CDU-Mann keineswegs.

Elmar Brok
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Elmar Brok

Von , Brüssel


Wie es mit dem Brexit weitergeht, weiß niemand - aber der Broxit steht fest: Elmar Brok macht Schluss. Nach fast 40 Jahren im Europaparlament - und damit als dienstältester der 751 Abgeordneten - tritt der CDU-Politiker im Mai nicht mehr bei der Europawahl an, wie er am Montagmorgen in einer Pressemitteilung erklärte. Seit 1973 sei er in der Europapolitik aktiv, erklärte Brok. "Meine Frau, mit der ich in diesem Jahr 48 Jahre verheiratet bin, und die Kinder haben das getragen und ertragen - sieben Tage in der Woche", so Brok. "Nun soll es gut sein."

Es ist das außergewöhnliche Ende einer außergewöhnlichen Brüsseler Karriere. Seit 1980 gehört Brok dem EU-Parlament an. Er gilt als einer der mächtigsten Strippenzieher in Europas Hauptstadt, pflegte schon zu CDU-Übervater Helmut Kohl ein enges Verhältnis, hat einen guten Draht zu Kanzlerin Angela Merkel und zu Kommissionschef Jean-Claude Juncker.

Im EU-Parlament war er lange Jahre Chef des Auswärtigen Ausschusses, derzeit ist er Mitglied der Brexit-Steuerungsgruppe. Er gehört zu den wenigen deutschen Europapolitikern, die in der Heimat einem breiteren Publikum bekannt sind.

"Ich hätte noch einmal gewinnen können"

Und dann das: Im Januar verliert Brok völlig überraschend seinen Platz auf der Landesliste der NRW-CDU für die Europawahl - an einen gewissen Stefan Berger. Elmar Brok, aufs Altenteil geschickt von Provinzpolitikern?

Der Polit-Veteran legt erkennbar Wert darauf, nicht als einer derjenigen zu erscheinen, die nach vielen Jahren an der Macht den Zeitpunkt des Absprungs verpassen. Sein Rückzug, betont Brok, erfolge freiwillig. Denn endgültig festgezurrt wird die NRW-Liste für die Europawahl erst auf der Landesvertreterversammlung Ende Januar. Dort hätte Brok in die Kampfabstimmung gehen können. "Und ich hatte das sichere Gefühl, noch einmal gewinnen zu können", sagt der 72-Jährige dem SPIEGEL. "Aber jetzt war noch Zeit, die Notbremse zu ziehen."

Er habe schon vor einem Jahr mit dem Gedanken an einen Rückzug gespielt. "Aber dann habe ich mich von vielen überreden lassen, im Moment der Krise nicht von Bord zu gehen", sagt Brok. In den letzten beiden Wochen habe er noch einmal nachgedacht - und am Geburtstag seiner Frau "die Entscheidung getroffen, die ich voriges Jahr schon hätte fällen müssen".

"Da kann einem schlecht werden"

Kommissionschef Juncker hat ein Europaparlament ohne Brok als nicht vorstellbar bezeichnet. Doch nicht alle trauern dem Westfalen nach, der durchaus auch umstritten war. So hat Brok neben seiner Abgeordnetentätigkeit jahrelang das Brüsseler Büro des Bertelsmann-Konzerns geleitet. Der Verfassungsrechtler Hans Herbert von Arnim nannte das ein Beispiel für "legalisierte Korruption". Brok beteuerte, er trenne beide Ämter "messerscharf" voneinander.

Auch Broks Talent für Temperamentsausbrüche ist in Brüssel Legende, nicht zuletzt unter seinen vielen ehemaligen Assistenten. "Wer soll denn jetzt mit Schlüsselbund und Schuhen nach Praktikanten werfen?", twitterte etwa der Satiriker und EU-Abgeordnete Martin Sonneborn über den #Broxit.

Doch Brok hat keineswegs vor, sich völlig aus der Politik zurückzuziehen. "Ich werde mir jetzt keinen Bart und auch keine langen Haare wachsen lassen", sagt Brok. Er sei eben erst neu in die Vorstände der Bundes-CDU und der Europäischen Volkspartei gewählt worden und werde diese Ämter auch nicht aufgeben. "Ich kann mich nun sehr viel fokussierter als bisher um die Außen- und Sicherheitspolitik und Grundsatzfragen der EU-Zukunft kümmern, weil ich nicht mehr auf jedes Schützenfest gehen muss."

Und ganz sicher werde er "nicht als Lobbyist in Brüssel auflaufen". Er finde es ärgerlich, wie sich manche Ex-Politiker von der Wirtschaft oder gar von Regierungen mit fragwürdiger Menschenrechtspolitik anstellen ließen. Brok: "Da kann einem schlecht werden."



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