Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umfrage bei Franzosen und Deutschen: Delikatessen gegen Disziplin

Von , Paris

Die Deutschen? Einflussreich und arrogant. Die Franzosen? Lebenskünstler, aber wirtschaftlich desolat. Eine Doppel-Umfrage zum 50. Jubiläum der Élysée-Verträge zeigt: Die deutsch-französische Beziehung steckt in der Krise.

Austern: Die Deutschen denken vor allem an die Delikatessen aus Frankreich Zur Großansicht
REUTERS

Austern: Die Deutschen denken vor allem an die Delikatessen aus Frankreich

Donnerwetter, was für ein Land: Die Stadt der Liebe mit dem Eiffelturm, Saint-Tropez, Bretagne, Normandie oder Wein, Baguette, Champagner und Camembert - kurz Kultur, Mode, Luxus, Savoir-vivre. Die spontane Antwort der Deutschen über ihre Nachbarn liest sich wie eine Mischung aus Speisekarte und Reiseführer. Frankreich erscheint als Hort pastoraler Regionen und gastronomischer Delikatessen, als beneidenswerte Heimat kultureller Reichtümer, bevölkert von wonnetrunkenen Bonvivants.

Bier, Berlin, Autos, Nazi, Krieg: Das Land der Dichter und Denker löst bei Franzosen vergleichsweise wenig schwärmerische Assoziationen aus, als Inkarnation Deutschlands an der Spitze der spontanen Antworten: Kanzlerin Angela Merkel, 29 Prozent. Und sonst? Wiedervereinigung und Mauerfall, Disziplin, Ordnung, Macht, dazu Kraft, Arbeit, Industrie. Immerhin - auch Begriffe wie deutsche Städte, Wurst und Sauerkraut erscheinen in der Hitliste von zwei Dutzend Eigenschaften auf.

Hier das bukolische Bild Frankreichs, dort der Auftritt einer freudlosen teutonischen Wirtschaftsmacht - Stereotypen, die unter Jugendlichen eher noch weiter verbreitet sind. Der janusköpfige Auftritt der Partnernationen ist das Ergebnis einer Umfrage, die zum 50. Jubiläum der Élysée-Verträge von der Botschaft der Bundesrepublik in Paris in Auftrag gegeben wurde. Die repräsentative Doppelerhebung des Forschungsinstituts ifop unter den Nachbarn bescheinigt Deutschen wie Franzosen zwar eine "beiderseits weitgehend positive Meinung". Doch der Katalog von Klischees und Vorurteilen zeigt verblüffende Unterschiede.

Nach dem "Honeymoon" der Gründerväter Charles de Gaulle und Konrad Adenauer und einem halben Jahrhundert organisierter Völkerfreundschaft zollt ein Drittel der Franzosen den Deutschen überwiegend Respekt; umgekehrt sind es gerade zehn Prozent. Sympathie äußern hingegen 65 Prozent der Deutschen, aber nur 26 Prozent der Franzosen. Schlimmer: Jeder Dritte verspürt Neid, Misstrauen, Ärger, Unverständnis oder gar Angst. Deutsche gelten als arrogant.

Nur in der trauten Rückschau ist die bilaterale heile Welt noch in Ordnung: Die "besonderen Beziehungen", Polit-Mantra auch der jetzt bevorstehenden Jubelfeiern, werden gewürdigt - dabei stehen die ökonomischen Nützlichkeitserwägungen längst im Vordergrund. Geografische Nähe oder gemeinsame Werte? Quantité négligable, soll heißen Nebensache.

Ein Gefühl der Rivalität

Die Wirtschaftskrise hat Spuren hinterlassen, und nach fünf Jahrzehnten zeigt die Beziehung Risse. Zwar hat sich der Eindruck nicht grundlegend geändert, tendenziell ist das Deutschlandbild bei den Franzosen im Aufwind - rein ökonomisch betrachtet. satte 91 Citoyens sind der Meinung, Deutschland habe seinen Platz als "große Industriemacht" erhalten können, 86 Prozent sind überzeugt, Deutschland habe "viele Anstrengungen unternommen, um angesichts der Globalisierung wettbewerbsfähig zu bleiben", es habe sich damit in Europa als "tonangebende Kraft" profiliert - für fast zwei Drittel hat der Nachbar gar Vorbildstatus gewonnen. Gewünscht wird daher von Franzosen mehr Zusammenarbeit bei Arbeitsrecht oder Steuern.

Zugleich hat das Wahlkampfgeklingel vom "deutschen Modell" aber für Überdruss gesorgt. Unter Franzosen hat sich binnen der vergangenen zehn Jahre neben dem Eindruck der Bewunderung auch ein Gefühl von Rivalität verbreitet, mit einem deutlichen Anstieg von sieben auf 18 Prozent. Umgekehrt schauen die Bundesbürger mit wachsender Skepsis auf den Zustand der desolaten Volkswirtschaft im Nachbarland. Als politische und ökonomische Größe ist Frankreich vom Radar der Deutschen verschwunden. Mag ja sein, dass man dort gut leben und essen kann, dass die Regionen ein schönes Reiseziel abgeben - als Modell taugt Frankreich ganz und gar nicht: "Armut und Ungleichheiten haben dort während der vergangen Jahre zugenommen."

Jetzt sind die Franzosen Nachbarn wie alle anderen

Fühlt sich in der Beziehung Paris-Berlin der französische Hedonist vom rackernden Deutschen dominiert? Attribute wie Ernsthaftigkeit, Arbeit, Reichtum und neuerdings auch "internationaler Einfluss" ordnen Franzosen ganz überwiegend den Deutschen zu. Die räumen den Nachbarn im Gegenzug einen Vorsprung beim kulturellen Erbe ein oder bei Wohlfühlkategorien wie Alltag und Geselligkeit.

Dennoch verbirgt sich hinter der deutschen Zuneigung für die französische Lebensart eine deutlich andere Vision der künftigen Zusammenarbeit. Zwar ist das Zweckbündnis für die Zukunft der EU "wichtig", in dem Punkt sind sich alle Befragten einig. Doch schon bei der Frage, ob die viel beschworene Kooperation "zufriedenstellend" sei, klafft die Einschätzung auseinander. Wo 85 Prozent der Deutschen die Beziehung als mehr oder minder "ausgeglichen" werten, sind es unter Franzosen nur 59 Prozent.

Die Kluft könnte sich noch vertiefen, warnt Ifop-Direktor Jérôme Fourquet. Denn wenn Franzosen zur knappen Hälfte die "privilegierte Partnerschaft" verlängern wollen, sieht nur noch einer von fünf Deutschen die Notwendigkeit für einen engen bilateralen Schulterschluss. Das Tandem Paris-Berlin hat für eine Mehrheit der Bundesbürger ausgedient - mit einer dramatischen Zunahme während der vergangenen 24 Monate, von 58 auf 71 Prozent.

Bei aller gefühlten gegenseitigen Sympathie, dem gemeinsamen Aufbau der EU und der Erfolgsgeschichte der Élysée-Verträge - die Sturm- und Drangphase der innigen Beziehung ist Vergangenheit, jetzt ist gleichberechtigte Normalität angesagt. Im politischen Alltag sind die Menschen jenseits des Rheins Nachbarn wie alle anderen EU-Bürger. "Leben wie Gott in Frankreich"? - bitteschön, aber nur während des Urlaubs.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 163 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wer zuletzt lacht.....
bombi_22 14.01.2013
Momentan mag es bei uns im "BRD-Ländle" gut laufen, aber was Kinderbetreuung sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht ist uns la Grande Nation Lichtjahre voraus.
2. Wo wurde denn gefragt ?
erkaem 14.01.2013
Wo fand denn diese Erhebung statt ? In Paris und Berlin, so wie sich das Ergebnis liest. Mich würde interessieren, wie Bürger der Grenzregionen (bspw. Alsace und Baden) übereinander denken und wie sie miteinander umgehen. Ich denke, da kommt ein ganz anderes Deutschland- und Frankreich-Bild heraus.
3. Modell Frankreich ausgedient?
giostamm 14.01.2013
auch wenn Frankreich wie alle Laender in dern letzten Jahren an wirtschaftskraft eingebuesst hat kann von einem Verlust seiner Wichtigkeit nicht die Rede sein. Eine Nation die wesentlich in allen Bereichen immerwieder Trends gesetzt hat und als Beispiel dastand und das seit hunderten von Jahren. Nur weil es jetzt gerade Deutschland ein bischen weniger schlecht geht ( aber so umwerfend toll ist es ja auch nicht oder?) ziehe ich persoenlich Frankreich aber in allen Bereichen vor. Von der politischen und gewachsenen Reife der Demokratie. Im Vergleich steht Deutschland wie ein pubertierender 18 jaehriger da. Und lassen wir die Kultur, von Kueche zu Kunst. Aber auch in den Infrastrukturen des Landes die nicht vergleichbar sind. In Frankreich bleiben die TGVs nicht stecken und die Klimaanlagen versagen auch nicht bei Temperaturen ueber 32 Grad.... Nein der Vergleich lahmt und leider einmal mehr....kaum geht es den Deutschen ein bischen besser als den andern so wird es gleich Hochmut. Die Franzosen ein Nachbar wie die andern? Das sagt doch schon alles wie die Nachbarn angeschaut werden....von oben herab mit Arroganz.....nach der Wahl wird sich das wieder aendern hoffe ich...
4. Nicht nur da
widower+2 14.01.2013
Zitat von bombi_22Momentan mag es bei uns im "BRD-Ländle" gut laufen, aber was Kinderbetreuung sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht ist uns la Grande Nation Lichtjahre voraus.
Die Franzosen lassen sich von ihren Regierenden eben nur eine gewisse Zeit an der Nase herumführen. Dann kracht es. In Deutschland funktioniert die Volksverdummung dauerhaft. Und es passiert nichts. Vive la France!
5. -----
brux 14.01.2013
Bis auf eine kleine Elite pflegt eben niemand diese Beziehung. Zum Jahreswechsel brachte ARTE, immerhin das kulturelle Flaggschiff dieser Beziehung, eine zweisprachige Nachrichtensendung. Diese durfte man dann entweder in franzoesisch oder in deutsch betrachten, einen Originalkanal mit beiden Sprachen gab es nicht, denn wer spricht schon deutsch UND franzoesisch. Fast schon ueberfluessig zu erwaehnen, dass das erste Thema Mali war, was in Deutschland keine Sau interessiert. Es sind diese kleinen Geister, die aus intellektueller Faulheit eine grosse Idee gegen die Wand fahren. Der geistig beschraenkte Kleinbuerger dies- und jenseits der Grenze findet das dann auch noch gut. Ich sehe allerdings die groessere Schuld in Frankreich, wo man die Idee Europas jenseits der deutschen Frage nie begriffen hat und weiterhin auf die Ersatzfranzosen aus den Kolonien setzt, die ja nicht einmal mehr im Fussball zur Glorie der franzoesischen Republik beizutragen vermoegen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

Mehr auf der Themenseite | Frankreich | Frankreich-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: