EM-Boykott: Ukraine warnt Deutschland vor wirtschaftlichen Konsequenzen

Aus Kiew berichtet

Der EM-Streit um Julija Timoschenko droht die Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine dauerhaft zu beschädigen. Das Lager von Präsident Janukowitsch warnt Berlin vor wirtschaftlichen Folgen: "Deutsche Hersteller werden verlieren", sagte Leonid Koschara, Vize-Chef der Regierungspartei, SPIEGEL ONLINE.

Janukowitsch, Merkel (Archivbild): "Persönliche Niederlage" Zur Großansicht
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Janukowitsch, Merkel (Archivbild): "Persönliche Niederlage"

Moskau/Hamburg - Die Führung in Kiew reagiert verärgert auf die immer lauter werdenden Boykott-Drohungen im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft und Forderungen, der inhaftierten Oppositionsführerin Julija Timoschenko eine Behandlung im Ausland zu ermöglichen oder sie freizulassen. "Mir scheint, dass der Fall Timoschenko für einige Politiker im Westen einen sehr persönlichen Charakter trägt", sagte der für Außenpolitik zuständige Vize-Präsident der regierenden Partei der Regionen, Leonid Koschara, SPIEGEL ONLINE. Berlin empfinde das Scheitern der von Timoschenko geführten Orangen Revolution offenbar als "persönliche Niederlage". Deutschland habe das orange Lager immer unterstützt.

Der Konflikt drohe das Klima zwischen der Ukraine und Deutschland nachhaltig zu vergiften, warnte der Partei-Funktionär. Sollten Vereinbarungen wie das derzeit auf Eis liegende EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine am Fall Timoschenko scheitern, würden auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Kiew und Berlin in Mitleidenschaft gezogen. "Ohne Abkommen wird der deutsche Zugang zum ukrainischen Markt begrenzt sein", sagte Koschara. "Deutsche Hersteller werden verlieren."

Der Fußballverband Uefa werde sich dagegen hoffentlich "nicht an dem politischen Gezänk der EU" beteiligen, sagte Koschara. Zuvor war bekannt geworden, dass neben Kommissionspräsident José Manuel Barroso die gesamte EU-Kommission der EM fernbleiben will. Es handle sich "nicht um einen Boykott, sondern um ein Signal, dass man nicht zufrieden ist mit der Art und Weise, wie mit Julija Timoschenko umgegangen wird", erklärte ein EU-Sprecher.

Amnesty International lehnt EM-Boykott ab

Die ehemalige Regierungschefin und Rivalin des amtierenden Präsidenten Wiktor Janukowitsch wurde 2011 zu sieben Jahren Gefängnis wegen Amtsmissbrauchs und Überschreitung von Amtsbefugnissen verurteilt. Timoschenko leidet in Haft unter den schweren Folgen eines Bandscheibenvorfalls, will sich aus Furcht vor einer Vergiftung aber nur von Ärzten ihres Vertrauens behandeln lassen. Mediziner der Berliner Charité hatten eine Behandlung in Deutschland angeboten, der Kreml eine Ausreise Timoschenkos nach Russland in Aussicht gestellt. Die ukrainische Regierung lehnt das bislang ab: Timoschenko habe "verbrecherisch" gehandelt und der Ukraine 2009 "kolossalen Schaden" bei Gasverhandlungen mit Moskau zugefügt, so Vize-Parteichef Leonid Koschara.

Das Außenministerium in Kiew verurteilte den Entschluss der EU-Kommission als "destruktiv", er "verletze die Interessen von Millionen einfacher Ukrainer". Zuvor hatte Ministeriumssprecher Oleg Woloschin der deutschen Regierung "Methoden wie zu Zeiten des Kalten Kriegs" vorgeworfen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International fordert zwar keinen Boykott der Fußball-EM. "Aber Politiker und Sportfunktionäre, die in die Ukraine reisen, müssen die Gelegenheit nutzen, um auf die schweren Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen und von der ukrainischen Regierung einen besseren Menschenrechtsschutz fordern", sagte der Generalsekretär von Amnesty Deutschland, Wolfgang Grenz, "Handelsblatt Online".

Präsident Wiktor Janukowitsch schweigt bislang. Die ukrainische Führung bemüht sich vor allem im Inneren, die Wogen zu glätten. Von einem Boykott könne keine Rede sein, sagte Vizeparteichef Koschara, es handele sich um private Entscheidungen der EU-Beamten.

Mit Material von dpa

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1. tja
DeusExApparat 04.05.2012
Zitat von sysopDer EM-Streit um Julija Timoschenko droht die Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine dauerhaft zu beschädigen. Das Lager von Präsident Janukowitsch warnt Berlin vor wirtschaftlichen Folgen: "Deutsche Hersteller werden verlieren", sagte Leonid Koschera, Vize-Chef der Regierungspartei, SPIEGEL ONLINE. EM-Boykott: Ukraine warnt Deutschland vor wirtschaftlichen Konsequenzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831254,00.html)
LOL sag ich dazu. Dazu das die Ukraine Deutschland droht und dazu das denen erst jetzt einfällt die EM zu boykottieren. Die Ukraine hätte niemals ein Austragungsort sein dürfen. Es ist und bleibt wie viele Länder eine Räuberhöhle
2. optional
Hank Hill 04.05.2012
Die Einmischung von Merkel, Clinton u.a. in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates ist laecherlich. Sie nehmen es Janukowitsch uebel dass er eben Moskau favorisiert und nicht Washington oder Berlin.
3.
herr_lg 04.05.2012
... wenn Deutschland der Zugang zu dem "so wichtigen" ukrainischen Markt verwährt würde. Mal davon abgesehen, dass das nicht passieren würde, wenn juckt's? Soll wir uns etwa davon einschüchtern lassen und jetzt jede Kritik an der Ukraine unterlassen?
4.
pansen 04.05.2012
Zitat von sysopDer EM-Streit um Julija Timoschenko droht die Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine dauerhaft zu beschädigen. Das Lager von Präsident Janukowitsch warnt Berlin vor wirtschaftlichen Folgen: "Deutsche Hersteller werden verlieren", sagte Leonid Koschera, Vize-Chef der Regierungspartei, SPIEGEL ONLINE. EM-Boykott: Ukraine warnt Deutschland vor wirtschaftlichen Konsequenzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831254,00.html)
Vorgestern Ukraine, gestern Gaskraftwerke, mal schauen, was uns morgen einfällt, so spontan...
5. ....
Maya2003 04.05.2012
Zitat von sysopDer EM-Streit um Julija Timoschenko droht die Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine dauerhaft zu beschädigen. Das Lager von Präsident Janukowitsch warnt Berlin vor wirtschaftlichen Folgen: "Deutsche Hersteller werden verlieren", sagte Leonid Koschera, Vize-Chef der Regierungspartei, SPIEGEL ONLINE. EM-Boykott: Ukraine warnt Deutschland vor wirtschaftlichen Konsequenzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831254,00.html)
Deutschland setzt sich für eine Mafiachefin ein und verägert den anderen Mafiaboss. Die Ukraine wird von korrupten Verbrechern regiert seit es sie gibt. Name und Partei spielen keine Rolle. Frau Timoschenko gehört ebenso wie Janukowitsch zu der herrschenden Klasse, Typen mit Gangstermentalität, die schamlos Milliarden ins Ausland geschafft haben. "Regieren" beinhaltet das Recht zur eigenen Bereicherung. Wir sollten uns raushalten und diese "Damen" und "Herren" ihr dreckiges Spielchen alleine austragen lassen. Was die Ukraine ist und wer die Macht hat dürfte der UEFA bereits vor der Vergabe der EM bekannt gewesen sein; aber mit "Geschenken" lassen sich eben Probleme leicht aus dem Weg schaffen. Der Schaden ist angerichtet. Vielleicht lernen die Herren der UEFA ja daraus. Und amm Ende wird Frau Timoschenko ihre Millionen im Westen genießen können.
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