E-Mails von Hillary Clinton "Muss ich das iPad aufladen? Wenn ja, wie?"

Das Tablet streikt, das Internet stockt: Unter den neu freigegebenen E-Mails von Hillary Clinton finden sich kaum skandalöse, dafür umso amüsantere Details. Auch für Deutschland interessierte sich die Ex-Außenministerin sehr.

Von , Washington

Clinton-Email: Neues Gerät, große Probleme
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Clinton-Email: Neues Gerät, große Probleme


Wenn Hillary Clinton der jüngsten Veröffentlichung von 7000 E-Mail-Seiten etwas Positives abgewinnen will, dann vielleicht das: Wirklich brisant ist daran wenig. Ihren Gegnern dürften die Inhalte, die sie in ihrer Zeit als Außenministerin über ihren privaten Server laufen ließ, kaum neues Futter geben.

Unangenehm ist die Freigabe der Schriftwechsel für die Demokratin aber sehr wohl. Die E-Mails erlauben schließlich seltene Einblicke in die Art und Weise, wie in der amerikanischen Spitzenpolitik kommuniziert wird. Sie zeigen, wofür Clinton sich interessierte, mit wem sie sich umgab und wie sie an technischen Herausforderungen verzweifelte. Clinton die Ministerin, Clinton der Mensch.

Besonders auffällig: Im Außenministerium pflegte man zuweilen einen lockeren Austausch. Dies galt auch für die Chefin höchstpersönlich. Nach einem Besuch Clintons in Paris schickte ihr eine Vertraute am 29. Januar 2010 ein Foto zu, das die Außenministerin vorteilhaft auf der Titelseite der "International Herald Tribune" zeigt. "Danke", antwortete Clinton. "Aber hast du die Fotos gesehen, als mir der Schuh auf der obersten Treppenstufe des Élysée abfällt, kurz bevor Sarkozy mich begrüßt? Sehr lustig - ich bringe sie dir mit."

Clinton E-Mail über Schuh-Fauxpas
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Clinton E-Mail über Schuh-Fauxpas

Ein paar Monate später durfte sich die Ministerin über ein neues Spielzeug freuen. "Dein iPad ist angekommen", schrieb ihr ihre Vertraute Huma Abedin. Clinton war beglückt: "Das sind aufregende Neuigkeiten - kannst du mir vielleicht auf dem Flug nach Kiew nächste Woche zeigen, wie das geht?"

Ganz so einfach gestaltete sich die Angelegenheit aber leider nicht. Rund einen Monat später hatte Clinton offenbar noch immer große Schwierigkeiten in der Handhabung des iPad. Ihr Nachrichtenticker aktualisierte nicht, sie verzweifelte an dem neuen Gerät: "Muss ich es aufladen? Wenn ja, wie? Ich habe kein Kabel", schrieb sie unter ihrem Secret-Service-Codenamen "Evergreen" an einen ihrer Mitarbeiter. Der antwortete gelassen. Sie müsse sich nur mit dem WLAN verbinden, dann aktualisiere sich auch der Nachrichtenticker. Was nett gemeint war, stellte sich als neues Problem dar. "Ich weiß nicht, ob ich WLAN habe. Wie finde ich das raus?" Der Mitarbeiter versprach, sich anderntags darum zu kümmern.

Clinton hatte Schwierigkeiten mit ihrem iPad
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Clinton hatte Schwierigkeiten mit ihrem iPad

Mächtig Spaß hatte man im State Department dagegen am 30. Dezember 2010. Die Washington Post hatte gerade einen Artikel über einen Bankräuber veröffentlicht, der bei seiner Tat eine Hillary-Clinton-Maske trug. Die Büroleiterin der Ministerin streute den Text per E-Mail. "Sollte ich mich geschmeichelt fühlen? Wenigstens ein kleines bisschen?", schrieb Clinton in die Runde. "Glaubt ihr, es könnte Trittbrettfahrer geben? Glaubt ihr, der Typ hat die Maske bewusst ausgesucht oder einfach genommen, weil sie gerade griffbereit war? Haltet mich auf dem Laufenden."

Natürlich gab es in jenen Jahren auch jede Menge unangenehme Situationen. Die WikiLeaks-Affäre war für Clinton und die US-Außenpolitik damals eine riesige Blamage. Hunderttausende, teils geheime Depeschen wurden öffentlich, und alle Welt konnte lesen, wie die Vereinigten Staaten Freunde und Feinde wirklich sehen. Im Außenministerium richtete man sich auf stürmische Zeiten ein. Am 28. November 2010, als internationale Medien, darunter der SPIEGEL, erstmals über die Depeschen berichteten, kursierte mittags in Clintons engstem Zirkel ein SPIEGEL-ONLINE-Artikel über den WikiLeaks-Fall. "Es geht jetzt also los", heißt es in der E-Mail. "Hauptsächlich in Deutschland..."

Clintons engster Zirkel streut SPIEGEL-ONLINE-Artikel zur Wikileaks-Affäre
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Clintons engster Zirkel streut SPIEGEL-ONLINE-Artikel zur Wikileaks-Affäre

Überhaupt, Deutschland. Clinton interessierte sich durchaus für Dinge, die im Berliner Regierungsviertel passierten. Die Opel-Krise, Merkels Haltung in der Griechenlanddebatte, neue Leute im Kabinett, kaum etwas ging an ihr vorbei. "Bitte ausdrucken und mir nach Hause liefern lassen", schickte sie an einen Mitarbeiter, als ihr im November 2009 ein Artikel über Deutschlands neue Rolle in Europa empfohlen wurde.

Clinton ließ sich E-Mails und Vermerke regelmäßig Ausdrucken
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Clinton ließ sich E-Mails und Vermerke regelmäßig Ausdrucken

Ihr enger Freund Sidney Blumenthal, der ihr über so ziemlich alles, was auf der Welt passierte, Vermerke erstellte, half ihr auch in Sachen Deutschland. Im Herbst 2009, als in Berlin die Große Koalition durch ein schwarz-gelbes Bündnis abgelöst worden war und auch im Außenministerium ein Wechsel erfolgte, stand man im State Department vor der Frage: Wer ist denn eigentlich dieser Guido Westerwelle?

Glücklicherweise hatte sich Clinton-Freund Blumenthal kurz nach der Wahl mit Wolfgang Ischinger getroffen, dem Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Und Ischinger wusste einiges über Westerwelle zu erzählen.

Der Freidemokrat spreche fließend Englisch und sei nicht ansatzweise ein Konservativer, gab Blumenthal die Einschätzung des Deutschen in einem Vermerk an Clinton vom 8. November 2009 wieder. "Er ist kein Kumpeltyp, der anderen auf die Schulter klopft", schreibt Blumenthal. "Es braucht Zeit, mit ihm ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen." Ischinger hatte aber offenbar auch eine gute Nachricht parat. Westerwelle wolle die Führungsebene seines Hauses mit überzeugten Transatlantikern besetzen.

"Unter ihm", zitiert Blumenthal seinen Bekannten Ischinger, "wird es einfacher, mit dem deutschen Außenministerium zu arbeiten, als mit Steinmeier."

Zum Autor
Veit Medick ist seit Februar 2009 Politikredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE und seit August 2015 Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit_Medick@spiegel.de

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