Anwalt kämpft pro bono für Flüchtlinge Der gute Mensch von Lesbos

Die Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos darben - weil die EU-Politik versagt. Als einer von wenigen versucht Anwalt Emmanuel Chatzihalkias, ihr Recht durchzusetzen. Es ist ein einsamer Kampf.

Emmanuel Chatzihalkias
Alexandros Avramidis

Emmanuel Chatzihalkias

Aus Lesbos berichten und


Emmanuel Chatzihalkias hat an die Europäische Union geglaubt, an ihre Institutionen, an ihre Mission. Er hat als Jurist einige Jahre für die EU-Kommission und das Europäische Parlament in Brüssel gearbeitet. Nun fragt er sich, ob das ein Fehler war.

Chatzihalkias sitzt in einem Café im Hafen von Mytilini, der größten Stadt der griechischen Insel Lesbos. Er blickt auf das Meer, über das auch heute noch jeden Tag Menschen aus der Türkei nach Europa fliehen. "Wenn du auf Lesbos lebst, ist es schwer, den Glauben an Europa nicht zu verlieren", sagt er.

Der 52-Jährige hat als Wirtschaftsanwalt viel Geld verdient. Inzwischen jedoch ruht diese Arbeit weitgehend und Chatzihalkias setzt sich hauptberuflich für Geflüchtete auf Lesbos ein. Fast 200 Anwälte sind auf der Insel registriert, Chatzihalkias ist einer von ganz wenigen, der Asylsuchende als Mandaten akzeptiert - meist gegen ein geringes oder gar kein Honorar.

Die EU preist das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos als Erfolgsmodell: Griechische Behörden sollten hier, im Zuge des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei, das die Europäer im April 2016 mit der Türkei geschlossen haben, innerhalb von Tagen über Asylgesuche entscheiden. Bewerber, denen Schutz in Europa zustehe, würden auf die EU-Staaten verteilt, alle anderen in die Türkei zurückgeschickt. So der Plan.

Doch der Prozess ist zum Erliegen gekommen, bevor er begonnen hat. Die Behörden sind überfordert. Manche Migranten warten seit mehr als zwei Jahren auf ihren Bescheid. Nur ein Bruchteil der Schutzsuchenden wurde in die Türkei zurückgeschickt, ebenso wenige in Europa umverteilt, da sich die meisten Staaten weigern, Flüchtlinge aufzunehmen. Im Camp Moria, das für 2230 Personen ausgerichtet ist, hausen gegenwärtig fast 9000 Migranten. Die Bedingungen sind derart katastrophal, dass die Behörden das Lager Ende September teilweise evakuiert haben.

Flüchtlinge auf Lesbos

Anwalt Chatzihalkias hat einen Flüchtling aus Pakistan vertreten, der trotz eines Herzfehlers nicht behandelt wurde, weil das Krankenhaus auf Lesbos überlastet ist. Er erzählt von Familien, die auseinandergerissen wurden und von Kindern, die im Camp Selbstmordversuche begingen. Eine Gruppe von Migranten aus Kamerun sei direkt nach der Ankunft auf Lesbos in Abschiebehaft gesperrt worden - ohne auch nur von einem Asylbeamten angehört worden zu sein. Die Männer verbrächten nun 22 Stunden am Tag in einer Zelle, dürften nur für zwei Stunden auf den Hof und ihre Handys nur am Wochenende benutzen. "Auf Lesbos wird bestehendes Recht jeden Tag aufs Neue außer Kraft gesetzt", sagt Chatzihalkias.

"Ich möchte nur das Recht durchsetzen für Menschen, die keine Lobby haben"

Mindestens zwei Mal die Woche besucht Chatzihalkias Moria. Er fährt über eine kurvige Landstraße von Mytilini aus durch Olivenhaine bis zu dem Camp, das mit seiner Betonmauer und dem Stacheldraht an ein Gefangenenlager erinnert. Abwasser fließt über die Straße, es riecht nach Urin. Menschen drängeln sich in überfüllten Containern. Im offiziellen Lager ist längst kein Platz mehr, weshalb Hunderte Flüchtlinge ihre Zelte in einem Olivenhain nebenan aufgeschlagen haben. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" berichtet, dass in dem Camp immer wieder Krankheiten ausbrächen. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, mit denen MSF-Mitarbeiter im Frühjahr Therapiegespräche führten, habe darüber nachgedacht oder versucht, sich umzubringen.

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Flüchtlinge auf der Insel Lesbos: Camp Chaos

Chatzihalkias ist in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen. Seine Großeltern kamen einst selbst als Flüchtlinge aus der Türkei nach Lesbos, der Vater baute eine Supermarktkette auf. Die Familiengeschichte prägt ihn bis heute. Chatzihalkias sieht nicht aus wie ein Aktivist. Er trägt Anzug, geföhntes Haar, Sonnenbrille. "Ich bin kein Utopist", sagt er. "Ich möchte nur das Recht durchsetzen für Menschen, die keine Lobby haben."

Auf der Insel wird er angefeindet - im Lager gefeiert

Längst kennt Chatzihalkias keine Feierabende und keine Wochenenden mehr. Er hat etwa 400 Fälle betreut. Für sein Engagement wird Chatzihalkias von manchen Bewohnern auf Lesbos angefeindet. Sie fragen ihn, warum er sich für die "Invasoren" stark mache und ob er wolle, dass die Insel muslimisch werde.

Unter den Flüchtlingen in Moria wird Chatzihalkias hingegen verehrt. Wenn er durch das Lager läuft, kommen Männer und Frauen auf ihn zu, um ihm die Hand zu schütteln. Mandanten reichen seine Nummer weiter.

Der EU-Türkei-Deal habe Lesbos in ein Gefängnis für Flüchtlinge verwandelt, kritisiert Chatzihalkias. Er selbst könne daran nichts ändern. "Ich kann nur die gröbsten Ungerechtigkeiten bekämpfen." Chatzihalkias ist davon überzeugt, dass die Europäer mehr Verantwortung für Schutzsuchende übernehmen müssen. "Ihr Deutschen glaubt, die Flüchtlingskrise sei vorbei", sagt er. "Wir hier auf Lesbos sind nach wie vor jeden Tag mit ihr konfrontiert."



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