Frankreichs Aufarbeitung des Algerienkrieges Der Kniefall des Emmanuel Macron

Kanzlerin Merkel ehrt in Algerien die Unabhängigkeitskämpfer gegen Frankreich - gleichzeitig erkennt Präsident Macron französische Kriegsverbrechen an. Das könnte Europas Afrikapolitik verändern.

Emmanuel Macron mit Michèle Audin, der Tochter des Folteropfers
AFP

Emmanuel Macron mit Michèle Audin, der Tochter des Folteropfers

Von , Paris


Für eine deutsche Kanzlerin war es eine selbstverständliche Geste: Angela Merkel legte am Montag bei ihrem Besuch in der algerischen Hauptstadt Algier einen Kranz am Denkmal der Toten des Unabhängigkeitskrieges nieder. Das gehört sich für einen westlichen Staatsgast in Algerien so. Schließlich hatte schon der amerikanische Präsident John F. Kennedy die algerischen Unabhängigkeitskämpfer in ihrem Freiheitsdrang gegen Frankreich unterstützt.

Bisher aber hätte man beim wichtigsten deutschen Verbündeten in Paris über Merkels Geste offiziell den Kopf geschüttelt. Schließlich kämpften die französischen Kolonialherren von 1954 bis 1962 einen blutigen Krieg gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung. Tausende Franzosen und Algerier starben. Für viele ist der Algerienkrieg noch heute eine nur mühsam verheilte Wunde ihres Lebens. Denn eine breite Vergangenheitsaufarbeitung fand bezüglich des Algerienkrieges in Frankreich nie statt. In den staatlichen französischen Schulen wird das Thema bis heute eher nebenbei unter dem Oberthema Kolonialismus unterrichtet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Denkmal der Toten des Unabhängigkeitskampfes in Algier
DPA

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Denkmal der Toten des Unabhängigkeitskampfes in Algier

Vergangene Woche aber wagte es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron als erster französischer Regierungschef, die bislang nie eingestandenen Verbrechen seines Landes während des Algerienkriegs beim Namen zu nennen.

Macron besuchte am Donnerstag Josette Audin, die 87-jährige Witwe eines französischen Folteropfers in Algerien. Der Mathematiker Maurice Audin hatte sich in den Fünfzigerjahren als junger Kommunist dem Widerstand gegen das Kolonialregime angeschlossen. Dafür wurde er 1957 in Algier von französischen Soldaten zu Tode gefoltert. "Es war an der Zeit, dass die französische Nation sich der Wahrheit stellt", hieß es in einer offiziellen Verlautbarung des Elysée-Palasts.

Macron hatte vorher in einem öffentlichen Brief an die Witwe Audin nicht nur den Einzelfall, sondern ein "legales System, das die Folter ermöglichte", angeprangert. Zugleich rief er alle Franzosen zur "Gedächtnisarbeit" bezüglich Folter und Verbrechen im Algerienkrieg auf. "Die Anerkennung heilt nicht, aber sie kann symbolisch diejenigen erleichtern, die noch immer unter dem Gewicht der Vergangenheit leiden", schrieb Macron.

"Seit 60 Jahren darauf gewartet"

Die Reaktionen in Algerien ließen nicht lange auf sich warten. "Ich kann meine Tränen kaum zurückhalten. Ich habe darauf seit 60 Jahren gewartet. Vielleicht kann ich jetzt endlich mit der Trauerarbeit beginnen", sagte die 82-jährige ehemalige algerische Widerstandskämpferin Louisette Ighilahriz in Algier dem französischen Radiosender RFI. Ighilahriz wurde nach eigenen Angaben am 1. Oktober und 16. Dezember 1957 von der französischen Armee gefoltert und vergewaltigt.

Folteropfer Maurice Audin (Aufnahme von 1950)
AFP/ STF

Folteropfer Maurice Audin (Aufnahme von 1950)

Auch die algerische Regierung und die von ihr weitgehend kontrollierten Medien reagierten positiv: "Endlich erkennt Frankreich seine Verantwortung für die vergangenen Staatsverbrechen an", schrieb die führende algerische Zeitung "El Watan" und betonte, dass das französische Folteropfer Audin längst zum Symbol aller Folteropfer, auch der algerischen, geworden sei. Der zuständige algerische Minister für die Kriegsopfer, Tayeb Zitouri, sprach von einem "lobenswerten Schritt nach vorn", der auch die zukünftige Archivarbeit verstärken werde. Macron hatte zuvor die Franzosen aufgerufen, Zeugnisse und Dokumente des Krieges an das französische Nationalarchiv weiterzugeben.

Was nach einer rein französisch-algerischen Angelegenheit aussieht, ist jedoch auch für die Afrika-Politik der deutschen Kanzlerin von Bedeutung. Denn so wie Macron dafür eintritt, dass es keine französische Afrika-Politik mehr gäbe, sondern nur noch eine europäische, so warb am Montag auch Merkel für mehr Verständnis für die europäische Flüchtlingspolitik in Algerien. Bisher aber war es gerade von algerischer Seite üblich, Europa auseinanderzudividieren, indem man die deutsche Vergangenheitsaufarbeitung lobte, nur um damit die französische bloßzustellen.

Zwar sagte ein Sprecher des Bundespresseamts dem SPIEGEL, dass Merkel und ihre algerischen Gesprächspartner am Montag die französischen Gesten nicht erwähnten. Doch gibt es kaum Zweifel, dass sich Deutschland und Frankreich, was die Aufarbeitung der Kriege des 20. Jahrhunderts betrifft, aus Sicht vieler Nordafrikaner in den letzten Tagen ein großes Stück nähergekommen sind.

Anmerkung der Redaktion: Macron besuchte am Donnerstag Josette Audin, die 87-jährige Witwe eines französischen Folteropfers in Algerien. In einer früheren Version wurde die Witwe als Michèle Audin bezeichnet. Das ist aber der Vorname der Tochter. Wir haben den Fehler korrigiert.



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Emanzipation 18.09.2018
1. Zeit wurde es
Ich lebe in Frankreich, bin Deutscher. Und sehe seit Jahrzehnten, wie man in Frankreich zu sagen pflegt: "Il faut toujours lutter contre l'oubli": Man muss immer (!) gegen das Vergessen kämpfen. Die Franzosen zitieren diesen Satz seit jeher, wenn es um den Holocaust geht. Wenn es um ihre eigenen Verbrechen geht, im Rahmen des Kolonialismus allerdings, dann: aber nein! Der Algerienkrieg war gar kein Krieg, das war doch ganz anders, und in Indochina haben wir doch viel Gutes gebracht - das Brot (baguette), Verwaltungsorganisation, und und und - alles andere ist undankbar. Grausamkeiten? Nie und nimmer. Es ist langsam an der Zeit, dass das französische Selbstverständnis sich um historische Wahrheit und Objektivität bemüht: in ihrem Verhalten während der deutschen Besatzung (beileibe nicht jeder gehörte zur Resistance), im Holocaust (viele französische Offizielle haben Juden an die deutschen Nazischergen ausgeliefert) wie auch als brutale Kolonialmacht (im Krieg nicht geglänzt, aber als Kolonialmacht nach dem Krieg fleissig weiter unterdrückt; es scheint dass Ho Chi Minh als junger Mann während seines Aufenthalts in Frankreich sehr erstaunt war, wie freundlich Franzosen duchaus sein können!). Gut so, Macron! Es wurde auch langsam Zeit. Wach auf, Frankreich! Ich werde jetzt das Aufstöhnen der vielen Ewiggestrigen in Frankreich hören. Kürzlich habe ich tatsächlich einen französischen Exberufssoldaten im Ausland kennengelernt, der sogar empört seine französische Staatsangehörigkeit weggegeben hatte, als Frankreich Algerien die Souveränität gab... Bin gespannt, was das Land jetzt sagt.
geando 18.09.2018
2. Natürlich ist das schwer
Viele französische Wehrpflichtige mussten seinerzeit in Indochina und Algerien den Kopf hinhalten für die (auch nach der Erfahrung deutscher Besatzung) immer noch grossen kolonialen Ambitionen der französischen Nation. Viele dieser Leute leben noch und halten die Erinnerung in der Gesellschaft und den Familien wach. Damals hat der Staat von ihnen verlangt sich zu opfern und zu töten und nun soll ein Kniefall vollzogen werden? Das empfinden viele in den konservativ-elitären Kreisen als Verrat an denen die sich opferten. Das ist natürlich schwer. Daher muss eine Erinnerungswende behutsam und respektvoll erfolgen. Eine 180° Wende, die die Helden von einst zu Tätern erklärt, macht sicher keinen Sinn und treibt noch mehr enttäuschte zum Front national.
mandelkow 19.09.2018
3. Erinnerungskultur!
Zitat von EmanzipationIch lebe in Frankreich, bin Deutscher. Und sehe seit Jahrzehnten, wie man in Frankreich zu sagen pflegt: "Il faut toujours lutter contre l'oubli": Man muss immer (!) gegen das Vergessen kämpfen. Die Franzosen zitieren diesen Satz seit jeher, wenn es um den Holocaust geht. Wenn es um ihre eigenen Verbrechen geht, im Rahmen des Kolonialismus allerdings, dann: aber nein! Der Algerienkrieg war gar kein Krieg, das war doch ganz anders, und in Indochina haben wir doch viel Gutes gebracht - das Brot (baguette), Verwaltungsorganisation, und und und - alles andere ist undankbar. Grausamkeiten? Nie und nimmer. Es ist langsam an der Zeit, dass das französische Selbstverständnis sich um historische Wahrheit und Objektivität bemüht: in ihrem Verhalten während der deutschen Besatzung (beileibe nicht jeder gehörte zur Resistance), im Holocaust (viele französische Offizielle haben Juden an die deutschen Nazischergen ausgeliefert) wie auch als brutale Kolonialmacht (im Krieg nicht geglänzt, aber als Kolonialmacht nach dem Krieg fleissig weiter unterdrückt; es scheint dass Ho Chi Minh als junger Mann während seines Aufenthalts in Frankreich sehr erstaunt war, wie freundlich Franzosen duchaus sein können!). Gut so, Macron! Es wurde auch langsam Zeit. Wach auf, Frankreich! Ich werde jetzt das Aufstöhnen der vielen Ewiggestrigen in Frankreich hören. Kürzlich habe ich tatsächlich einen französischen Exberufssoldaten im Ausland kennengelernt, der sogar empört seine französische Staatsangehörigkeit weggegeben hatte, als Frankreich Algerien die Souveränität gab... Bin gespannt, was das Land jetzt sagt.
Ich lebe in Frankreich und bin sowohl Deutscher als auch Franzose. Ich finde es bedauernswert, dass die Geste Macrons zum Anlass genommen wird, der moralischen Überlegenheit der Deutschen das Wort zu reden, wo doch Erinnerungskultur jenseits des Rheins (in Deutschland also) Jahrzente bedurfte, um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Abgesehen davon werden in der französischen Öffentlichkeit die Greueltaten der OAS und der französischen Armee seit jeher angeprangert.
spätaufsteher 19.09.2018
4. kleinere Brötchen, SPON!
Herrn Macrons Vorstoß ist sicherlich lobenswert, der Bezug zu Deutschland bleibt aber schon ziemlich blaß. Gerade bei Aussagen wie "Das könnte Europas Afrika-Politik verändern." darf SPON gerne kleinere Brötchen backen. Algerien ist nicht Afrika, und was machen deutsche Soldaten gerade in Mali...? Was war doch noch gleich...? Meine Erinnungsschwäche liegt vielleicht daran, dass SPON wie auch ein Großteil der restlichen deutschen Medien über den Krieg in Mali ziemlich wenig berichten... und von kritisch war da noch gar nicht die Sprache. Tipp: Charlotte Wiedemann könnte bestimmt mal einen Gastbeitrag beisteuern.
koch-51 19.09.2018
5. Ein Erklärungsversuch
Das Kernproblem Frankreichs bestand darin, dass Algerien bis 1962 juristisch integraler Bestandteil der Republik war, keine Kolonie, also in etwa den gleichen Rechtsstatus besaß, wie heute noch Korsika. Zudem lebten bis 1962 in Algerien neben 8 - 9 Millionen Arabern und Berbern 1,1 Millionen Algerienfranzosen, die sogenannten "Pieds Noirs" und das z.T. in der fünften Generation. Diese mussten alle mit der Unabhängigkeit 1962 das Land verlassen und bildeten in Frankreich einen starken innenpolitischen Faktor. Diese sterben jetzt weg, genau wie eine Politikergeneration, die stark in die Verbrechen der französischen Armee verstrickt war. Francois Mitterand war als Innenminister damals direkt in die Verbrechen involviert. Zudem gab und gibt es das uns Deutschen wohlbekannte Aufrechnen. So wurde immer wieder an die Verbrechen der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN erinnert, die es natürlich auch gab. So wurden z.B. fünf Tage nach der Unabhängigkeit in Oran ca. 3000 Pieds Noirs ermordet, um die anderen "zum Laufen" zu bringen. Alle diese Faktoren verlieren mit dem Wegsterben der Erlebnisgeneration ihre politische Bedeutung, sodass Macron sich heute seine noble Geste politisch leisten kann. Ich möchte mit dieser Hintergrundinformation eine kleine Ergänzung zu dem sehr guten und informativen Bericht beisteuern
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