Präsidentschaftswahl Frankreich verliebt sich gerade in diesen Mann

Er ist jung, smart, ehrgeizig - Wirtschaftsminister Macron ist Frankreichs neuer politischer Superstar. Nun wird er Hollandes größter Rivale im Kampf um die Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2017.

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Von , Paris


Es gibt nicht viel, was er nicht kann. Emmanuel Macron , das muss man ihm lassen, kann sehr vieles sehr gut. Klavierspielen zum Beispiel. "Mozart" wurde er im Élysée genannt, als er dort noch schlicht Berater des Präsidenten war. Er war so talentiert, er hätte auch Pianist werden können, erzählen die, die ihn unterrichteten.

Emmanuel Macron, 38, ist nicht Pianist geworden, aber Wunderkind ist er geblieben. Er verkörpert eine Ausnahmeerscheinung in der französischen Politik, in der sich - quasi seit Jahrzehnten - die gleichen Gesichter, die gleichen Namen, den gleichen Lebensläufen abwechseln. Macron kann sehr charmant sein, sympathisch ist er sowieso.

Es ist nicht einmal zwei Jahre her, dass François Hollande ihn zu seinem Wirtschaftsminister berief. Ein Überraschungscoup. Mittlerweile ist Macron der wahrscheinlich größte Rivale des Präsidenten im Kampf um die Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 2017: Aus Hollandes Schützling wurde sein Herausforderer. Ein Rivale in den eigenen Reihen, denn Macron sitzt nach wie vor als Wirtschaftsminister im Kabinett.

Video: Emmanuel Macron - der neue Liebling der Franzosen

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Niemand dürfte ernsthaft geglaubt haben, dass das grandiose Scheitern der präsidentiellen Pechmarie Hollande auch dem Goldkind Emmanuel Macron anhaften würde. Zu kometenhaft war sein Aufstieg vom Investmentbanker bei Rothschild zum Regierungsmitglied. Und wie aus einer anderen Welt scheinen auch seine stets steigenden Beliebtheitswerte - eine krasse Ausnahme in Zeiten nationalen Unmuts.

Mittlerweile glauben 38 Prozent der Franzosen (laut einer Umfrage von Vivavoice vom 21. April, durchgeführt für die Zeitung Libération), dass Macron einen guten Staatschef abgeben würde; François Hollande hingegen liegt bei nie dagewesenen 11 Prozent. Seit vier Jahren an der Macht, stellt der Präsident quasi wöchentlich einen neuen Negativrekord auf. Hollande würde laut Umfragen in einer möglichen Stichwahl sogar gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen verlieren. Macron dagegen liegt deutlich vor ihr und auch vor Ex-Präsident Nicolas Sarkozy .

Vor drei Wochen dann hatte Macron genug von der Tristesse in der Umgebung des Präsidenten. In seiner Heimatstadt Amiens rief er seine eigene Bewegung aus. Ihr Name: "En Marche". Für den Fall, dass man François Hollande wirklich mit Caesar vergleichen wollte, käme Macron nun die Rolle des Brutus zu. Fest steht, er meint es ernst mit "En Marche" - wohl nicht rein zufällig stecken seine Initialen im Namen.

Seither wird in und außerhalb der Regierung zunehmend bestürzt gefragt, warum um Himmels Willen der Präsident seinem Widersacher das Placet erteilt hatte, ihn zu erledigen. Da verkündete Macron kurzerhand: Hätte Hollande seinem Vorhaben nicht zugestimmt, wäre er zurückgetreten. Macron ist kein Mitglied der sozialistischen Partei mehr - und ließ wissen, dass er Hollande zu nichts verpflichtet sei.

Frankreich: "Wie Kuba, nur ohne Sonne"

Zwar ist Macron der beliebteste Minister in der Regierung von Premier Manuel Valls , aber dem linken Flügel der Sozialisten ist er verhasst. Schuld daran sind seine präzise gesetzten Spitzen gegen den Regierungsstil von Hollande und Premierminister Manuel Valls.

Zum Beispiel greift Macron immer wieder die sakrosankte 35-Stunden Woche an, er übt Kritik am überprivilegierten französischen Beamtenstatus - und fordert die Jugend auf, "Lust zu haben, Milliardär zu werden".

In seiner höflichen Art spießt er ein ums andere Mal die Glaubenssätze der französischen Linken auf, am liebsten vor ihm geneigtem Publikum, wie zum Beispiel beim Kongress des Arbeitgeberverbands. Dort bezichtigte er die Linke, sie sei tatsächlich überzeugt davon, dass es Frankreich besser ginge, wenn weniger gearbeitet würde. Tosender Applaus folgte.

Schon vor seinem Antritt als Minister war Macron der Liebling von Vorständen und Unternehmern; der frühere Investmentbanker gilt als mindestens sozialdemokratisch, also für französische Verhältnisse fast schon wirtschaftsliberal.

Als er noch ein unbekannter Berater des Präsidentschaftskandidaten Hollande war, im Wahlkampf 2014, hatte er diesen schon gewarnt: Durch die geplante Vermögensteuer von 75 Prozent werde Frankreich wie "Kuba, nur ohne Sonne". Das Bonmot wurde berühmt. Die Steuer wurde dennoch eingeführt - und längst wieder abgeschafft.

Brigitte und Emmanuel auf dem roten Teppich

Macron hat die besten Schulen des Landes besucht, darunter selbstverständlich die École nationale d'administration (ENA). Gemeinsam mit dem Philosophen Paul Ricoeur verfasste er Abhandlungen für das Intellektuellenperiodikum "Esprit". Sich selbst sieht er als Nonkonformist: "Je suis anti-système", sagte er vor Kurzem an einer Hotelbar in Algier, bei Ginger Ale auf Eis. Was zumindest in Sachen Liebe absolut den Tatsachen entspricht, denn Macron ist seit 2011 mit einer 20 Jahre älteren Frau verheiratet, liiert sind die beiden allerdings schon seit zwei Jahrzehnten. Brigitte war seine Lateinlehrerin am Jesuitenkolleg in Amiens.

Aber weil bekanntlich niemand perfekt ist - nicht einmal Emmanuel Macron - unterläuft auch ihm mal ein kleiner Fauxpas, wie zum Beispiel die Homestory, die vor Kurzem in "Paris Match" erschien. Auf Seite 57 schmust er in Shorts mit einer argentinischen Dogge, auf dem Titel flaniert er zusammen mit seiner Frau über einen roten Teppich. Unterzeile: Brigitte und Emmanuel, gemeinsam auf dem Weg zur Macht.

Die Häme kam prompt: "Ah, so sieht also die neue Politik aus", hieß es auf Twitter. Denn "Paris Match" hat seit Beginn der fünften Republik gefühlt etwa jedes Präsidentenpaar plus Homestory auf dem Titel gehabt, genau wie jedes Möchtegernpräsidentenpaar auch. Über seinen Fehler schien sich Macron dann selbst derart zu ärgern, dass er die Sache kurzerhand auf seine Frau schob, die sich mit Medien nicht auskenne. "Meine Frau bereut das Ganze, eine Dummheit", sagte er.

Auch für ein Goldkind mit hochfliegenden Ambitionen gilt: So etwas geht natürlich gar nicht.



insgesamt 59 Beiträge
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Gudrun3 22.04.2016
1. Jetzt Frankreich...
Jetzt will man auch Frankreich neoliberalisieren und Arbeitnehmerrechte und die kleinen Leute schleifen, damit man einige Jahre später dann wiederum in Deutschland sagen kann "schaut auf Frankreich, die haben eine Rosskur gemacht". Wann begreifen die Bürger endlich, dass dieser ganze Zug erst bei der völligen, sozialen Entrechtung der kleinen Leute stoppt?
mka1983 22.04.2016
2. Es ist unwahrscheinlich, dass
es diesem Politiker gelingen wird, das Ruder herum zureißen. Die Franzosen lassen sich im Gegensatz zu den Deutschen nur ungern belügen und stehen schnell auf der Straße, um ihre Rechte einzufordern. Frankreich sollte lieber daran arbeiten, die EU zur EWG zurück zu entwickeln. Mit einer eigenen Währung kann dann auch die Wirtschaft und die verheerende Jugendarbeitslosigkeit angegangen werden.
spon-49j-k5ri 22.04.2016
3.
Bis zu dem Bild mit dem EDF Helm Fand ich interessant, dann fiel mit wieder ein dass die becheuerten Franzosen ja ihre Gammel AKW nicht reparieren, warten oder abschalten wollen. Das wird bei dem nicht besser - also muss man für Freiburg weiter hoffen, dass der wird möglichst oft von Osten kommt.
chiefseattle 22.04.2016
4. Nun,
aus den Zitaten würde ich eher einen neoliberalen Schwätzer herleiten als ein Wunderkind.
Denkt mal selber nach 22.04.2016
5. Ein neuer Superstar?
Ohne jetzt groß recherchiert zu haben, ist es wohl der nächste Neoliberale als Sozi getarnt. Laut Wikipedia steht er "für einen sozialdemokratischen Reformkurs". Er war an der Entwicklung des Reformpaketes beteiligt, dass u.a. "Steuererleichterungen für Unternehmen in Höhe von 30 bis 40 Milliarden Euro" vorsieht. Aha, in Deutschland wissen wir ja was es bedeutet, wenn Sozialdemokraten die Wirtschaft mit Reformen ankurbeln wollen. Was hat uns das gebracht. Gefeierte Mini-Wachstumsraten von 0,2 %. Die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden ist genauso hoch wie vorher, nur verteilen die sich jetzt auf mehre Niedriglöhner. Die Unternehmen investieren so wenig wie nie. Und als Gipfel des ganzen zerstört Deutschland mir seinen den Mastricht-Vertrag verletzenden Exportüberschuss die europäischen Volkswirtschaften. Freuen wir uns, schon darauf, wenn Frankreich es uns nachmacht. Am besten tun es endlich alle Europäer. Unsere Ersparnisse werden dann schon von anderen Volkswirtschaften als Schulden aufgenommen. Und wenn endlich alle so schlau sparen wir wir Deutschen, dann kann sich ja immer noch der Mars bei uns verschulden.
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